Gegenrede auf Berlin-Bashing in der FAZ - Berlin - meine Seelenstadt

Mo 01.11.21 | 15:37 Uhr | Von Maria Ossowski
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Symbolbild: Eine Kellnerin trägt Cocktails zu einem Tisch vor einer Cocktailbar im Stadtteil Berlin-Kreuzberg. (Quelle: dpa/C. Koall)
Audio: rbbKultur | 01.11.2021 | Maria Ossowski | Bild: dpa/C. Koall

Abgekühlt, übersättigt, verhärtet und eingebildet, so sei Berlin. FAZ-Autor Simon Strauß ging am Wochenende in einem Essay hart mit seiner Geburtsstadt ins Gericht. Die Berlinerin Maria Ossowski will das so nicht stehenlassen. Eine Antwort.

Es ist ein hartes Urteil, das der Feuilleton-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Simon Strauß, am Wochenende über seine Geburtstadt Berlin fällte [faz.net. Paywall]. Die Menschen dort: cool, aber einsam, sie verachteten ihre Nachbarbezirke und führen Fahrrad, als sei das ein politisches Zeichen. Die Namen der Straßen, Plätze und U-Bahnstationen: abgenutzt, ausgeleiert, aufgebraucht. Die richtige deutsche Hauptstadt wäre Frankfurt am Main gewesen, schreibt Strauß, nicht das verhärtete Berlin, das mehr von seinem Ruhm leben würde als von seiner Geschichte, und dessen Züge das weltweite Begehren hochmütig gemacht habe.

Auch Maria Ossowski wurde in Berlin geboren. Sie hat in Frankfurt, Stuttgart, Basel und Baden-Baden gearbeitet und gewohnt. Und sie will diese Kritik nicht auf Berlin sitzenlassen. Hier ist ihre Replik.

Der Simon Strauß. Superkluger Typ. Ich lese ihn gern. Außerdem hat er absolut recht. Es ist schlimm in Berlin. Die Stadt ist lärmend, unhöflich, voller Baustellen und Chaos, hat eine überlastete Polizei und Justiz. Berlin kann keine Wahlen. Keine Verwaltungen. Keinen Flughafen. Keinen Bahnhof. Es ist täglich anstrengender, hier von A nach B zu kommen, Dienstleistungen zu erbitten.

Das Leben ist überall einfacher, in Frankfurt, Stuttgart, Köln, München. Und natürlich Zürich, Basel, Hamburg: Dort ist es zudem ruhiger, gelassener und so freundlich, so effizient, so wohlhabend, so, wie wir alle gern wären. So, wie wir aber oft nicht sind. Und genau deshalb passt Berlin zu einem Teil des inneren Bildes vom Selbst. In all den schönen, ruhigen funktionierenden Städten flaniert meine Seele gern, aber sie ist dort nicht zu Hause.

In Berlin ist nicht alles wohlgestaltet nach Plan. Berlin hat viele innere Ängste ins Außen gekehrt. Berlin entspricht dem, was wir als Teil von uns selbst oft nicht erkennen wollen: diese Unruhe, diese Schlampigkeit, dieses Entnervte, das Vergängliche, das Alternde. Aber auch: das Neugierige, Unvorhersehbare, Wilde, Verrückte und Junge. Alles Teil der conditio humana, der Bedingungen, um Mensch zu sein. Okay, argumentieren die Berlin-Hasser, und die Schönheit, die Ruhe, das Erhabene? Das gehört doch auch zum Glück. Richtig.

Ein Nachmittag im Botanischen Garten, ein Abend in der Philharmonie, der Sonnenaufgang am Schlachtensee, das Abendlicht an der Warschauer Brücke oder im Charlottenburger Schloßpark. Ein Nachtspaziergang durch Westend oder die Pankower Parkstrasse. All das ist auch Berlin. Es ist wie wir. Ambivalent. Ein Leben im Widerspruch. Und den muß Mensch aushalten können. Deshalb ist Berlin erwachsen. Meine Seelenstadt.

