Theaterkritik | "Ein feministisches Singspiel" am HAU Berlin - Antikapitalistische Glamour-Utopie jenseits der Geschlechter

Di 23.11.21 | 10:30 Uhr | Von Ute Büsing
Christiane Rösinger / HAU | Planet Egalia – Ein feministisches Singspiel (Quelle: HAU/Dorothea Tuch)
HAU/Dorothea Tuch
Audio: Inforadio | 23.11.2021 | Ute Büsing | Bild: HAU/Dorothea Tuch

Die Berliner Sängerin und Songschreiberin Christiane Rösinger hat schon einmal ein Gute-Laune-Musical mit ernstem Hintergrund auf die Bühne des HAU gebracht: "Stadt unter Einfluss" zur Wohnungsmisere. Jetzt legt sie mit dem feministischen Singspiel "Planet Egalia" zur Geschlechtergerechtigkeit nach. Von Ute Büsing

Unter rosen Baldachinen, die wirken wie aus einem UFO geschnitten, kommen die toughen Frauen Egalias in farbenfrohen kastenförmigen Chefanzügen und die empfindsamen Männer in verspielten runden Gewändern auf der Drehbühne zusammen. Am Essenstisch der Direktorin Rut Brams wird verhandelt, warum Sohn Petronius bald einen "PH", kurz für "Penishalter", tragen muss. Er gehört im Apartheidsstaat "Egalia" nämlich zum schwachen Geschlecht.

Dort machen die Männer die Hausarbeit, ziehen die Kinder groß und stehen überhaupt unter der Knute der Frauen. Petronius bekommt schließlich zum Geburtstag einen speziellen Tauchanzug mit herausragendem gestählten PH. Nur so darf er sich, sein Herzenswunsch, unter die Tauchfrauen mischen.

Karikatur der Männerherrschaft durch Umkehrung

Für ihr "feministisches Singspiel" hat sich die mit den "Lassie Singers" bekannt gewordene 60-jährige Christiane Rösinger den Roman "Die Töchter Egalias", den die Norwegerin Gerd Brantenberg 1979 schrieb, zur Vorlage genommen. Darin wird Männerherrschaft durch die bloße Umkehrung karikiert. Die Kerle können einem leidtun in ihrem Ringen um das "Vaterschaftsmatronat" einer wohlhabenden Frau, um nicht als "Herrlein" kinderlos zu enden. Sie müssen dem Schönheitsideal dick entsprechen und unbedingt einen ganz kleinen Penis haben. Gefeiert wird dagegen ausgiebig – auch auf der HAU-Bühne – das Ritual der Geburt. Gleich danach kommt der Säugling zur weiteren Betreuung in Vaters Arme.

Weil die pure Darstellung einer verkehrten Welt nicht zwei Stunden füllen würde, verknüpft die Regisseurin und Songschreiberin Brantenbergs "Egalia" mit anderen Orten auf anderen Planeten in anderen Zeiten, wo die Geschöpfe schon weiter gekommen sind mit der Gleichberechtigung oder, wo es gar keine Männer mehr gibt und Nachwuchs künstlich erzeugt wird. Für diese Utopien stehen feministische Science Fiction-Autorinnen aus den USA Patin. Auch deren Werke entstanden, wie Joanna Russ "Planet der Frauen" oder "Winterplanet" von Ursula K. Le Guin, in den 1970er Jahren.

Gender-Clearing in feministischer Science-Fiction

So wirkt das launige vielstimmige Singspiel über weite Strecken tatsächlich aus der Zeit gefallen in der Anknüpfung an spielerische feministische Diskurse aus der Frühzeit der Bewegung. Es ist zwar stellenweise charmant wie in der trashigen Montage aus Songs und Spielszenen zum Beispiel in Gestalt einer "Gender Clearer" auf aktuelle Sprechgebote und neue geschlechtliche Setzungen reagiert wird. Den Hammer der Erhellung packt der feministische Schwank aber nicht aus.

Stattdessen sorgt er im ausverkauften HAU für mächtig gute Laune im überwiegend jüngeren, überwiegend weiblichen Publikum. Was Rösinger da so alles an kruden Utopien auf die Erde funken lässt, findet durchaus ein Echo. Vor allem wenn im zweiten Teil der Space-Mission klar wird, worum es ihr eigentlich geht: die Abschaffung der Klassengesellschaft und des Privateigentums (wie schon im HAU-Vorgängermusical "Stadt unter Einfluss" zur Wohnungsmisere). Da kommt sie selbst als Parolen-Trägerin wider die romantische Liebe in ihr kuscheliges "Egalia"-Setting und lässt im Schlusschor dann in Glitzerkostümen eine antikapitalistische Glamour-Vision jenseits der Geschlechter aufblitzen, die zwar wahnsinnig naiv ist, bei dieser Uraufführung aber viele Liebhaberinnen findet.

Sendung: Inforadio, 23.11.2021, 8:30 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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