Konzertkritik | "Jerusalem Duo" in der Synagoge Pestalozzistraße - Singen, seufzen, schluchzen

Di 09.11.21 | 08:56 Uhr | Von Hans Ackermann
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Das "Jerusalem Duo" während eines Konzertes (Bild: Andreas Malkmus)
Andreas Malkmus
Audio: Inforadio | 09.11.2021 | Hans Ackermann | Bild: Andreas Malkmus

An mehr als 10 verschiedenen Spielorten finden derzeit die Jüdischen Kulturtage Berlin statt, auch in der Synagoge Pestalozzistraße. Dort war am Montag das "Jerusalem Duo" zu Gast, mit Musik für die reizvolle Kombination aus Harfe und Saxophon. Von Hans Ackermann

Mit Variationen von Antonio Vivaldi beginnt der Abend. Elegant und harmonisch fließen die Klänge zusammen, wenn die Harfenistin Hila Ofek und der Saxophonist André Tsirlin im weiten Raum der Synagoge Vivaldis "La Follia" spielen. Die beiden Israelis, die sich beim Musikstudium in Jerusalem kennengelernt und ihr 2012 gegründetes Duo dann nach dieser Stadt benannt haben, wechseln nach dem barocken Auftakt nahtlos zur Klezmermusik, die sie genauso virtuos beherrschen - was nicht verwundert.

Enkelin von Giora Feidman

Denn Hila Ofek, geboren in Tel Aviv, hat die jiddischen Lieder und Tänze, die traditionell bei Hochzeiten und anderen Festen gespielt wurden, direkt vom bekanntesten aller Klezmermusiker "in die Wiege gelegt" bekommen: ihr Großvater mütterlicherseits ist Giora Feidman - der legendäre, 85 Jahre alte Klarinettist, der bei den Jüdischen Kulturtagen selbst gerade erst in Berlin aufgetreten ist. Saxophonist André Tsirlin, als Ehemann von Hila ebenfalls Mitglied der Familie, sagt über diesen großen Klezmermusiker: "Es gibt keine Uni auf der Welt, die mir so viel Weisheit mitgeben könnte wie Feidman."

Hinter dem Regenbogen

Das klangschöne Konzert - das überwiegend Musik aus dem neuen Album des Duos "Rainbow" präsentiert - lebt auch von pointierten Moderationen. Vor einem Harfensolo seiner Ehefrau etwa, stellt der Saxophonist dem Publikum die nicht ganz einfache Frage "Was glauben Sie, wieviele Saiten eigentlich eine Harfe hat" - und gibt verschmitzt lächelnd die Hilfestellung, dass die Lösung "irgendwo zwischen 46 und 48" zu finden sei.

Auch die Geschichte hinter dem Albumtitel "Rainbow" wird erzählt: Schon früh habe man in der Pandemie begonnen, "Treppenhauskonzerte" zu veranstalten, um auf diese Weise die eigene Musik zumindest mit den eigenen Hausbewohnern zu teilen.

Bei dieser Gelegenheit habe sich dann auch endlich geklärt, wie man den eigenen Stilmix aus Klassik, Klezmer und Musicalsongs nennen könnte: Irgendwann habe ein Kind bei einem Treppenhauskonzert von oben laut das Wort "Regenbogen" in den Flur hinunter gerufen - ein Begriff, der seitdem das Konzept des Duos doch sehr gut beschreiben würde.

Natürlich gibt es beim Konzert dann auch Harold Arlens "Somewhere over the Rainbow" zu hören. André Tsirlin spielt sein Sopransaxophon dabei mit einem besonders weichen Ton. Insgesamt ist das Instrument, das er gekonnt singen, seufzen und schluchzen lässt, für die Klezmermusik mindestens genauso geeignet, wie die Klarinetten von Giora Feidman oder David Orlovsky.

Beatles-Songs und Bach-Zitate

Und auch die 47 Saiten der großen Konzertharfe sind für die moderne, stilübergreifende Musik des Duos bestens geeignet - etwa wenn "Something" von den Beatles anklingt, die Harfe dabei in der Begleitung aus dem ersten Präludium des "Wohltemperierten Klaviers" von Johann Sebastian Bach zitiert. Das in Frankfurt am Main lebende Musikerpaar zieht dann beim "Csardas" von Vittorio Monti nach einer guten Stunde noch einmal äußerst virtuos alle klanglichen Register und beendet mit dem "Libertango" von Astor Piazzolla das intelligente, sorgfältig und liebevoll zusammengestellte Programm.

Vielversprechend ist auch das nächste Konzert im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Berlin, bei dem am Donnerstag (11.11.) die israelische Sängerin Noa auftreten wird, dann in der Synagoge Rykestraße.

Sendung: Inforadio, 09.11.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Der Klangteppich, den diese beiden Virtuosen erzaubern, ist unglaublich schön!

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