Kritik | "The Rape of Lucretia" im Schlosstheater Potsdam - Wie eine selbstbewusste Frau psychisch implodiert

Sa 13.11.21 | 12:16 Uhr | Von Harald Asel
HOT Potsdam/Winteroper: The Rape of Lucretia – Fflur Wyn, Kathleen Wilkinson, Caitlin Hulcup, Robert Hayward, Richard Burkhard; © Stefan Gloede
Audio: Inforadio | 13.11.2021 | Harald Asel | Bild: Stefan Gloede

Es ist die lange ersehnte Rückkehr an den alten Spielort: Nach neun Jahren umbau- und coronabedingter Unterbrechung spielt die Potsdamer Winteroper wieder im Schlosstheater im Neuen Palais, gebaut unter König Friedrich II. Von Harald Asel

Der Stoff ist alt, er diente einst zur Legitimation des Aufstandes gegen die Königsherrschaft im Alten Rom. Das war 510 vor Christus. Prinz Tarquinius schändet Lukretia, die ehrbare Ehefrau seines Generals Collatinus. Denn er kann es nicht ertragen, dass sie sich ihm widersetzt. Lukretia will nicht weiterleben und ersticht sich.

Der Stoff ist aber ebenso gegenwärtig, denn toxische Männlichkeit und das Zerbrechen von Vergewaltigungsopfern findet sich auch heute. 1946, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, setzte sich der britische Komponist Benjamin Britten in einer sehr genau gearbeiteten Kammeroper mit dem Zeitlosen, ja fast Parabelhaften dieser Geschichte auseinander.

HOT Potsdam/Winteroper: The Rape of Lucretia – Kate Royal, Seán Boylan, Caitlin Hulcup, Caspar Singh; © Stefan Gloede
| Bild: Stefan Gloede

Perfektionistisch und modern

Genau gearbeitet, das heißt bei Britten, dass da keine Note zu viel ist, dass er sehr durchsichtig und mit viel Sinn für die Besonderheiten der Instrumente für ein klein besetztes Orchester geschrieben hat. Das macht den Musikern der Kammerakademie Potsdam sichtlich Freude. Nie ist die Musik nur illustrativ, stets bietet sie eine Reflexionsebene an.

Die Tonsprache ist gemäßigt modern, beim ersten Hören leicht fasslich und doch raffiniert gebaut. Der britische Dirigent Douglas Boyd setzt weniger auf Überwältigung, eher auf präzise Formung der Musik, selbst in den hochdramatischen Momenten. Caitlin Hulcup als Lucretia zeigt in beeindruckender Weise, wie eine einst selbstbewusste Frau durch das Erlebnis ihrer Vergewaltigung psychisch geradezu implodiert. Ihre Stimme klingt danach fahler, gebrochener. Aber auch Sean Boylan zeigt uns den Prinzen nicht einfach nur als Widerling, eher ein verwöhntes Bürschchen, das bislang immer bekam, was er wollte. Sein Bariton kann schmeicheln, fordern, dann wieder kalt und unnahbar sein.

HOT Potsdam/Winteroper: The Rape of Lucretia – Caitlin Hulcup; © Stefan Gloede

Eine Art Beweisaufnahme vor Gericht

Ein Erzähler, eine Erzählerin führen uns ins Geschehen ein, kommentieren, unterstützen die Figuren, sorgen aber auch für Distanz. In der Potsdamer Inszenierung tragen sie zeitweilig Anwaltsroben, denn die Zuschauer wohnen einer Art Beweisaufnahme vor Gericht bei. Es wird die Verrohung einer ganzen Gesellschaft durch permanente Kriege und durch zementierte Geschlechterrollen vorgeführt.

Auch dies ein zeitloses Phänomen: Daher tragen die Darsteller in den Szenen vor der Vergewaltigung antikisierende Kostüme, am ende Gegenwartskleidung. Regisseurin Isabel Ostermann war persönliche Referentin bei Jürgen Flimm an der Berliner Staatsoper und ist heute Operndirektorin in Braunschweig. Sie vermag es, Machtkonstellationen und Gefährdungen alleine durch die Formung der Körpersprache der Figuren aufzuzeigen. Etwa indem jemand raumgreifend auftritt, weil er sich sicher wähnt. Oder sie zeigt, wie der Angriff auf die Integrität einer Person ihre Bewegungen fahrig werden lässt.

HOT Potsdam/Winteroper: The Rape of Lucretia – Seán Boylan, Caitlin Hulcup; © Stefan Gloede

Nur ein kleiner Makel

Das gut aufgelegte Sängerensemble kommt komplett aus Großbritannien. Es vergisst anscheinend manchmal, dass es in einem doch recht kleinen Theater singt, nur wenige Meter vom Publikum entfernt. Es wäre zu wünschen, dass sich die Akteure während der kommenden Aufführungen in der Lautstärke etwas zurücknähmen.

Das ist aber nur eine kleine Mäkelei am Rande eines starken Abends. Denn anders als bei der bisherigen Spielstätte der Potsdamer Winteroper, der langegezogenen Friedenskirche am anderen Ende des Parks Sanssouci, braucht es im Schlosstheater keine mühsamen akustischen Abstimmungsprozesse und auch die großen Gesten können entfallen. Das macht das Erschütternde von Benjamin Brittens Oper nur um so eindrücklicher.

Sendung: Inforadio, 13.11.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Harald Asel

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