Theaterkritik | Christian Krachts "Eurotrash" in der Berliner Schaubühne - Stomabeutel und Vodka

Fr 19.11.21 | 10:16 Uhr | Von Cora Knoblauch
Schaubühne: "Eurotrash" © Fabian Schellhorn
Fabian Schellhorn
Audio: Inforadio | 19.11.2021 | Cora Knoblauch | Bild: Fabian Schellhorn

Im Frühjahr 2021 erschien Christian Krachts autobiografischer Roman "Eurotrash", eine Forterzählung seines Debütromans Faserland. Nun inszeniert Jan Bosse den tragisch-komischen Stoff als ein Roadmovie für zwei Schauspieler:innen an der Berliner Schaubühne. Von Cora Knoblauch

Sie müsse mal, sagt die Mutter. "Pipi?" fragt der Sohn. "Nein, das andere", antwortet die ältere Dame leicht genervt. Aber jetzt sei es auch schon passiert. "In die Hose?" fragt der Sohn entsetzt. "Nein. In den Beutel". Dass seine alkohol- und tablettensüchtige Mutter einen künstlichen Darmausgang hat und folglich regelmäßig die Klebebeutel an ihrem Bauch auswechseln lassen muss, hat der Sohn – Christian Kracht – bis zu dem Zeitpunkt nicht gewusst. Dass die hautfarbenen Dinger Stomabeutel heißen, weiß spätestens jetzt auch jeder im Publikum.

Schaubühnen-Star-Schauspieler Joachim Meyerhoff spielt die Romanfigur Christian Kracht und beweist in der Szene mit dem Stomabeutel einmal mehr sein komödiantisches Talent. In Mr. Bean-Manier verliert er den frisch abgenommen Beutel seiner Mutter, findet ihn an seinem braunen Öko-Strickpulli am Rücken klebend, der, in dem Augenblick fällt es ihm und dem Publikum auf, lauter Hakenkreuze eingestrickt hat. Da klebt also der randvolle Beutel am braunen Pulli voller Hakenkreuze. Slapstick-Momente wie diese bringt Meyerhoff vor allem in der ersten Hälfte des fast zweieinhalbstündigen Abends (keine Pause) reichlich. Zum Glück muss man sagen, denn der Stoff der Geschichte ist tragisch und traurig und wäre ohne die Albernheiten des Joachim Meyerhoff nur schwer zu ertragen.

Roadtrip in eine Kommune voller Nazis

Der Christian Kracht aus dem Roman "Eurotrash" besucht alle zwei Monate seine alte Mutter, gespielt von Angela Winkler, in Zürich. Mehrfach hat sie Zeit in Nervenkliniken und Psychiatrien verbracht, sie selbst bezeichnet diese Orte als Kurhotels. Nachdem Kracht in Zürich an einem Verkaufsstand einer Schweizer Selbstversorger-Kommune eben jenen braunen Strickpulli erworben hat, beschließt er kurzerhand, mit seiner widerspenstigen Mutter einen kleinen Roadtrip in die Schweizer Berge zu unternehmen und eben diese schratige Kommune zu besuchen – ein Dorf voller Nazis, wie sich herausstellt.

Traumata und Schweigen der Generationen

Mutter und Sohn reisen weiter durch die Schweiz, reichlich Vodka und Tabletten im Gepäck. Sie fahren mit der Gondel hoch auf den Gletscher, die schwerkranke Mutter wünscht sich, Edelweiß zu sehen. Und wenn schon keinen Edelweiß, dann wenigstens Zebras in Afrika. Diesen Gefallen, den könne der Sohn ihr doch mal machen. Wenn er sie schon sonst ziemlich hängen ließe, wie sie sich fortlaufend beschwert. Doch bei allen Streitigkeiten darum, ob und wo sie Forelle essen gehen sollten, welche Schriftsteller etwas taugen und welche nicht, umkreisen die beiden großen Fragen: Wen vermisst du? Was bereust Du? Antworten können oder wollen beide nicht geben. Zu groß ist der Schmerz über das Unsagbare, das Schweigen in einer Familie, die unsagbare Schuld und Traumata mit sich herumträgt. Der Opa ein ranghoher Nazi und auch nach dem Krieg stramm überzeugt vom Nationalsozialismus. Die Mutter als Kind mehrfach vergewaltigt und auch Sohn Christian hat sexuellen Missbrauch erlebt. Über alles wissen und wussten alle in der Familie Bescheid, sprechen konnte dennoch niemand.

Die Kraft der Geschichten

Joachim Meyerhoff und Angela Winkler spielen stark, ein Traum-Match als Sohn und Mutter Kracht. Meyerhoff als linkisch-ulkiger Sohn, der versucht mit Würde die verbalen Erniedrigungen seiner Mutter auszuhalten. Winkler als eine Frau am Ende ihres Lebens, fragil und dennoch mädchenhaft-jugendlich.

In ihren schwächsten Momenten wünscht sie sich von ihrem Sohn nur eines: "Erzähl mir eine Geschichte!" Am Ende, Kracht hat seiner Mutter versprochen, ihr den Wunsch zu erfüllen und nach Afrika zu bringen, erfüllt auch sie ihrem Sohn einen Wunsch. Christian hat seine Mutter nicht zum Flughafen gefahren, sondern in die Nervenklinik. Doch anstelle ihrem Sohn Vorwürfe zu machen, verabschiedet sie sich von ihm: "Ich gehe jetzt zu den Zebras." Da öffnet sich die hintere Wand des Bühnenraums, das Publikum sieht in die Kulissen und von dort durch die geöffnete Tür auf den nachtdunklen Kurfürstendamm. Hinter jeder Geschichte verbirgt sich eine andere, vielleicht ist es die Realität. Aber vielleicht zählt ja auch nur die Geschichte, an die wir glauben möchten. Eine schöne Vorstellung.

Sendung: Inforadio, 19.11.2021, 9.00 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

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