Interview | "Ring des Nibelungen" - "Der Ring versetzt mich in den Totalrausch"

Di 09.11.21 | 12:04 Uhr
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DEUTSCHE OPER BERLIN GÖTTERDÄMMERUNG. Premiere 17.10.2021 Musikalische Leitung: Donald Runnicles, Regie: Stephan Herheim. (Quelle: deutscheoperberlin.de/Bernd Uhlig)
Audio: Inforadio | 09.11.2021 | A. Ulrich | Bild: deutscheoperberlin.de/Bernd Uhlig

16 Stunden Wagner pur: Die Deutsche Oper präsentiert von Dienstag bis Sonntag den "Ring des Nibelungen" in der Regie von Stefan Herheim als Vierteiler. rbb-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski will unbedingt dabei sein. Warum eigentlich?

rbb|24: Frau Ossowski, heute Abend geht es los mit dem Wagner-Marathon für Sie, 16 Stunden Wagner, die Maske ist in der Deutschen Oper auch auf dem Platz Pflicht. Sind sie Masochistin?

Maria Ossowski: Nein. Rauschmittelabhängig. Der Ring versetzt mich in den Totalrausch. Die 250 Leitmotive setzen sich im Kopf fest, verkleben und vermischen sich da unkontrolliert. Es ist ein Wegtauchen in eine andere Welt.

Ist es auch eine Flucht?

Vielleicht ja, eher nein. Der Ring erzählt von der Essenz des Menschseins. Liebe und Lust, Gier und Verrat, Macht und Ohnmacht, Geburt und Mord, Edelmut und Betrug - das ist alles im Einklang, alles im Widerspruch. Das "Sowohl-als-auch" gilt wie so oft bei Wagner auch im "Ring des Nibelungen".

deutsche Oper berlin

Der Ring beginnt mit dem "Rheingold", dann kommen "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung". Diese Reihenfolge war durch Corona total durcheinander gekommen, hat das gestört?

Sehr. Die Story ist ein Krimi, durchaus mit Längen, alle erzählen beziehungsweise singen gern jede Wendung von vorn, aber das Ding hat einen ungeheuren Sog. Jetzt endlich sehen und hören wir es in der richtigen Reihenfolge.

Was erwarten Sie?

Bestes Storytelling. Musik umgesetzt in starke Bilder, einen Roten Faden vom Ringklau im Rhein bis zur einstürzenden Burg. Bei Götz Friedrichs Berliner Inzenierung war's der legendäre New Yorker Tunnel, in dem die Götter, Riesen, Wälsungen und sämtliche Geschlechter einander liebten und bekriegten. Bei Stefan Herheim ist es wohl das Spiel im Spiel, es sind Menschen auf der Flucht, so ganz bin ich noch nicht durchgestiegen. Es fehlt noch "Siegfried", die Premiere ist im ersten Zyklus am Freitag.

"Die Götterdämmerung" hatte in den Berliner Feuilletons miserable Kritiken - war das gerechtfertigt?

Teilweise schon. Es ging einiges schief, es war zu bunt, zu wenig ernsthaft. Jedoch fand ich die Kritiken übertrieben böse, fundamentalistisch wütend. Wagner lässt halt niemanden kalt. Da schwappen die Gefühle leicht über. Aber Stefan Herheim versteht es, poetische Bilder zu zaubern. Eine für mich endgültige Meinung kann ich mir erst nach der Götterdämmerung am Sonntag bilden.

Ist Ihnen Ihre Wagnerlust eigentlich manchmal peinlich? Der Komponist war ein glühender Antisemit, Hitler hat Wagners Musik geliebt.

Ein Israeli, Nachkomme von Shoahüberlebenden, hat es in Axel Brüggemanns feinem Dokumentarfilm "Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt" so formuliert: "Wagner war ein scheußlicher Mensch, der herrliche Musik geschrieben hat." So empfinde ich es auch. Die Texte sind verschroben, verschwurbelt und oft absurd. Wagner hatte einen miesen Charakter. Aber seine Musik: unendlich tiefsinnig und schön.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit Maria Ossowski führte Angela Ulrich, Inforadio.

Sendung: Inforadio, 09.11.2021, 07:55 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Bitte befassen sie sich doch erst mit dem Leben und Wirken von Goethe und Wagner bevor sie letzerem unterstellen, er hätte eine Steilvorlage für Nazis geliefert. Dies impliziert "er hätte es gewusst" - das ist unhaltbar. Auch eine Ablieferung eines Gegenstückes zu Goethes Faust ist nicht nur inhaltlich eine völlig abstruse Aussage. Selbst Hoffmann von Fallersleben komponierte das Lied der Deutschen auf Helgoland ohne jegliche Ahnung von dem was später kam. Es wurden sehr viele Werke von den Nationalsozialisten schlicht mißbraucht.
    In einfacher Sprache: Als die Herrschaften das Zeitliche segneten war Hitler noch Quark im Regal. Da hätte er auch bleiben sollen.

  2. 2.

    Ich werde da sein und freue mich darauf!

  3. 1.

    Wagner hat keine "herrliche Musik" geschrieben sondern musikalische Heldenepen als Steilvorlage für Hitlers Herrenmenschentum.
    Wahrscheinlich wollte er so eine Art musikalisches Gegenstück zu Goethes Faust abliefern.
    Falls zutreffend würde ich das aber als nicht gelungen bezeichnen.

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