Frühkritik | "Ku'damm 56" im Theater des Westens - Stilechtes 50er-Jahre-Musical ohne Bling-Bling

Mo 29.11.21 | 08:30 Uhr
Szene aus dem Musical Ku’damm 56 (Quelle: Stage-Entertainment)
Audio: Inforadio | 29.11.2021 | Ute Büsing | Bild: Stage-Entertainment

Peter Plate und Ulf Leo Sommer von "Rosenstolz" haben die Musik geschrieben und Annette Hess, die Drehbuchautorin der gleichnamigen ZDF-Saga, Libretto und Songtexte. Beste Voraussetzungen also für das Musical "Ku'damm 56". Von Ute Büsing

Da geht was, und da geht auch ganz schön was ab, in drei guten Stunden. In dem liebevoll handgemachten Musical "Ku’damm 56" werden heiße Eisen der 50er Jahre wie Naziverbrechen und tabuisierte Homosexualität verhandelt und dann knallt auch noch der "Sittenverfall zu Urwaldmusik" in die beschauliche Tanzschule Schöllack. Die hat hier ebenso in einem kriegszerstörten Ballsaal mit Podesterie Platz wie das wilde Gegenmodell, Rock’n Roll bei "Mutter Brause".

Mit Rock’n Roll raus aus dem Mief der 50er Jahre

Den Ton gibt die vorzügliche Live-Band im Hintergrund an, die auch Rumba, Samba und Operette kann. Songs wie "Liebes Universum", "Mutter Brause" oder "Berlin Berlin" hallen noch lange nach. Tatsächlich schälen sich leitmotivisch angespielt klar konturierte Figuren heraus, die nicht den üblichen Musicalstandards von der Stange entsprechen.

Alle Darsteller haben persönliches Profil. Vor allem Monika – hinreißend gespielt und gesungen von der Entdeckung Sandra Leitner - die nicht den erwünschten Standards von der schönen Geliebten und der untertänigen Hausfrau und Mutter entspricht. Monika katapultiert sich mit Verve aus dem 50er Jahre Mief heraus – auch mit Hilfe des umtriebigen Rock’n Rollers Freddy, den Musicalstar David Jakobs frisch, frech und frei verkörpert – obwohl Freddy eine KZ-Nummer am Unterarm trägt.

Verlogenheit der Wiederaufbaujahre

Multiperspektivisch werden die Geschichten von der "die guten alten Zeiten" zurücksehnenden Tanzschulleiterin Catherina Schöllack, ihren drei Töchtern, deren möglichen und unmöglichen Männern und vom verlorenen Vater erzählt. Zwar nur im Anriss, aber deutlich genug, um die Verlogenheit der Wiederaufbaujahre zu markieren, ohne die widerstreitenden Triebfedern zu karikieren. Catherina etwa hat ihren Mann für tot erklären lassen, obwohl sie weiß, dass er im Ostteil Berlins eine neue Existenz aufgebaut hat.

Dort will er seine Schuld dafür abbüßen, dass die einst jüdische Tanzschule am Ku‘damm ihm und seiner Frau von den Nationalsozialisten überlassen wurde. Monikas Fabrikbesitzer-Freund hadert mit seinem Vater über dessen ungebrochene Beteiligung an der Rüstungsindustrie. Der eigentlich Männer liebende Mann einer anderen Schöllack-Tochter will sich von einem im Nationalsozialismus an Menschenversuchen zur sexuellen Normierung beteiligten Arzt umpolen lassen.

Mutige Mischung aus Zeitzeugnis und Musical

Es hilft beim Verständnis der Figurenkonstellationen, die gleichnamige Fernsehserie "Ku’damm 56" zu kennen. Was Annette Hess (Buch), Peter Plate und Ulf Leo Sommer (Musik) mit ganz vielen anderen Kreativkräften, darunter Christoph Drewitz (Regie) und Jonathan Huor (Choreograf) jetzt als Musical zusammengebracht haben, lässt einen manchmal an eine andere Ära im Theater des Westens denken, als es noch von Helmut Baumann geleitet wurde und originäre Musicals abfeuerte.

Tatsächlich hat Baumanns Partner Jürg Burth schon mal einen ähnlichen Aufruhr-Stoff entwickelt: "Blue Jeans" (1994), allerdings leichtfüßiger und glamouröser. Beide waren jetzt ebenso bei der Uraufführung von "Ku’damm 56" wie die Berliner Showstars Katharine Mehrling, Gayle Tufts und Tim Fischer.

Im ausverkauften Haus sahen und hörten sie unter strengen 2G-Plus-Corona-Regeln ein stilechtes Musical mit Pettycoat-Kleidern und Lederjacken ohne Bling-Bling, das gerade deswegen eindeutig Lust auf mehr macht: eine mutige Mischung aus Zeitzeugenschaft und genau getakteten Songs und Choreografien mit Menschen-Darstellern statt Musical-Maschinen.

Sendung: Inforadio, 29.11.2021, 08:47 Uhr

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