Konzertkritik | "Suuns" im Hole44 - Musik wie eine 1960er-Jahre-Tapete

Mi 03.11.21 | 08:54 Uhr | Von Hendrick Schröder
Archivbild: Die kanadische Band "Suuns" während eines Konzertes im August 2016 (Bild: imago images)
Audio: Inforadio | 03.11.2021 | Hendrick Schröder | Bild: imago images

Mehrmals musste die kanadische Band Suuns ihre Europatour wegen Corona verschieben. Aber am Dienstag war es endlich soweit und die Musiker spielten im neuen Club44 an der Hermannstraße. Ein Abend wie im Sounddschungel, sagt Hendrik Schröder

Suuns sind zu fünft auf dieser Tour, eigentlich besteht die Band nur noch aus drei Musikern. Aber man braucht schon ein paar Leute mehr, um diesen derart dichten Sound von Suuns live zu reproduzieren. In Shirts und Kapuzenpullovern kommen die Bandmitglieder auf die Bühne und fummeln an ihrer Armada an Effektgeräten herum. Es rieselt und rauscht und blinkt schon aus den Boxen, bevor das Konzert überhaupt richtig losgeht. Zwei Synthie-Keyboard-Dinger sind aufgebaut, Schlagzeug, Bass, ein halbes Dutzend Gitarren stehen da. Die Band steht mit dem Rücken zum Publikum, die Bühne bleibt fast dunkel. Immer lauter wird die Kakophonie aus Sounds - und dann geht es richtig los.

In Trance

Dann setzt das getriggerte Schlagzeug ein. Getriggert bedeutet, dass die einzelnen Trommeln gewissermaßen verkabelt sind und mit verschiedenen Sounds belegt werden können. Das gibt den Drums eine unheimliche Wucht, macht sie aber auch sehr präzise und eben wandelbar.

Der Suuns Drummer ist ein lächelnder Typ mit Vollbart, der zwischendurch seine Schlagzeugstöcke zur Seite legt und einfach mit den Händen spielt, was ziemlich cool aussieht und dank der Elektronik auch ziemlich gut klingt. Der Bassist steht derweil in der Ecke und schwingt seine langen Haare vor dem Gesicht hin und her und hört gar nicht mehr auf damit, ist wie in Trance.

Ernste Musiker bei der Arbeit

Überhaupt sind die fünf zwischendurch total versunken in ihre Musik, knien sich hin und fummeln an Effekten, schauen sich kaum gegenseitig an und wenn sie dann wieder auftauchen und gen Publikum linsen, dann sehen sie fast überrascht aus und scheinen zu denken: "Huch, da sind ja noch Leute", so selbstvergessen malochen sie sich durch ihren Sound. Denn so ein Suuns Konzert ist keine Rockstarshow, keine Unterhaltung, nichts zum Mitklatschen. Das sind fünf sehr ernsthafte Musiker bei der Arbeit.

Keine Pause für die Ohren

Der Sound, der bei dieser Arbeit entsteht, ist wie eine Tapete aus den 1960er Jahren. Sehr psychedelisch, krautrockig. Durch die viele Elektronik hat das alles enorme Durchschlagskraft, dennoch schaffen die Suuns es trotz der vielen Effekte, ihre Songs organisch und direkt klingen zu lassen.

Die Lieder gehen fast direkt ineinander über, eine Pause für die Ohren gibt es kaum. Irgendwo kommen immer irgendwelche Geräusch her. Gesampelte Sprachaufnahmen, eine elektrische Querflöte, ein verfremdetes Saxophon. Der Gesang ist derart mit Effekten beladen, dass man die Texte oft nicht versteht. Das ist auf den Platten auch schon so und wohl gewollt, der Gesang eher als weiteres Instrument denn als Mittelpunkt.

Anstrengend und herausfordernd

Das alles ist anstrengend und herausfordernd. Für die Band und vor allem für das Publikum. Ein paar hundert Fans sind in den neuen Club Hole44 gekommen, haben lange, sehr lange in der Schlange gestanden. 2G Konzert, das dauert, bis alle Nachweise geprüft sind. Und die eine Hälfte, so sieht es aus, lässt sich ein, steht dicht gedrängt, gebannt vor der Bühne, bewegt sich, wo möglich, im Takt.

Die andere Hälfte steht weiter hinten, ist überfordert oder gelangweilt und quatscht. Aber quatschend und so nebenbei kann man die Suuns nicht verstehen. Zum Glück wird es immer wieder so laut, dass man sich eigentlich nicht mehr unterhalten kann. Und wenn dann der Sound so schön rollt, dann nicken sich die Musiker manchmal unmerklich und ganz leise lächelnd zu: Ja, genau so soll es sein! So laut, so wirr, so krass, so voll mit Klang der ganze Laden.

Sendung: Inforadio, 03.11.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Hendrick Schröder

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