Schwerpunkt Jugendkultur - Afrikamera Filmfestival zeigt urbane afrikanische Lebensgeschichten

Di 16.11.21 | 15:07 Uhr | Von Laf Überland
Freda (Quelle: © Afrikamera 2021)
Audio: Inforadio | 16.11.2021 | Laf Überland | Bild: © Afrikamera 2021

Beim diesjährigen Afrikamera-Festival dreht sich das Programm um Jugend und Jugendkultur in Afrika. Die Urbanisierung des Kontinents mit einer mehrheitlich jungen Stadtbevölkerung, vollzieht sich extrem schnell. Von Laf Überland

Senegalesischer Rap war mal eine der wichtigsten Spielarten des afrikanischen Hip Hop. Aber inzwischen hat sich der Erfolg totgelaufen, der Gangsta-Rap ist tot, und junge Männer hocken in Dakar rappend im Straßenstaub; junge Frauen und Mädchen träumen von Modelkarrieren, während die Produzenten in den Seitenstraßenstudios die unoriginellen Machos wieder nach Hause schicken, wo ein Leben als Tagelöhner auf sie wartet.

Seit 2007 soll das Afrikamera jedes Jahr dem Berliner Publikum aktuelles junges Kino aus Afrika näherbringen. Bis zum 21. November findet die 14. Festivalausgabe im Kino Arsenal und im neu eröffneten Humboldt Forum statt - alle Filme mit englischen oder sogar deutschen Untertiteln und mit anschließendem Podiumsgespräch. In diesem Jahr dreht sich das Programm um Jugend und Jugendkultur in Afrika, denn die Urbanisierung des Kontinents - mit einer mehrheitlich jungen Stadtbevölkerung - vollzieht sich in den letzten Jahrzehnten extrem schnell und verändert das Leben in den Metropolen.

Der Gangsta-Rap ist tot, Frauen und Mädchen träumen von Modelkarrieren

Das ist so die Gemengelage, in der die 18-jährige Monasse (als viertes von sieben Kindern einer alleinerziehenden Mutter mit einem Gemüsestand) in einem Getto von Dakar plötzlich entdeckt, daß sie rappen kann – und will! Und damit beginnt ihre Wanderung durch ein umfassendes und buntes Panorama der modernen senegalesischen Gesellschaft: zwischen Smartphones allerorten und Mamas Gemüsestand, Gewalt an der Schule und Mauschelei mit Rapsponsoren, zwischen Skaterpark und Korruption, zwischen adaptierter westlicher Moderne und archaischen Rollenverhältnissen.

Und während Monasse bei ihrem ersten und beklatschten Auftritt von einem neidischen Möchtegernrapper verdroschen wird (immerhin ist er ein Mann!), muss der Direktor sie leider von der Schule werfen, obwohl sie so eine brilliante Schülerin ist – aber als Rapperin, das geht gar nicht.

Und so wird geweint, geprügelt, geschimpft und geträumt in dieser Mischung aus Seifenoper, Sozialdrama und Coming-Of-Age-Komödie, Jugendfernsehen und Krimi. "Walabok" heißt die Serie, "Was ist los?", im Untertitel "Comment va la jeunesse" – "Wie geht’s der Jugend?". In dreißig Folgen zu 25 Minuten, gedreht für eine senegalesische Streamingplattform, verbindet die Regisseurin Autorin, Pädagogin und Regisseurin Fatou Kandé Senghor die Geschichten von Jugendlichen in Dakar, die sie vor fünf Jahren in einem Oral-History-Buch gesammelt hatte.

La Nuit des Rois, Arsenal 20.11.2021 (Quelle: © Afrikamera 2021)La Nuit des Rois

Gerangel zwischen alter und junger urbaner Kultur

Diese Alltagsgeschichte ist eine der Erzählungen, mit denen die Filme des 14. Afrikamera-Festivals vom Gerangel zwischen alter und junger urbaner Kultur in verschiedenen Ländern des afrikanischen Kontinents berichten.

Da stoßen die Ungleichzeitigkeit der alten und der jungen Kultur aufeinander, wenn unhinterfragte Traditionen missbraucht werden wie in der gruseligen Doku "The Letter" (20.11., Arsenal) über alte Frauen, die als Hexen diffamiert und vertrieben werden, damit Spekulanten sich ihre Grundstücke krallen können, oder wenn sich in "Juju Stories" (18.11., Arsenal) drei Geschichten schmunzelnd darüberbeugen, wie Bräuche und Aberglauben auch heute noch die Leben junger afrikanischer Liebender durcheinanderbringen können.

Teils ernst und teils mit trockener Komik entfalten die Filme ihre Themen, als Dokumentationen oder Spielfilme, der namibische "#LANDoftheBRAVEfilm" (18.11., Humboldt Forum) ist gar ein lupenreiner düsterer Serienmörder-Cop-Thriller um eine Ermittlerin im Rotlichtviertel von Windhoek. "La Nuit des Rois" (20.11., Arsenal) enthüllt einen Alptraum, als ein junger Dieb in La Maca, in einem der völlig überfüllten Gefängnisse an der Elfenbeinküste, von dem Anführer der Insassen gezwungen wird, eine Geschichte zu erzählen, sonst muss er sterben: Diese umgesiedelte Scheherazade-Geschichte entfaltet sich zwischen Surrealität und Fantasy zum schieren Alptraum. Denn während der Junge erzählt, bahnt sich im Gefängnis ein Aufstand an.

Downstream to Kinshasa Arsenal am 18.11.2021 (Quelle: © Afrikamera 2021)Downstrem to Kinshasa

Afrika sind viele Länder mit vielen unterschiedlichen Erzählungen

"Downstream to Kinshasa" (18.11., Arsenal) begleitet neun Überlebende des Sechs-Tage-Krieges zwischen der ugandischen und der ruandischen Armee im Juni 2000 auf ihrem strapaziösen Weg entlang des Kongo nach Kinshasa zur Nationalversammlung, wo sie die versprochenen Reparationen einfordern wollen - Kriegsversehrte in Rollstühlen und mit uralten Prothesen. Die Langzeitbeobachtung "Zinder" (18.11., Arsenal) hingegen folgt in einer den Heavys einer Drogengang namens "Hitler" beim gemeinsamen Muskeltraining und ihren kriminellen Geschäften in der zweitgrößten Stadt in Niger.

Es gibt ernste oder auch kuriose Kurzfilme, wie den über die Fahrt einer sudanesischen Jiu-Jitsu-Gruppe im Minivan nach Nairobi und Musikfilme über Musikerinnen in Ghana und nächtliche Parties mit der kongolesischen Rumba, die Identitätssuche auf Instagram im postrevolutionären Ägypten oder Chinas wachsender Einfluss auf dem Kontinent, der sich in einem buddhistischen chinesischen Waisenhaus in Malawi manifestiert, wo die Kinder und Jugendlichen Mandarin sprechen und buddhistische Traditionen pflegen müssen.

In 17 Lang- und mehreren Kurzfilmen sowie fünf Virtual-Reality-Produktionen von Ägypten bis Burkina Faso und von Kenia bis Kamerun überrascht das Afrikamera-Festival zumindest mitteleuropäische Zuschauer mit Füllhörnern von unerwarteten Schnipseln über die Vielfalt der urbanen afrikanischen Lebensgeschichten. Aber klar: Afrika ist ja kein Land, obwohl viele Menschen hierzulande den Kontinent so betrachten. Afrika ist viele Länder mit vielen unterschiedlichen Erzählungen.

Sendung: Inforadio, 16.11.2021, 9:55 Uhr

Beitrag von Laf Überland

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