Konzertkritik | Wolfgang Haffner im Berliner Admiralspalast - Wolle bollert

Mi 10.11.21 | 08:29 Uhr | Von Jens Lehmann
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Wolfgang Haffner spielt im Sommer 2021 in Kassel ein Konzert (Bild: imago imags/Peter Hartenfelser)
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Audio: Inforadio | 10.11.2021 | Jens Lehmann | Bild: imago images/Peter Hartenfelser

Der Schlagzeuger Wolfgang Haffner ist einer der erfolgreichsten deutschen Jazz-Exporte. Nach fast 40 Jahren auf der Bühne hat er sich jetzt einen Traum erfüllt – und geht mit seiner Dream Band auf Tour. Jens Lehmann war im Berliner Admiralspalast mit dabei.

Kinder, ich bin ja für 2G in allen Sälen. Und sicherer fühlt man sich auch, keine Frage. Aber ein bisschen Üben müssen wir dafür schon noch. Selbst drei Counter mit wirklich engagiertem Personal am Eingang vom Admiralspalast reichen nicht aus, um die Kontrollen rechtzeitig abzuschließen. Draußen steht man sich schnell die Beine in den Bauch - bis raus auf die Friedrichstraße – und das Konzert fängt eine Viertelstunde später an. Und das, obwohl der Saal nur zu zwei Dritteln voll ist.

Kann man sich wenigstens noch ein bisschen weiter vorfreuen. Wolfgang Haffner ist so etwas wie Deutschlands Über-Drummer. Albert Mangelsdorff, Al Jarreau, Chaka Khan, Pat Metheny, Till Brönner, Michael Wollny und viele mehr – die Liste seiner Kollaborationen reicht einmal zum Mond und zurück. Auf mehr als 400 Alben ist der Mann zu hören, aber eben meist im Hintergrund. Das soll an diesem Abend anders sein. Es ist sein Abend. Und natürlich steht das Schlagzeug im Zentrum der Bühne, alle Spots sind darauf gerichtet, Synthiestreicher wabern, da tritt Haffner unter dem Jubel der Fans ins Licht, ganz in weiß: der Drummer als Lichtgestalt - und knattert los.

Eine echte Dream Band

Kurz danach betritt seine Dream Band die Bühne. Und wenn Haffner ruft, kommen die Großen: Nils Landgren kennt man inzwischen zwar mehr als gut gelaunten Onkel vom ACT-Label, aber er ist immer noch einer der besten Posaunisten, die es da draußen so gibt. Haffner und er kennen sich aus der Funk Unit gut. Der zweite Hochkaräter in der Brass Section ist Saxophonist Bill Evans. Wenn man den einmal in seinen schrillen Klamotten und seinem Stirnband gesehen hat, wie er sich in seine ausgedehnten Soli wirft, verwechselt man ihn nie wieder mit seinem Pianisten-Namensvetter. Wenigstens die Schweißbänder hat er diesmal im Koffer gelassen. Und dann ist da noch Randy Brecker, einer der einflussreichsten Trompeter aller Zeiten, eine Ikone, mit der Haffner schon seit 30 Jahren immer wieder zusammenarbeitet – und die selten in Berlin zu erleben ist.

Da ist also geballte Kompetenz auf der Bühne und wird doch kaum von der Leine gelassen. Schließlich wird hier Haffner pur gespielt. Er selbst nennt seine Musik in einer der sympathisch fränkischen Ansagen einen "bunten Reigen schöner Melodien" – und man weiß nicht, ob er das selbstironisch oder todernst meint. Denn ja, das klingt oft schwer nach Fernsehmelodien-Medley.

Rockerposen hinterm Schlagzeug

Aber hey, die Soli sind trotzdem großartig, der Sound ist tight: die Bläser schön mittig, das Schlagzeug quasi im Surround-Sound, man weiß auch akustisch sofort, wer im Zentrum des Abends steht. Und auf der Bühne herrscht gute Laune, die Herren klatschen sich kernig ab, geben sich coole fist bumps, man stellt sich vor, wie sie noch über den letzten dreckigen Witz im Tourbus schmunzeln. Haffner liebt Rockerposen, reckt die Fäuste hinter seinem Schlagzeug, zeigt mit seinen Sticks gen Bühnenhimmel, ballert fast jeden Schluss im Stehen in die Becken, nur um Bruce Springsteen-haft gleich den nächsten Kracher vom Stapel zu lassen.

Ruhepausen gibt es selten. Und wenn, dann sitzen die Gast-Stars brav auf bereitgestellten Sofas und lauschen den Fusion-Flächen, die Haffner zusammen mit seinem Trio in den Saal legt. Nils Landgren darf auch mal singen, niemand fistelt "Get here" so schön wie er. Aber: Wolle will bollern. Und schon geht der nächste Stampfer los, Landgren gibt den Eintänzer, Evans sieht so aus, als würde er gerne mitmachen, aber die Hüfte, sie wissen schon – und Brecker schnipst ein bisschen mit und wirkt allgemein unterfordert.

Zur Zugabe kommt als Überraschungsgast noch Thomas Quasthoff auf die Bühne und croont und brummt und scattet und jodelt, feine Zwischentöne? Fehlanzeige. Aber wie hat es Haffners alter Bandleader, "Mr. Tatort-Melodie" Klaus Doldinger in jedem einzelnen seiner Konzerte in den Saal gerufen: "Ihr wollt es doch alle!" Stimmt. Und spätestens an meinen Nackenschmerzen vom vielen Kopfnicken merke ich: Spaß gemacht hat das auf jeden Fall!

Sendung: Inforadio, 10.11.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Nun, der der die Gitarre oder den Bass oder die Keyboards spielten, waren wohl nur unbedeutendes Beiwerk?
    Gut, im Schatten der Großen übersieht man schonmal die Kleinen

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