Fahrrad-Ausstellung im Märkischen Museum - Alles außer dem Alltagsrad

Sa 13.11.21 | 08:28 Uhr | Von Oliver Kranz
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Eine Foto aus der Ausstellung "Easy Rider" zeigt die Fahrradkultur in den USA (Bild: Märkisches Museum/Julie Glassberg)
Audio: rbbKultur | 12.11.2021 | Oliver Kranz | Bild: Märkisches Museum/Julie Glassberg

Von der Straße ins Museum: Die Ausstellung, die im Sommer auf Lastenfahrrädern durch Berlin unterwegs war, ist nun im Märkischen Museum zu sehen. Untertitel: Das Fahrrad als Utopie. Von Oliver Kranz

Von der vergoldeten Tretkurbel bis zum Flugsimulator ist alles dabei. Der "Sky Rider" von Frank Blum sieht wie eine riesige Drohne aus. Er verfügt über vier Propeller, die sich drehen, wenn man in die Pedale tritt. Die Besucher*innen der Ausstellung können es selbst probieren: Wer genug Energie produziert, hebt ab – zumindest virtuell. Auf einer Leinwand gleiten Berliner Straßenschluchten vorbei.

Irgendwann einmal soll der Sky Rider auch in echt fliegen. Doch vorerst versinnbildlicht er die Idee. "Es geht um das Gefühl der absoluten Freiheit", erklärt Paul Spies, der Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Er hat die "Easy Rider Road Show" ins Märkische Museum geholt. "Ich fahre selbst gern Rad. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln habe ich Probleme. Ich mag es nicht, von Fahrplänen abhängig zu sein. Als Radfahrer bin ich flexibler und habe den Kopf frei. Das Gefühl von Freiheit gehört zu Berlin. Deshalb passt die Ausstellung sehr gut in dieses Haus."

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Synthesizergeräusche, rosa Lack und Gänsedaunen

Die Kuratoren der Ausstellung kommen vom Musuku – dem Museum für Subkulturen, das über kein eigenes Gebäude verfügt. Sie hatten die "Easy Rider Road Show" ursprünglich als Freilicht-Ausstellung konzipiert. Das wichtigste Gestaltungselement waren Schautafeln, die mit Lastenfahrrädern ohne großen Aufwand hin und her gefahren werden konnten.

Im Museum kann nun einiges mehr geboten werden. Zu sehen sind Fahrräder und Biker-Kostüme, Trikots und Trophäen. Es gibt ein Sound Bike, das Synthesizergeräusche von sich gibt, wenn man in die Pedale tritt, ein Angel Bike, das über und über mit Gänsedaunen beklebt ist und ein Kampfrad mit dickem Stahlrahmen und Stoßstangen, die rosa lackiert sind.

Ein Blick in die Ausstellung "Easy Rider" im Märkischen Museum (Bild: Märkisches Museum/Chrstian Kielmann)Ein Blick in die Ausstellung "Easy Rider Road Show".

Martialische Kämpfe auf dem Fahrrad

"Das ist ein Teilnehmer-Fahrrad der Bike Wars", erläutert Chris Keller vom Kuratorenteam. So heißt ein Wettkampf, der einmal jährlich beim Karneval der Subkulturen in einem ehemals besetzten Haus in der Köpenicker Straße stattfindet. "Da geht es darum, die Fahrräder der Gegner zu zerstören. Dieses hier heißt 'Pink Assassin' und war mehrere Jahre das Gewinnerrad." Die Kämpfe wirkten martialisch, sagt Chris Keller, seien aber zugleich ein gemeinschaftsstiftendes Ritual.

Die Ausstellung berichtet von verschiedenen Wettbewerben: Wer baut das größte, wer das verrückteste, wer das robusteste Fahrrad? Wem gelingen die besten Tricks? In London gibt es die Initiative "Knives Down, Bikes Up", die die Gewalt auf den Straßen zurückdrängen will. Statt sich in Messerstechereien verwickeln zu lassen, sollen die Jugendlichen mit Fahrrädern trainieren. Die erstaunlichsten Kunststücke sind in der Ausstellung im Video zu sehen.