Sendung: rbbKultur, 01.11.2021, 16:10 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

33 Kommentare

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  1. 33.

    "Außerdem hat er absolut recht. Es ist schlimm in Berlin. Die Stadt ist lärmend, unhöflich, voller Baustellen und Chaos, hat eine überlastete Polizei und Justiz. Berlin kann keine Wahlen. Keine Verwaltungen. Keinen Flughafen. Keinen Bahnhof. Es ist täglich anstrengender, hier von A nach B zu kommen, Dienstleistungen zu erbitten.

    Das Leben ist überall einfacher, in Frankfurt, Stuttgart, Köln, München. Und natürlich Zürich, Basel, Hamburg: Dort ist es zudem ruhiger, gelassener und so freundlich, so effizient, so wohlhabend, so, wie wir alle gern wären. So, wie wir aber oft nicht sind. Und genau deshalb passt Berlin zu einem Teil des inneren Bildes vom Selbst."

    Gut beschrieben Frau Ossowski. Danach kommt dann die rosarote Brille und schon ist alles chic?

  2. 32.

    Ich bin gebürtiger Frankfurter, lebe aber seit 28 Jahren in Berlin. Frankfurt ist tatsächlich ein tolle Stadt, viel besser als sein Ruf, sehr international und dadurch die einzige deutsche Stadt neben Berlin, die nicht irgendwie spießig, miefig und provinziell ist. (Okay, Hamburg geht auch noch) Frankfurt ist aber absolut nicht besser als Berlin, es ist für mich eher die verkleinerte Ausgabe. Lauft mal abends durchs Bahnhofsviertel, so eine Ansammlung von Elend, Drogensucht und kaputten Typen findet mal nicht mal in Berlin. Das schlimmste Problem hier ist für mich die in Teilen nicht mehr funktionierende Verwaltung, besonders auf Bezirksebene, das muss in Angriff genommen werden. Das kann eine viel kleinerer und deutlich wohlhabendere Stadt besser regeln, aber wir bekommen das auch noch hin. Und in Frankfurt stinkts übrigens auch nach Pisse.....

  3. 31.

    Absolut richtig!
    Die Menschen machen Städte. Wem eine Stadt nicht mehr lebenswert erschein, der zieht über kurz oder lang weg und nimmt die ambivalente Meinung über diese Stadt mit. So ist das nun mal...
    Wobei ich den Essay von Simon Strauß über Berlin jetzt nicht so bashig fand. Das ist halt seine Sicht auf die Stadt und kein madig machen. Dass FF/M cooler als Berlin sein soll, ist ja echt Ansichtssache. FF/M ist in vielen Ecken ebenso abgeranzt. Konservative Trägheit und Gelassenheit als cool zu bezeichnen, trifft den Sinn des Wortes cool nicht mal in Ansätzen.

  4. 30.

    im grund bestätigt frau o. alles

  5. 29.

    Offenheit und Toleranz erwarte ich von Leuten die hier wohnen wollen! Die Stadt hat sich nicht den Zugezogenen anzupassen - umgekehrt wird ein Schuh draus.
    Was passiert wenn man sich nicht daran hält, sieht man an dem unsäglichen Schwabenbezirk Prenzlberg. Verspießte Kehrwochen-Peinlichkeiten, und die Urberliner gucken in die Röhre.

  6. 28.

    Und genau hierin liegt meine Hoffnung: Dass sich in Berlin Leute mehr und mehr Leute versammeln die begriffen haben, dass es mit den bisherigen Primaten "höher, schneller, weiter" eben NICHT mehr weiter geht. Dass z.B. fette Autos auch in elektrisch mehr schaden als nutzen - und dass das Präsentieren und erst recht das Fertigen solcher Dinosaurier mit Tempo 150 in die Sackgasse führt. Dass Berlin eben nicht charmant und interessant bleibt, indem man alles, was die Stadt wirklich unverwechselbar macht(e), gegen globalen, sterilen Einheitslook austauscht (z.B. Tacheles). Klar hab auch ich nichts dagegen, mich von unbegründeter Berliner Arroganz und der typischen hektischen Behäbigkeit lieber heute als morgen zu verabschieden. Aber als Messlatte für den urbanen Erfolg eine andere Ansammlung von Dörfern mit ein paar Hochhäusern im Zentrum auszuwählen - das geht mir nun doch entschieden gegen den lokalpatriotischen Strich.

