75 Jahre DSO Berlin - Ein Chamäleon des Klangs

Fr 19.11.21 | 13:47 Uhr | Von Jens Lehmann
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin und Robin Ticciati (Quelle: Peter Adamik)
Video: Abendschau | 19.11.2021 | Petra Gute | Bild: Peter Adamik

Kurz nach dem Krieg als Orchester für die Berliner Westsektoren gegründet, ist das Deutsche Symphonie Orchester Berlin heute eines der besten und innovativsten Ensembles in Deutschland. Jetzt feiert es 75-jähriges Bestehen. Von Jens Lehmann

Im Hungerwinter 1946 ist es den West-Alliierten entschieden zu still in den Trümmern Berlins. Das bestehende Rundfunk-Sinfonieorchester steht unter sowjetischer Kontrolle und wird zunehmend als Propaganda-Instrument eingesetzt. Als Gegenmodell wird das RIAS-Symphonie-Orchester, das heutige Deutsche Symphonie Orchester, gegründet.

Die Amerikaner nehmen dafür viel Geld in die Hand, schließlich ist Kultur eines der wichtigsten Mittel zur "Re-Education", also der Umerziehung und Entnazifizierung der Berlinerinnen und Berliner.

Einer der großen Mozart-Interpreten des 20. Jahrhunderts wird der erste Chefdirigent des RIAS-Symphonie-Orchesters: Ferenc Fricsay. Ein Glücksfall für die Musiker und die Stadt. In einem Interview sagt der Publikumsliebling: "Ich fühle mich mit Berlin sehr verwachsen. Ich bin in einer Zeit nach Berlin gekommen, in der es kein Wasser, kein Licht, kein Strom und keine Wärme gab. Und ich war dennoch froh und glücklich, dass ich hier arbeiten konnte!"

Botschafter der Versöhnung

Fricsay erfüllt den Wunsch der Alliierten, auch die Werke aufs Programm zu setzen, die während der Nazi-Diktatur nicht zu hören waren. Musik von Bartok, Honegger, Kodaly, Milhaud oder Schönberg gehört damals ganz selbstverständlich zum Repertoire des Orchesters.

Zunehmend wird das Orchester auch ein Botschafter der Versöhnung. Ausgedehnte Europatourneen mit dem jüdischen Stargeiger Yehudi Menuhin haben große Symbolkraft. Und Menuhin wird zu einem der wichtigen Partner des Orchesters, der auch mal finanziell aushilft, wie sich Fricsays Mitarbeiterin Elsa Schiller erinnert. Dem Orchester fehlte 1949 schlicht das Geld für die Abendgarderobe.

"Davon erzählte ich dem großen Geiger Yehudi Menuhin, der im RIAS gerade eine Aufnahme machte. Als er nach der Aufnahme sein Honorar entgegennahm, überreichte er es mit den Worten: 'Ich schenke Ihnen das Geld für das Orchester, als Grundstock für die Fräcke'."

Frisch eingekleidet sorgt das Orchester nicht nur im Radio, sondern auch im Berliner Konzertleben für Furore. Fricsay macht das Orchester bis zu seinem Tod 1963 zu einem der besten Klangkörper Europas.

Virtuose Brillanz – Perfektion des Zusammenspiels

"Künstlerisch handelt es sich um einen Klangkörper virtuoser Brillanz, außerordentlicher rhythmischer Präzision in den einzelnen Gruppen – und einer bewundernswerten Perfektion des Zusammenspiels." So heißt es schon 1971, zum 25. Geburtstag, über das Orchester. Das liegt auch am exzellenten Händchen für die Chefdirigenten - die bei ihrem Amtsantritt selten älter als 35 Jahre alt sind. Zielsicher entscheidet man sich jeweils für die größten Talente unter den jungen Dirigenten. So prägen zum Beispiel auch Lorin Maazel und Riccardo Chailly das Orchester, das inzwischen Radio-Symphonie-Orchester heißt.

