Teil der Kunstgeschichte - Die "Sammlung Solly" in der Gemäldegalerie

Mi 03.11.21 | 17:48 Uhr
Besucher schauen sich die Bilder «Adam und Eva» (l-r)(um 1525-30) von Jan Gossart (Mabuse), «Neptun und Amphitrite» (1516) von Jan Gossart (Mabuse) und «Adam und Eva» (1540-1560) Kopie nach Jan Gossart (Mabuse) in der Ausstellung «Die Sammlung Solly 1821-2021. Vom Bilder-«Chaos» zur Gemäldegalerie» in der Gemäldegalerie an. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Audio: Inforadio | 03.11.2021 | Maria Ossowski | Bild: dpa/Christophe Gateau

Vor 200 Jahren brachte der englische Kaufmann Edward Solly eine beispiellose Gemäldesammlung nach Berlin. Die "Sammlung Solly" bildet bis heute den Grundstock der Berliner Gemäldegalerie. Von Maria Ossowski

August von Goethe war erschüttert. Er hatte das Haus des Kaufmanns Edward Solly in der Berliner Wilhelmstrasse besucht und schrieb seinem berühmten Vater, da stünden und hingen und lägen so viele Bilder, da würden bestimmt bald die Decken durchbrechen. "Das ist so ein Chaos, da braucht man ein Leben und nicht eine Stunde, um so etwas zu studieren. Das waren die Haupträume des Hauses, das waren auch die Nebengelasse, die Kutschen, die Remisen, die Küchen. Es war alles voll mit Bildern. Das war wie eine Fliege in Bernstein, denn Solly war Händler. Der war Kaufmann. Der hatte eigentlich nicht vorgehabt, alles dem Staat zu verkaufen. Es lag an seiner wirtschaftlichen Schwierigkeit, dass alles, was da war, dann auch tatsächlich preußisch genau inventarisiert wurde."

In der Gemäldegalerie wird die Ausstellung «Die Sammlung Solly 1821–2021. Vom Bilder-"Chaos" zur Gemäldegalerie» vom 03.11.2021 bis 16.01.2022 gezeigt. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
| Bild: dpa/Christophe Gateau

Solly war englischer Großkaufmann

Robert Skwirblies ist der Kurator dieser Ausstellung. Über den englischen Kaufmann und Kunstsammler Edward Solly hat er promoviert. Solly sprach perfekt Deutsch und seine Leidenschaft war die Kunst, Bilder aus der niederländisch-flämischen Zeit zunächst, später konzentrierte er sich auf italienische Malerei. "Solly war ein Großkaufmann. Er hat im Ostseeraum mit Holz und Getreide gehandelt. Er war nur ungefähr fünf Jahre in Berlin. In dieser Zeit hat er die 3.000 Bilder zusammengekauft. Da merken Sie auch, dass in dieser Zeit, nach Napoleons Sturz, ganz viel drunter und drüber ging in Europa. Das gibt es sonst nicht, dass in so kurzer Zeit so viele Bilder zusammen kommen können. Das ist ein wichtiger Punkt in dieser Sammlung. Ein anderer ist diese Art von Bildern. Darunter sind Gemälde, die zum großen Teil vor 1550 entstanden sind. Das wurde auch immer als das Besondere dieser Sammlung wahrgenommen."

Erster Raffael kam durch Solly nach Berlin

Am Packhof kamen die Kunstwerke an. Meist auf Schiffen, denn Solly hatte Agenten überall in Italien, die für ihn kauften, was immer ihm gefiel. Raffaels "Madonna mit dem Kind" von 1502 war eine Sensation: Der erste Raffael, den es überhaupt gab in Berlin. Der hing in Sollys Haus neben einem angeblichen Leonardo, ebenfalls eine Madonna, jedoch stellte sich nach Sollys Tod heraus, dass es ein Maler in Leonardos Umkreis geschaffen hatte. Einen Rembrandt schätzte Solly selbst nicht sehr hoch ein: "Jakob ringt mit dem Engel" ist heute ein Glanzstück der Gemäldegalerie.

Finanzielle Schwierigkeiten zwangen zum Verkauf

Solly geriet 1818 in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Er ritt zwar aus mit dem Kultusminister, verkehrte mit dem Finanzminister und dem Kronprinzen, aber bei Geld hören viele Freundschaften auf. Einerseits wollte Berlin unbedingt ein Nationalmuseum einrichten. Vorbilder waren Paris, Madrid und Amsterdam. Andererseits sollte es nicht zu viel kosten. Eine halbe Million Taler schließlich brachten die 3.012 Gemälde, immerhin drei Prozent des preußischen Staatshaushaltes. Mit Karren ließ der Staat dann die Wilhelmstrasse räumen, oft brachten die Träger die Bilder zu Fuß in die Akademie, die heutige Staatsbibliothek. Der Grundstock für ein außergewöhnliches Museum war gelegt. Noch immer besitzt die Gemäldegalerie 700 Bilder aus dieser Sammlung, einzigartige Kunstwerke ebenso wie Bilder, deren Wertschätzung im Laufe der Jahre schwand. Sie sind meist im Depot. Solly starb 1844.

Überall in der Gemäldegalerie am Kulturforum hängen Bilder aus der Solly-Sammlung: Ghirlandaio, Botticelli und andere grandiose Schätze. In zwei Räumen wird mit 30 seiner Bilder die Geschichte des englischen Kaufmanns erzählt. Sie ist auch ein Teil der Kunstgeschichte. Sie zeigt, wie Geschmäcker sich ändern und wie die Forschung manches Werk eines Genies dann doch als Kopie oder Werkstattarbeit eines Nachahmers entlarvte.

Sendung: 03.11.2021, Inforadio, 18:37 Uhr

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