  7. 27.

    Berlin meine Stadt,

    Berlin deine Duftnote ist etwas ganz besonderes.
    Belin die Stadt in der Spielplätze auf Müllkippen gebaut werden.
    Berlin welch offener Menschenschlag, wo Mütter, Schwangere, ältere Leute freiwillig auf die Sitzplätze verzichten, damit die gesunden, arbeitenden, Pendler, Touristen sich erholen können.
    Berlin, wo es überall eine Treppe oder dunkle Eckegibt um seine Notdurft zu verrichten und öffentliche Toiletten nicht das Stadtbild verschandeln.
    Berlin, das mit seinen Brücken den Leuten ein Dach über den Kopf gibt.

    Oh ich liebe meine Heimat

  8. 26.

    Wirtschaftswachstum ist dann aussagefähig, wenn man von einem höheren Niveau ausgeht...also "von oben" kommt, sonst wirkt es eher "lächerlich" (von 0 auf 1 ist 100% Wachstum). Frau Popp ist in Berlin eher damit aufgefallen, was sie nicht geholt hat: IAA; Tesla usw.

  9. 25.

    Quo Vadis Berlin? Berlin war eine tolle Stadt mit schönen Ecken und Gebäuden. Die Leute waren respektvoll und freundlich.
    Seit ungefähr 10 Jahren herrschen andere Zustände vor.
    Die Masse bedient sich nur noch in diesem riesigen Supermarkt. Sie ist unfreundlich, respektlos, eingebildet und arrogant. Die Stadt verkommt in ihrem Müll trotz BSR. Das Alles so sehr, dass Berliner ihre eigene Stadt nicht mehr wiedererkennen. Und das soll Hip sein?
    Gesellschaft? Geht anders.

  10. 24.

    Berlin - love it or leave it. Niemand ist gezwungen hier zu wohnen, wer Berlin nicht tolerieren kann, kann ja in die Provinz ziehen.

  11. 23.

    Berlin wird einfach immer mehr durchkommerzialisiert. Und die Konsequenzen davon sieht man halt in der größten Stadt Deutschlands am deutlichsten. Das sind alles Zustände, die früher oder später auch in Frankfurt/M. auftreten werden oder da schon sind. Spätmoderne halt. Und das hat eher was mit dem allgemeinen Zustand unserer Gesellschaft zu tun. Da sind solche Artikel um Städtebashing eher wohlfeil.

  12. 22.

    Dass es in Berlin nicht für jeden Spießer attraktiv ist, ist das Gute an der Stadt.
    Viele Menschen leben zusammen, das sorgt schonmal für Konflikte. Dass es überall stinkt und dreckig ist, stimmt nicht.
    Es gibt immer(Gegen)-beispiele. Jeder kennt Ecken, wo es besonders schlimm/schön ist.
    Ich bin hier vor 60 Jahren geboren, werde hier auch bleiben.
    Dass es mal mehr oder weniger Verschmutzungen gibt, rechtfertigt keine höheren Strafen oder mehr Aufmerksamkeit vom Ordnungsamt.
    Außerdem hat es sich zB. mit den Hundehaufen schon merklich gebessert. Ja, bestimmt nicht überall...blabla...Wer noch mehr Kontrolle verlangt, der kann sich ja mal informieren, wie in manchen asiatischen Städten die Reinhaltung durchgesetzt wird.
    Damit ich mich vor meinem Besuch aus irgendeinem Kleckerdorf nicht schämen muss. Wenn ich das schon höre. Soll der Besuch doch auf seiner Weide bleiben.
    Berlin, bleib wie du bist, denn so gefällst du mir. Geht ruhig alle...gut für die Gebliebenen.