Kurz nach dem Mauerfall dann der Schock: Eine Fusion mit dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester im Ostteil der Stadt soll "Synergien schaffen", wie es so schön heißt – und viele brillante Musikerinnen und Musiker den Job kosten. Nicht die erste existenzielle Krise, denn schon 1953 drehen die Amerikaner den Geldhahn zu – und das Orchester kann nur gerettet werden, weil die Stadt Berlin und der Bund einspringen. Zusammen mit dem Sender Freies Berlin entsteht so eine Struktur, die bis heute in Kooperation mit rbb und Deutschlandfunk gut funktioniert.

Unternehmungslustiges Orchester

1993 findet das Ensemble dann zu seinem heutigen Namen: Deutsches Symphonie Orchester. Das klingt allerdings staatstragender als sich das Ensemble selbst fühlt. Kent Nagano, Ingo Metzmacher, Tugan Sokhiev und Robin Ticciati sind die Chefdirigenten dieser neuen Ära. Und in direkter Konkurrenz zu den Berliner Philharmonikern erweist sich das DSO als das unternehmungslustigere, das flexiblere Orchester.

Robin Ticciati ist seit vier Jahren dabei und umschreibt den Charakter des DSO so: "Es ist weniger ein spezieller Klang als ein spezieller Geist im Orchester, eine Flexibilität, die ihnen alle möglichen Klänge erlaubt. Das DSO ist ein Chamäleon, es kann so viele Dinge, ohne sich dabei auf einer Tradition auszuruhen: 'Nein nein, wir klingen aber so! Und haben das schon immer so gemacht.' Das ist der Tod jeder Musik. Die Musikerinnen und Musiker sind immer auf der Suche, treiben sich an."

Kein Wunder, dass in den 75 Jahren mehr als 400 Ur- und Erstaufführungen von mehr als 270 verschiedenen Komponistinnen und Komponisten in den Büchern stehen. Dazu kommen über die Jahre immer wieder neue Konzertformate. Schon Fricsay war nicht nur im Radio, sondern auch im Konzert ein unterhaltsamer Musik-Erklärer. Dazu kamen Werkstatt-Konzerte oder die "Wege zur Neuen Musik".

Kontakt zum Publikum

Doch auch heute ist dem DSO der Kontakt zu seinem Publikum immens wichtig. In Kinderkonzerten, bei Schulbesuchen, mit einem eigenen Abonnentenorchester, dem alljährlichen "Symphonic Mob" in der Mall of Berlin oder den Casual Concerts, in denen der Dirigent des Abends zum lockeren Conferencier wird.

Robin Ticciati sieht darin die Zukunft seines Orchesters: "Wir bemühen uns immer um intellektuelle, ansprechende Programme, aber da gibt es diese Schnittstelle zu unserem Publikum, um die wir uns noch mehr kümmern müssen. Wir müssen den Kontakt suchen, ihn vertiefen, verstärken, wir müssen die Musik enträtseln. Die Frage ist doch: Wie können wir die Menschen erreichen? Warum sind wir hier?"

Darum geht es auch in den Jubiläumskonzerten: Von Ralph Vaughan Williams bis zum britischen Zeitgenossen George Benjamin reicht das Spektrum – und dazwischen wird über "Vergangenheit und Zukunft" improvisiert. Ticciati spricht vom "Genie des Augenblicks", in dem sich seine Musiker und er ein weiteres Mal "von der Klippe stürzen", wie er es nennt. Mögen Sie es auch die nächsten 75 Jahre immer wieder tun.

Das Antrittskonzert von Robin Ticciati beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am 26.09.2017. (Quelle: MUTESOUVENIR/Kai BienertRobin Ticciati bei seinem Antrittskonzert beim Deutschen Symphonie-Orchester 2017.

Sendung: rbbKultur, 20.11.21, 20:00 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

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