Theaterkritik | "Die Stützen der Gesellschaft" in Potsdam - Moderner Boulevard mit kapitalistischem Posterboy

Sa 20.11.21 | 12:26 Uhr | Von Ute Büsing
Katja Zinsmeister, Guido Lambrecht, Günther Harder, Nadine Nollau in Sascha Hawemanns Inszenierung von Hernrik Ibsens <<Die Stützen der Gesellschaft>>. (Quelle: hansottotheater.de/Thomas M. Jauk)
hansottotheater.de/Thomas M. Jauk
Audio: Inforadio | 20.11.2021 | Ute Büsing | Bild: hansottotheater.de/Thomas M. Jauk

Wie viele Ibsen-Dramen ist auch "Die Stützen der Gesellschaft" von der Auseinandersetzung mit Lebenslügen geprägt. Am Potsdamer Hans Otto Theater ist das eher selten gespielte Stück jetzt in der Regie von Sascha Hawemann zu sehen. Von Ute Büsing

Er ist ein typischer Aufsteiger, Karrierist und nicht mal unsympathischer smarter Posterboy für seine Visionen: Karsten Bernick, Reeder, und kurz davor, aus dem Bau einer Eisenbahntraße neues Kapital zu schlagen. Werftarbeiter und lokale Bevölkerung sind von ihm, dieser sprichwörtlichen "Stütze der Gesellschaft", abhängig.

"Bernick" prangt dann auch in weißen Neonbuchstaben dominant hinter der Spielfläche. Von seiner leidenschaftlich laienspielenden Frau Betty und dem radikal schwarz gekleideten, in einer Faschotruppe mit schlagendem Sohn Olaf, hat er sich entfremdet. Doch Ungemach naht erst, als sein Schwager, einst bester Freund und dessen Halbschwester Lona, einst große Liebe, nach 15 Jahren aus Amerika ins kleine Kaff am Meer zurückkehren. Mit ihnen drohen die Lebenslügen, auf denen er seinen Erfolg aufgebaut hat, aufzufliegen.

Hans Otto Theater: Die Stützen der Gesellschaft © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Grelles Heute mit Drugs & Rock'n'Roll

Regisseur Sascha Hawemann zerrt Bernicks dunkle Geheimnisse aus dem nur noch sehr selten gespielten Ibsen-Stück von 1877 in ein grelles Heute mit Drugs & Rock'n'Roll, wie sie die Heimkehrer aus New York City mitgebracht haben. Songs von Patti Smith und Kurt Cobain, stimmig live vorgetragen, durchziehen den aufgeregten, hyperaktiven dreistündigen Abend. Außerdem werden im aufgekratzten Laienspiel von Bernicks Frau Betty Passagen aus anderen Ibsen-Stücken wie "Nora", "Hedda Gabler" und "Peer Gynt" zitiert. Das markiert zusätzlich die zeitliche und ideologische Distanz zum Entstehungszusammenhang dieser "Stützen der Gesellschaft".

Dennoch wirkt das Verhältnis von Kapital und Arbeit – in Gestalt eines erst lautstarken, dann kleinlauten Werftmalochers – arg klischiert und der sich als Odin wähnende Fascho-Sohn Olaf, der von einer neuen germanischen Brut, einem völkischen Kollektiv, träumt, ist sehr dick aufgetragen. Der munter durchgequirlte Ibsen hat hier etwas von modernem Boulevard, gerade in der Unbedingtheit der einseitigen Typisierung. Einzige wirklich schillernde Figur im zehnköpfigen Ensemble ist der ja eigentlich böse Bernick, ihm wird die größte Bandbreite von Emotionen in diesem realistischen Psycho-Poker um Macht und Herrschaft zugestanden.

Nebelkerzen großer Visionen

Aber Guido Lambrecht ist tatsächlich auch toll als maßgebliche Stütze einer durch und durch maroden Gesellschaft. Er variiert auf Anschlag, kann vom eiskalten erfolgreichen Geschäftsmann zum einsamen Gefühlsmenschen werden, dem alle guten Geister und die wahre Jugendliebe, eben die aus Amerika heimgekehrte Lona, abhanden gekommen sind, weil er knallhart auf Erfolgskurs gesetzt hat.

Dass ihm dann alle seine Lieben am Ende beinahe untergehen, weil er ein kaputtes Schiff wider besseren Wissens in See stechen lassen wollte, hat dann fast etwas wahrhaft Tragisches. Ein Geständnis der eigenen Schuld liefert Bernick hier, anders als bei Ibsen, aber nicht wirklich. Er labert, während er überall Nebelkerzen anbringt, weiter ins Vage über seine großen Visionen. Insgesamt eine interessante Lesart.

Sendung: Inforadio, 20.11.2021, 8.30 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

Nächster Artikel