Kinostart "Kabul Kinderheim" - "Die Menschen sehen keine Zukunft, weil die Taliban jeden Tag die Regeln ändern"

Mi 03.11.21 | 06:04 Uhr | Von Andrea Heinze
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Kabul Kinderheim; Regie: Shahrbanoo Sadat (Quelle: Steppenwolf Filmverleih)
Steppenwolf Filmverleih
Audio: rbbKultur | 20.10.2021 | Andrea Heinze | Bild: Steppenwolf Filmverleih Download (mp3, 6 MB)

Regisseurin Shahrbanoo Sadat ist gerade erst vor den Taliban aus Kabul geflohen. Das Berliner Kino Wolf hat sie dabei mit einer Spendenaktion unterstützt. Am Donnerstag startet ihr Film "Kabul Kinderheim" in den Kinos. Andrea Heinze hat Sadat getroffen.

Es ist eine Welt voller Freude, die Shahrbanoo Sadat in ihrem Film "Kabul Kinderheim" zeigt. Der Rumtreiber Qodrat ist zwar ganz und gar nicht begeistert, dass er von der Polizei aufgegriffen und ins Kinderheim gesteckt wird. Aber seine Begeisterung für Banditen- und Bollywoodfilme ist so groß, dass sie ihm den Alltag versüßt. Als er sich verliebt, tanzt er im Tagtraum mit dem Mädchen durch eine Bollywood-Kulisse.

Kabul Kinderheim; Regie: Shahrbanoo Sadat (Quelle: Steppenwolf Filmverleih)
Bild: Steppenwolf Filmverleih

Parallelen zwischen Sowjet- und Nato-Besatzung

Es ist die Sowjet-Zeit in Afghanistan, und die Regisseurin erzählt den Film konsequent aus Kindersicht. Die politische Unzufriedenheit vieler Afghanen damals wird nicht thematisiert. Für die Kinder ist damals eine glückliche Zeit, in der getanzt und geträumt wird und Jungs und Mädchen gemeinsam in die Schule gehen.

Shahrbanoo Sadat sieht viele Parallelen zwischen damals und heute. Wenn man den Begriff Sowjets mit Amerikaner austausche und den Begriff Mudjahedin mit Taliban austausche – dann gebe es eine Menge Gemeinsamkeiten, sagt sie im Gespräch. Viele Afghanen würden ganz nostalgisch werden, wenn sie an die 1980er-Jahre denken, weil Afghanistan damals kein islamisches Land war. Frauen hätten auf der Straße Röcke getragen und seien wirklich frei gewesen. Als im Jahr 1992 die Mudjahedin kamen, sei die Freiheit verschwunden.

Der Film wirkt heute aktueller, als während des Drehs

"Kabul Kinderheim" wurde bereits 2019 gedreht, kommt wegen Corona erst jetzt heraus und wirkt durch die Machtübernahme der Taliban im August diesen Jahres ungeheuer aktuell. Shahrbanoo Sadat selbst ist gerade erst aus Kabul geflohen, unterstützt wurde sie mit Geldern, die das Berliner Kino Wolf über eine "Soli-Aktion" gesammelt hat.

Sadat war schon einmal Flüchtling, als sie im Jahr 1990 auf die Welt kam. Damals waren ihre Eltern vor den Mujaheddin in den Iran geflohen. Als die Amerikaner in Afghanistan einmarschierten zog die Familie zurück und ließ sich auf dem Land nieder. Für Shahrbanoo Sadat war das ein Kulturschock: Es gab keine Straßen, keine Elektrizität, keine Schule für Mädchen. Sadat lief jeden Tag drei Stunden zu Fuß, um eine Schule zu besuchen.

Als Afghanin hat sie sich damals nicht gefühlt, erzählt Sadat: "Als ich 18 war, ging ich nach Kabul, weil ich das Dorf hasste. Es war ein Sehnsuchtsort." Sie wollte ihren Bachelor machen, hatte einen ersten Job beim Fernsehen und traf ihren Freund. Plötzlich habe sich ihr ganzes Leben verändert, fühlte sie sich Afghanistan verbunden und war das erste Mal in ihrem Leben stolz auf das Land.

Kabul Kinderheim; Regie: Shahrbanoo Sadat (Quelle: Steppenwolf Filmverleih)
Bild: Kabul Kinderheim; Regie: Shahrbanoo Sadat © Steppenwolf Filmverleih

Der Film "Kabul Kinderheim" zeigt auch Islamismus und Gewalt

Auch deshalb will sie in ihren Filmen zeigen, dass Afghanistan weit mehr ist, als Islamismus und Gewalt. Doch auch das kommt vor. Die Kinder beobachten beim Baden, wie ein sowjetischer Panzer abgeschossen wird – ein erster Vorgeschmack darauf, dass nichts bleiben wird, wie es war. Dann kommen die Mudjaheddin auch zum Kinderheim und schießen den Erzieher nieder, der sich schützend vor die Kinder stellt.

Der Junge Qodrat lebt so sehr in seinen Filmen, dass er träumt, wie er die Mudjaheddin im Kampf mit fliegenden Fäusten und waghalsigen Sprüngen besiegt, als sei er Jacky Chan. Eine sehr hoffnungsvolle Auflösung, die heute, nach der Machtübernahme der Taliban, völlig aussichtslos erscheint.

Afghanische Filmregisseurin Shahrbanoo Sadat (Quelle: dpa/Thibault Camus)
Regisseurin Shahrbanoo Sadat | Bild: dpa/Thibault Camus

Jetzt hat Shahrbanoo Sadat keine Hoffnung für Afghanistan

"Die Menschen sehen keine Zukunft, weil die Taliban jeden Tag die Regeln ändern", sagt Shahrbanoo Sadat. Zugleich würden sich die neuen Herrscher offen geben, weil sie Geld brauchen und Unterstützung. Sie glaubt nicht daran, dass die Taliban den Frauen mehr Rechte geben. Das sei eine terroristische Gruppe, und eine terroristische Gruppe könne nicht demokratisch sein.

Shahrbanoo Sadat lebt nun als Flüchtling in Deutschland. Ihr Film "Kabul Kinderheim" zeigt, wie sehr ein freies Afghanistan ihr Sehnsuchtsort ist.

Sendung: rbbKultur, 20.10.2021, 07:45 Uhr

Beitrag von Andrea Heinze

2 Kommentare

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  1. 2.

    Die Menschen in Deutschland sehen keine Zukunft, weil Politiker jede Woche die Regeln ändern.

  2. 1.

    Na, irgendwann werden die Stammeskriege in Afghanistan doch beendet sein.

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