"Starker Wind" von John Fosse im Deutschen Theater - Aus dem Fenster und aus der Zeit gefallen

Mo 15.11.21 | 14:27 Uhr
Starker Wind von Jon Fosse Regie: Jossi Wieler Bühne & Kostüme: Teresa Vergho Musik: Michael Verhovec Dramaturgie: John von Düffel Auf dem Bild: Max Simonischek, Maren Eggert, Bernd Moss. (Quelle: Arno Declair)
Audio: rbbKultur | 15.11.2021 | Ute Büsing | Bild: Arno Declair

Immer wieder wird der norwegische Dramatiker Jon Fosse als Kandidat auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Jetzt hat er mit "Starker Wind" ein neues Stück vorgelegt. Die deutschsprachige Erstaufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters besorgte Jossi Wieler. Von Ute Büsing

Es beginnt als Meditation über ein Fenster. Ein und dasselbe oder derer viele, an denen er für Augen-Blicke, oder war es ein Augen-Blinzeln?, verharrte. Jedenfalls schaut er jetzt hinaus, er, ein offenbar in die Jahre gekommener alter weißer Mann, gespielt von Bernd Moss in auberginefarbenem Anzug und schwarzem T-Shirt. Er ist zurückgekehrt in eine Wohnung, in der seine Frau nun mit einem anderen, jüngeren Mann lebt. Das erzählt er jedenfalls. Ausufernd und larmoyant.

Moss muss als namenloser Mann in dem insgesamt nur knapp 70-minütigen szenischen Gedicht lange meditativ monologisieren, bis erst seine Frau und kurz darauf ihr neuer Lebensgefährte hinzukommen. Mutmaßlich sind sie ohnehin nur Figuren in seinem Kopf. Mit ganz wenigen Worten und Gesten machen sich Maren Eggert im giftgrünen Kleid und Max Simonischek im knallorten Pullover als Verliebte bemerkbar. Er ist hingebungsvoll naiv und sogar bereit zu teilen. Sie ist sehr bestimmt in ihrer Hinwendung zum Neuen und ihrer Ablehnung des Ex: "Geh jetzt!"

Monologisieren über Verlorenes

Gespielt wird in den Stuhlreihen des Parketts der Kammerspiele, während das Publikum auf der Bühne sitzt. Das ist der kleine Clou an Jossi Wielers Inszenierung des bedeutungsschwanger unterströmten (nur 37 Seiten kurzen) Textes, dem hier ein suggestives Grundrauschen, wie eben bei starkem Wind, unterliegt.

Mag sein, das soll uns alle angehen: dieser elend lange Blick aus einem Fenster wie in Zeiten der schon wieder aufkeimenden Pandemie. Dieses Monologisieren über Verlorenes.

Leben geht jedenfalls anders als in dieser doch arg verquasten Kunstanstrengung um eine im Kern vergebliche Rückkehr zu Umständen, die sich in der Abwesenheit verändert haben. Zehn Jahre war der bis in die 2010er Jahre viel gespielte Jon Fosse bühnenabstinent. Der Ibsen-Preisträger hat statt Theaterstücke Romane und Gedichte geschrieben. "Starker Wind", uraufgeführt in Oslo, markiert jetzt auch die Rückkehr des Norwegers – in eine doch einigermaßen veränderte Theaterlandschaft.

Starker Wind von Jon Fosse Regie: Jossi Wieler Bühne & Kostüme: Teresa Vergho Musik: Michael Verhovec Dramaturgie: John von Düffel Auf dem Bild: Maren Eggert, Max Simonischek. (Quelle: Arno Declair)

Rückkehr des Dramatikers in eine veränderte Theaterlandschaft

Früher, da zündeten Fosses minimalistische unterkühlte Betrachtungen von Beziehungen. Heute wirkt dieser in "Starker Wind" ausgestellte Alptraum über unwiederbringlich Verlorenes aus der Zeit gefallen. Gestellt und gestelzt. Immerhin die Bühne, sie dreht sich mit dem Publikum drauf und stoppt vor der Hinterbühne, wo sich das neue Paar im angedeuteten Liebesspiel an einer giftgrünen Kletterwand übt, sich an den Sprossen spreizt. Zum Finale schmiert es sich dort mit grüner Farbe ein (Bühne und Kostüme: Teresa Vergho).

Was das zähe Ringen soll, das vom Eifersuchtsdrama so weit entfernt ist wie die Erde vom Mond, bleibt nebulös. Der ältere Mann möchte zurück in seine angestammten Verhältnisse, seine Ehefrau will, dass er geht, während der jüngere ihn zum Wohnen zu dritt einlädt. Als Ausweg bleibt nur das Fenster im 13. Stock, dem starken, erfrischenden Wind entgegen. Berührt hat mich diese Versuchsanordnung im Kopf eines Ausgeschlossenen leider nicht!

Sendung: rbbKultur, 15.11.2021, 7:45 Uhr

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