Kritik | Pollesch-Premiere an der Volksbühne - Selbstabschaffung des Regisseurs im kollektiven Utopia

Fr 12.11.21 | 13:09 Uhr | Von Ute Büsing
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"Herr Puntila und das Riesending in Mitte" an der Volksbühne, Text und Regie: René Pollesch (Quelle: Luna Zscharnt)
Luna Zscharnt
Audio: Inforadio | 12.11.2021 | Ute Büsing | Bild: Luna Zscharnt

Die neu aufgestellte Berliner Volksbühne geht mit einem dürren Premierenspielplan in die nächste Runde. Und das schon wieder mit einer Uraufführung des Hausherrn, René Pollesch. Sein neuester Streich heißt: "Herr Puntila und das Riesending in Mitte". Von Ute Büsing

Die Fassade der Volksbühne mit mächtigem Säulenportal ist auf der Drehbühne nachgebaut. Davor und darin geht es dann 90 Minuten lang eben um drinnen und draußen: Wer gehört dazu, darf mitspielen im gesellschaftlichen Aufstiegspoker, wem verwehrt es der Klassenhintergrund?

Es ist nach längerer Abstinenz wieder stärker der politische Pollesch, der sich in Diskursschleifen zu armen Bruchbuden und Luxuswohnungen, zu Schulausbildung und gesellschaftlicher Arbeitsteilung, nicht zuletzt zum bürgerlichen Illusionstheater, Bahn bricht.

"Herr Puntila und das Riesending in Mitte" an der Volksbühne, Text und Regie: René Pollesch (Quelle: Luna Zscharnt)
| Bild: Luna Zscharnt

Die Luft ist raus aus dem "Riesending in Mitte"

Doch das "Riesending in Mitte" will sich nicht recht erschließen. Außer, dass Nina von Mechows Bühnenbild "Es", nämlich die Volksbühne selbst, repräsentiert. Und Brechts Herr Puntila (und sein Knecht Matti) kommen auch nicht vor. Dafür aber Lehrstücke vor verschlossenen Türen ohne Publikum, nicht nur in Pandemiezeiten, und ziemlich viele fröhliche Passagen zu "Pygmalion", bzw. "My Fair Lady" und dem Nachsprechsong "Es grünt so grün…". Dass sie ja gar nicht richtig sprechen könnten, werfen drei Frauen und ein Mann sich wechselseitig vor, die hier in mit ihren Namen zum Nachbuchstabieren bedruckten Kostümen (Tabea Braun) doch relativ gedimmt miteinander rangeln.

Anfangs soll sich das Publikum wie die Darsteller im falschen Stück wähnen, denn "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" prangt auf einem roten Spruchband. Selbstreferentieller Rahmen ist also die letzte, vielfach kritisierte Pollesch-Uraufführung. Auf der Bühne wird das nicht so gesagt, es fällt einem aber ein: Die Luft ist raus, aus den ewig ähnlichen Versatzstücken des Pollesch-Theaters: Referenzen zu Brecht/Marx/Engels/Lenin zu Hollywood-Filmen und deren Darstellern, zur Dekonstruktion der spätkapitalistischen Gesellschaft.

 

"Herr Puntila und das Riesending in Mitte" an der Volksbühne, Text und Regie: René Pollesch (Quelle: Luna Zscharnt)
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Nette Ideen führen Nirgendwo hin

Es gibt ein paar griffige Sprüche aus dem Fundus und es ist lustig, wenn die Volksbühne hier mal zum Opernhaus – das es zu bombardieren gilt – mutiert, dann zum Luxusanwesen mit Masterbedroom wird und auf dem harten Boden der Tatsachen einen grün aufgesprayten Mitte-Grundriss offenbart. Auch heruntergelassene Spruchbänder, an denen Franz Beil aufsteigen kann, bzw. hochkommen, wie die Silberfischchen in Astrid Meyerfeldts Bad, machen optisch was her. Aber, wie gesagt: ein "Riesending" ist das alles nicht.

Schnellsprecherin Inga Busch und Christine Groß sind mit dabei und alle vier Pollesch-bewährten, gut aufgelegten Mimen brauchen die Souffleuse diesmal eigentlich nicht. Anders als sonst oft, wenn seine Schnellfeuer-Loops gesprochen werden. Dafür tritt die Souffleuse gleich in vervielfachter Gestalt als neunköpfiger Chor an und brüllt unverständliche Erkenntnisversatzstücke.

Auch das mit dem Chor ist eine nette Idee, führt aber irgendwie ebenso nirgendwohin wie die Reden vom Regisseur, der purer Arbeitsteilung seinen Job verdankt – und sich im kollektiven Utopia am besten selbst abschafft – wie René Pollesch es hier erneut – und eben erneut nicht zwingend – vorführt. Neuanfang sieht anders aus.

Sendung: Inforadio, 12.11.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ist das Kunst oder kann das weg?

  2. 1.

    Das hört sich alles sehr Postmodern an. Aneinanderreihung von Inhalten ohne Sinn und Zeck. Pseudo- Progressiv für Mittelschichtskinder. Erinnert an die ungeimpfte Frau Wagenknecht.

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