Interview | Albrecht Schuch als Thomas Brasch - "Ich hatte Schiss bis unters Dach"

Mi 03.11.21 | 15:49 Uhr
Albrecht Schuch am 24.10.2021 beim Kölner Filmfestival bei der Präsentation des Fillms "Lieber Thomas". (Quelle: dpa/Ying Tang)
Video: Abendschau | 03.11.2021 | Petra Gute | Bild: dpa/Ying Tang

"Lieber Thomas" heißt der Film über das Leben des Schriftstellers und Dramatikers Thomas Brasch. Am Mittwoch, dem 20. Todestag Braschs, hat er Premiere. Hauptdarsteller Albrecht Schuch hatte ziemlichen Respekt vor der Rolle, wie er erzählt.

rbb: Herr Schuch, war Ihnen Thomas Brasch ein Begriff bevor Sie das Angebot bekamen, ihn zu spielen?

Albrecht Schuch: Mein Kenntnisstand von ihm war lediglich ein Text namens "Warum Spielen". Eine halbe Seite lang über die Lust am Spielen des Schauspielers, die an einem Spind in der Schauspielschule hing. Ein gleichzeitig ernsthafter aber auch über sich selbst lachender Aufruf, sich voll in diesen Beruf hineinzuwerfen, weil alles andere langweilig ist.

Ansonsten hatte ich natürlich immer mal wieder von ihm gehört, von einer Schauspielkollegin am Maxim Gorki, die von ihm schwärmte und weil man Thomas Brasch auf die eine oder andere Art immer wieder begegnet, wenn man als Schauspieler in Berlin lebt, und sei es, weil man seine Schwester Marion Brasch im Radio hört.

Zur Person

Der Schauspieler Albrecht Schuch (Quelle: dpa/Carstensen)
dpa/Carstensen

Albrecht Abraham Schuch (36), geboren und aufgewachsen in Jena, studierte Schauspiel in Leipzig und ging danach nach Berlin ans Maxim Gorki Theater.

Neben seinen Bühnenauftritten und einigen Fernsehrollen hatte er 2012 seine erste große Kinorolle in Detlev Bucks "Die Vermessung der Welt". Mit Projekten wie "Systemsprenger" und "Berlin Alexanderplatz" wurde er zum Star und bekam 2020 für diese beiden Rollen sowohl die Lola als Bester Hauptdarsteller als auch als Bester Nebendarsteller.

Zuletzt war Schuch in in Dominik Grafs gefeiertem "Fabian oder der Gang vor die Hunde" zu sehen. Albrecht Schuch lebt in Berlin.

In "Lieber Thomas" spielt Schuch die Hauptrolle. Premiere ist am 3. November, in den Kinos startet er am 11. November.

Waren Sie sofort begeistert als Sie das Angebot bekamen, ihn zu spielen?

Ja, ich war Feuer und Flamme, weil ich wusste, dass das Drehbuch von Thomas Wendrich kommt, den ich von ersten Teil der NSU-Trilogie „Die Täter“ kannte. Außerdem war Wendrich selbst mal Schauspieler am Berliner Ensemble, mit dem Thomas Brasch ja auch Zeit seines Lebens verbunden war.

Ich wusste auf jeden Fall, dass Thomas Wendrich ein großes Verständnis für die Schauspieler hat und großartige Drehbücher schreibt, in denen meistens kein Wort zu viel steht. Und dann ging diese große Tour in die Welt von Thomas Brasch für mich los. Das Eintauchen in seine Texte, das Filme schauen, seine Interviews, die ich sehr liebe, private Foto-Alben und Treffen mit den Menschen, die ihn kannten, die mit ihm gearbeitet haben. An all dem habe ich mich bedient, um dann unseren Thomas im Film zu erschaffen.

Hatten Sie nicht auch ein paar Bedenken? Sie begegnen diesen Menschen, die ihn kannten, die mit ihm gearbeitet haben, auch regelmäßig in ihrem Alltag.

Ich hatte Schiss bis unters Dach. Total. Das spielt ja im Kreis vieler meiner Vorbilder, und die schauen sich das dann auch an und bewerten es selbstverständlich, ob sie nun wollen oder nicht. Aber was soll ich machen? Mir bleibt doch nichts anderes übrig.

Das Leben von Thomas Brasch als Grundlage für einen Charakter zu nehmen ist für mich als Schauspieler einfach nur genial. Es ist ein Geschenk, jemanden spielen zu können, der so facettenreich und so energetisch gelebt hat wie er. Und er hat das ja auch nach außen getragen und sich in seinen Widersprüchen und seiner Zerrissenheit niemals versteckt. Das war immer ehrlich, auch wenn es für manche vielleicht zu viel oder sogar eine Zumutung war, weil er immer auch gefordert und keine Halbwahrheiten zugelassen hat. Schöngerede hat er verabscheut. All das hat mich nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch inspiriert.

Auch diese fast schon selbstzerstörerische Auseinandersetzung mit sich selbst, die immer auch Teil seiner Kunst war?

Es kostet viel Kraft, sich da voll reinzuwerfen und sich so zu zeigen, wie er es getan hat, weil es ja immer auch benutzt und bewertet wird, egal ob er das nun wollte oder nicht. Sich so nackt zu zeigen und sich genauso nackt angreifbar zu machen, davor habe ich großen Respekt. Ich könnte es selbst wahrscheinlich nicht so leben.

Was macht das mit Ihnen, so eine Rolle und damit auch so einen Menschen zu spielen?

Es ist nicht einfach nur spielen. So könnte man es vielleicht beschreiben. Ich hatte jetzt ein paar Begegnungen mit Rollen, die mir im Nachgang einen Denkzettel verpasst haben. Und ich habe gemerkt, dass es Zeit wird, dass ich mich mal mit persönlichen Putzplänen auseinandersetze.

Was meinen sie mit "Putzplänen"?

Innere Reinigung. Wenn so dunkle, existenzielle Rollen, Persönlichkeiten und Stoffe am Start sind, dann nehmen die mich schon mit und es ist dann für eine Zeit doof. Da will ich in Zukunft ein bisschen besser aufpassen. Das bedeutet Bewusstseinsarbeit, Psychohygiene, solche Dinge. Diese Vermischung von Rolle und Ich zu vermeiden, auch wenn es ja immer etwas Eigenes ist, was man in eine Rolle einbringt. Es gibt ganz automatisch eine Vermischung mit einem erdachten Charakter, mit den Wesenszügen eines Thomas Brasch und mir. Das muss ich dann einfach nur wieder auseinanderklamüsern. Das ist auch eine Arbeit, die getan werden muss.

Wie wäre es mal mit einer leichten romantischen Komödie zur Entspannung?

Naja, wenn sie gut geschrieben ist, dann gerne her damit. Ich hatte eine - meines Erachtens nach - gut geschriebene aber noch nicht auf dem Tisch.

Was kommt als Nächstes für Sie?

Ich teile mir mein Leben jetzt erstmal so ein, dass ich es ruhiger angehen lasse. Ich habe das Privileg, bis zum nächsten Jahr nichts mehr zu machen und mich aufladen zu dürfen. Nichts zu machen geht zwar in meinem Beruf nicht wirklich - es ist ja immer etwas ‚Verwertbares‘ um mich herum. Ob ich Menschen auf dem Spielplatz beobachte, einen Film schaue oder ein Buch lese. Alles ist freigegeben, es auch einfließen zu lassen und verwerten zu können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Soyez, Redaktion Inforadio

Sendung: Inforadio, 03.11.2021, 14:55 Uhr

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