Kritik | Jazzfest in Berlin eröffnet - Holz oder Beton

Fr 05.11.21 | 12:03 Uhr | Von Hans Ackermann
The Quartet NL tritt beim North Sea Jazz Downtown in De Doelen auf. Die Formation besteht aus Benjamin Herman (Saxophon), Ernst Glerum (Kontrabass), Peter Beets (Klavier) und Han Bennink (Schlagzeug). (Quelle: dpa/Paul Bergen)
Audio: Inforadio | 05.11.2021 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Paul Bergen

Am Donnerstag hat das Jazzfest Berlin begonnen. Bis Sonntag werden mehr als 20 Konzerte unterschiedlichste Spielarten der improvisierten Musik präsentieren. Der Hauptstandort ist in diesem Jahr das "Silent Green" in Wedding. Von Hans Ackermann

Es groovt mächtig und Humor sprüht aus den Noten, wenn Han Bennink mit weißer Schirmmütze auf dem Kopf am Schlagzeug sitzt und den Abend mit einem Titel von Duke Ellington eröffnet. Seinen 80. Geburtstag wird der niederländische Drummer im nächsten Jahr feiern. Bei den Berliner Jazztagen, wie das Festival damals noch hieß, hat Bennink vor genau 50 Jahren zum ersten Mal gespielt - eine Legende des europäischen Jazz.

Instant Composer

Für Benninks "ICP Orchestra", den "Instant Composers Pool", wie das Ensemble mit fünf Bläsern, Kontrabass, E-Gitarre, Klavier und Geige seit den 1960er-Jahren heißt, ist die Betonhalle unter dem Silent Green genau der richtige Ort. Ein gigantisch-großer, dennoch überaus gemütlicher "Jazzkeller", der kein bißchen nach Beton klingt, sondern mit schweren Vorhängen an den Wänden und anderen akustischen Maßnahmen in einen hervorragend klingenden, unterirdischen Konzertraum verwandelt wurde.

Und so möchte man nach dem Auftritt der exzellenten Band aus Amsterdam eigentlich noch bleiben und die "Killing Popes" erleben, mit ihrer spannenden Mischung aus Jazz und Elektronik - vielleicht ein andernmal, denn in wenigen Kilometern Luftlinie warten im Pierre-Boulez-Saal an diesem prallvollen Jazz-Abend einige prominente Pianistinnen und Pianisten.

Klangkunst mit Trompete und Klavier

Darunter Kaja Draksler, die sich für das Konzert mit der portugiesischen Trompeterin Susana Santos Silva zusammengetan hat. Die beiden Musikerinnen haben schon vor einigen Jahren ein Album mit dem Titel "This Love" aufgenommen, seitdem spielen sie immer mal wieder zusammen und bieten vollendete Klangkunst im schönsten Kammermusiksaal der Stadt.

Improvisierend ineinander verschlungen loten sie die klanglichen Möglichkeiten ihrer Instrumente aus, gehen dabei gern auch mal bis zur Schmerzgrenze. Die aus Slowenien stammende Kaja Draksler präpariert ihren Flügel mit metallischen Gegenständen oder verwendet einen "E-Bow", einen elektrischen Bogen, mit dem auch experimentelle Gitarristen ihre Saiten zu Dauerschwingungen anregen.

Santos Silva hat unterdessen eine Sammlung verschiedener Dämpfer vor sich liegen und variiert damit immer wieder ihre expressiven Trompetenklänge. Beide sind höchst virtuose Künstlerinnen, aber der "Funke" zum Publikum will - anders als bei der holländischen Bigband in der Betonhalle - nicht vollständig überspringen.

Perfekter Klang

Beim Trio des Pianisten Vijay Iyer steigt die Temperatur dann wieder und der gediegene Klang dieses New Yorker Spitzenensembles breitet sich hervorragend im Pierre-Boulez-Saal aus. Anders als in der Betonhalle im Wedding ist hier alles komplett mit Holz verkleidet und klanglich bis ins Detail optimiert - ein Raum, der auf diese Weise vor allem die Feinheiten der Musik hervortreten lässt.

Zu den beiden Spielorten des Eröffnungsabends gesellt sich am Donnerstag mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche noch eine dritte, für den Jazz ungewöhnliche Bühne. Dort wird am Abend (20.00 Uhr) die Band von Nate Wooley mit dem Projekt "Seven Storey Mountain VI" zu erleben sein, bevor dann am Sonntagnachmittag (15.00 Uhr) der Norweger Ståle Storløkken auf der Orgel der Kirche improvisiert.

Sendung: Inforadio, 05.11.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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