Die wilde Seite des Fahrradfahrens

In Mexiko Stadt gibt es den "Chilangos Lowbike Club", in dem sich ehemalige Kriminelle zusammengefunden haben. Sie tragen schwarze Kleidung, haben auffällige Tattoos und fahren auf Rädern mit hohen Lenkern durch die Stadt. "Auch hier geht es um den Gewaltverzicht", sagt Chris Keller. "Alkohol und Drogen bleiben außen vor. Die Männer wollen ihre gepimpten Lowbikes zeigen. Durchs Fahrrad haben sie einen Weg gefunden, ihr Leben positiv zu verändern."

Die Ausstellung im Märkischen Museum trägt spannende Geschichten zusammen – zum Fahrradfahren als Gemeinschaftserlebnis, als kreativer Wettbewerb oder politisches Statement. Nur eines findet man nicht, nämlich das ganz normale Alltagsrad. Die Kuratoren wollen die wilde Seite des Fahrradfahrens präsentieren. Und das gelingt auf eindrucksvolle Weise.

Sendung: rbb Kultur, 12.11.2021, 09:50 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

3 Kommentare

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  1. 3.

    Sie schreiben über Indien, die dortigen Verkehrsregeln sind denkbar einfach: 1. Gefahren wird links, links ist überall. 2. Fahre so schnell du kannst, die Anderen tun das auch. 3. Überhole, auch wenn du glaubst es geht nicht. Es geht. 4. Nimm keine Rücksicht auf den Gegenverkehr, er tut es auch nicht. 5. Ampelsignale sind eine Empfehlung, keine Vorschrift.
    Kommen da Vergleiche auf?

  2. 2.

    Der Hype im Moment besteht darin das Auto zu verdammen, ruecksichtslos mit Fussgaengern und auch anderen Verkehrsteilnehmern umzugehen, teilweise sogar mit der gleichen Art und einen Egoismus im Strassenverkehr an den Tag zu legen der nicht gut gehen kann. Vernunftbegabte Radler treten in den Hintergrund die zum Beispiel noch Richtungs wechsel oder Fahrtrichtungen erkennen. Lichtzeichen und andere Verkehsrichtlinie werden gelinde gesaht zumindest umgangen. Die radfahrende Bevölkerung unternimmt wohl den Versuch sich selbst auszurotten, gibt dabei aber kein gutes Beispiel für die Kindee ab. Da heisst es dann z. B. auf dem Bürgersteig "muss du klingeln". Niur brauch ich nicht beiseite zu springen,auch nicht auf Zuruf.

  3. 1.

    Zu Paul Spies: Ich war noch von Fahrplänen abhängig. Bei gestreckten Zeiten oberhalb von 10 Minuten schaue ich drauf und entscheide, welche Bahn und welchen Bus ich nehme, bei Zeiten unterhalb von 10 Minuten ist mir die genaue Abfahrtszeit piepegal.

    Die Freiheit des Radfahrens ist nur dann gegeben, wenn sich deren Fahrende nicht alle Sekunden mit anderen über die Vorfahrt, über die Schnelligkeit, über den Platz streiten müssen oder wollen. In Indien ist diese Art der Freiheit in den Großstädten gewiss nicht der Fall, in Münster würde ich dies bspw. auch etwas infragestellen.

    Alles, was zum Hype gerät, bringt zwar Spannung und Skurrilität, doch Freiheit in einem großzügigeren Sinne bringt es nach meiner Empfindung nicht. Nach dem Auto-Hype der Nachkriegszeit, der alles andere an die Wand gedrückt hat, sind unsere Städte zu schade, um einen Hype durch einen anderen abzulösen, wenngleich auch mit etwas weniger gravierenden Auswirkungen.



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