Frühkritik | Abschlusskonzert Jazzfest Berlin - Jazz zum Mitmachen

Mo 08.11.21 | 10:33 Uhr
Dave Douglas (Quelle: John Abbott)
Audio: Inforadio | 08.11.2021 | Hans Ackermann | Bild: John Abbott

Im Silent Green ist gestern das Jazzfest Berlin zu Ende gegangen. An vier Tagen waren mehr als 20 Konzerte mit internationalen Ensembles zu erleben, dazu gab es Livestreams aus Kairo, Sao Paolo und Johannesburg. Hans Ackermann hat den Abschluss des Festivals miterlebt und zieht eine positive Bilanz.

Noch einmal geht es hinunter in den unterirdischen Betonsaal des Silent Green. Hier wartet am letzten Festivalabend mit Dave Douglas einer der kreativsten Trompeter des Jazz.

Weltliche Psalmen

"Secular Psalms - weltliche Psalmen" heißt die Auftragskomposition, die Douglas mit seinem Kammerjazz-Ensemble vor einer riesigen Projektion des "Genter Altars" aufführt. Das mehrteilige Altarbild hat der flämische Meister Jan van Eyk vor gut 600 Jahren für die St.-Bavo-Kathedrale in Gent gemalt. Welch ein spannender Kontrast, wenn vor diesem berühmten Bild - das unter anderem musizierende Engel, aber auch Adam und Eva im Paradies zeigt - ein modernes Jazzgitarrensolo erklingt.

Stilistische Vielfalt

Den Jazz weiterentwickeln - diese Absicht verwirklicht Dave Douglas mit einem jungen Ensemble, das mit größter klanglicher Neugierde Renaissanceklänge und zeitgenössischen Jazz verbindet - und die Grenzen zwischen E und U einfach nicht zur Kenntnis nimmt. Das Ensemble, aus dem neben dem Gitarristen Frederik Leroux auch die junge Pianistin Marta Warelis und der exzellente und experimentierfreudige Schlagzeuger Antoine Pierre herausragen, zeigt jene klangliche Vielfalt, die beim Jazzfest Berlin auch in der Gesamtheit der rund 20 Livekonzerte und ebenso vielen Livestreams aus aller Welt als beeindruckende stilistische Bandbreite zu beobachten war.

Neue Räume

All das konnte man dann auch noch in drei ganz unterschiedlichen, auf jeweils eigene Weise faszinierenden Konzertsälen erleben: in der Betonhalle als Hauptspielort, dazu mit dem Pierre Boulez Saal ein überwiegend für Kammermusik genutzter Saal und schließlich die Gedächtniskirche, in der es unter anderem Live-Improvisation auf der großen Kirchenorgel gab. Alle drei "Bühnen" stehen hoffentlich auch beim nächsten Jazzfest wieder als Spielstätten für die improvisierte Musik zur Verfügung.

Jazz zum Mitmachen

In der Betonhalle klatscht beim letzten Konzert des Festivals dann der ganze Saal rhythmisch zur Musik des Südafrikaners Nduduzo Makhathini. Angekündigt als Pianist, erfüllt er die Erwartungen mit kraftvollen Improvisationen am Instrument, wird am Ende aber auch zum "Vorsänger" und aktiviert auf diese Weise mit einfachen Mitteln das Publikum dazu, tatkräftig ein gemeinsames musikalisches Erlebnis zu gestalten. Mehr kann sich ein Musikfestival als Höhepunkt nicht wünschen.

Alle Konzerte und Livestreams sind übrigens weiterhin im Internet abrufbar, außerdem findet sich dort auch ein "Digital Guide" mit Interviews und Beiträgen zu den verschiedenen thematischen Schwerpunkten des Festivals.

Sendung: Inforadio, 08.11.2021, 7:55 Uhr

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