  13. 21.

    Grundsätzlich sind die Einlassungen der Frau Ossowski nachvollziehbar. Die entscheidende Frage aber, die sich ein jeder selbst beantworten muss, ist, ob er/sie sich den täglichen Zumutungen, dem Verschleiß, dem Dreck, dem Lärm dieser Stadt aussetzen möchte. Mir persönlich jedenfalls fehlt der philosophische Zugang der Frau Ossowski zu Berlin, wenn ich beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit über vollgepisste Treppen und vollkommen verdreckte Bahnhöfe in nicht gereinigte U- oder S-Bahnen steigen muss. Ein wenig mehr Lebensqualität herzustellen würde dieser Stadt jedenfalls nicht schaden.
    Ich habe lange in Frankfurt/Main gewohnt-Diese Stadt ist besser als ihr Ruf- derlei zu behaupten würde mir zu Berlin eher nicht einfallen.

  14. 20.

    Nur weil ein gebürtiger Berliner seine Stadt kritisiert, nennt man dies gleich Berlin-Bashing? Ist Berlinkritik jetzt auch schon unangebracht, nur weil man auf Mißstände aufmerksam machen möchte, dies aber nicht in das hippe Zeitgeschehen passt? Ich kann ihn verstehen und es auch nachvollziehen. Jedoch würde ich meine Geburtsstadt Berlin nie mit anderen Städten vergleichen - das geht auch nicht, weil jede Stadt, egal wo sie liegt, ihre Eigenheiten hat. Was jedoch auffällt: hier in Berlin scheinen sich Touris und Zugezogene mal so richtig gehen zu lassen - weil man es dort, wo man zuhause ist - nie täte. Und das kotzt mich an Berlin auch an. Habe ich jetzt auch berlin gebasht? Nee.

  15. 19.

    Alles klar. Wer nicht mitzieht, soll eben gehen. Solche Aussagen sind bestimmt nicht auf Weltstadtniveau. Wo ist die Offenheit und Toleranz?
    Genau das, was der FAZ Autor kritisiert, spiegelt sich in Ihrem Kommentar wieder. Ein paar Gleichgesinnte im Kiez oder Bezirk und die anderen sollen schön wegziehen. Klasse, Lena. So Stereotypen brauchen wir hier.

  16. 18.

    Maskenzombiestadt

  17. 17.

    "sie verachteten ihre Nachbarbezirke .."
    So ein Blödsinn. Spandau ist nunmal älter als Berlin. Die Menschen jenseits des großen Flusses können doch dafür nix.

  18. 16.

    Mir is dit allet recht: Die janzen Reichen könn' wieda nach FFM ziehen, nach HH, DD oder Könichswinta. Und den ollen Hauptstadttitel glei' mitnehm. Die janzn Berlina Spießa solln Ihr EFH im Umland koofen. Wir eschtn Berlina und coolen Zujezognen kriejen die Maua wieda - diesma abba um de janze Stadt. Müssen wa denn bloß noch rejeln, det wa ooch wieda Berlin-Zulaare kriejen. Dit wird ni' leicht, fürchtick.

  19. 15.

    "Das Problem heute ist nicht die Stadt, sondern diese unzähligen Menschen, die diese Stadt dreckig, verkommen und billig erscheinen lassen. "
    Hä? Ich weiss ja nicht, wo Sie wohnen, aber das Problem sind eher diese unzähligen Menschen, die sich hier Wohnungen kaufen, um damit Geld zu machen, aber gar nicht hier leben, diese Firmen wie Zalando, google und Amazon, die ihre Sitze hierher legen, Menschen, die alles nur noch online bestellen und liefern lassen, sich ansonsten abschotten in ihren Neubauburgen und null für die Stadt interessieren.

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