Premierenkritik | "Rom*nja City, Stadt freier Menschen" im Grips Theater - Selbstermächtigungstheater gegen generationsübergreifende Traumata

Mi 10.11.21 | 11:05 Uhr | Von Ute Büsing
Das Ensemble des "Rom*nja Power Theaterkollektivs" (Bild: Grips Theater)
Audio: Inforadio | 10.11.2021 | Ute Büsing | Bild: Grips Theater

Angekündigt ist es als Abrechnung, das neue Stück des Rom*nja Power Theaterkollektivs basiert auf medizinischen Experimenten an Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Ute Büsing war bei der Uraufführung im Grips Theater.

Hinter diversen heruntergelassenen Vorhängen flüstert es im Chor: "Nieder mit dem Kulturkannibalismus! Wir selbst sind der Schutz!" Damit ist der Bogen gespannt für eine gute Stunde Selbstermächtigungs-Theater eines sechsköpfigen Rom*nja-und Sinti*zzi-Ensembles mit viel Ausdruckstanz, Akkordeonbegleitung und ein paar Multi-Media-Einsprengseln – nur sehr lose angelehnt an Bert Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony".

Menschenexperimente im Nationalsozialismus

Dieses "Mahagony" scheint hier nur flüchtig auf als feministisches Utopia, als mystische Möglichkeit der Befreiung. Im Vordergrund stehen die Zwillingsschwestern Leila und Carmen, die von Nazi-Ärzten mit Experimenten zur "Rassenreinhaltung" malträtiert wurden. Die Mutter hatte die Alternative: Konzentrationslager Auschwitz oder Medizinversuch. Eigentlich sollten Sinti- und Roma-Frauen gar nicht schwanger werden, sondern sich sterilisieren lassen. Nur eines der beiden Mädchen überlebt die medizinischen Experimente.

Beide erzählen und klagen nun an in Rückblenden und Vorausschauen, auch mal als Rachegöttin. Zentral ist das Mengele-Motiv, die Augenfarbe der Rom*njas zu ändern – wie es Rita Prigmore, auf deren Überlebens-Bericht das Stück basiert, erlitten hat. Auch sie wird kurz zur Bühnenfigur. Die Uraufführung ist am Abend der Reichspogromnacht. Wie Sinti und Roma verfolgt und ermordet wurden, wird in "Rom*nja City" in harten Fakten ausgedrückt. Immer wieder geht es um die oktroyierte "Wahlfreiheit" zwischen Sterilisation und Auschwitz. Erinnert wird an die 500.000 weitgehend vergessenen während des Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma.

Krasse Bilder gegen das Vergessen

Wider das Vergessen, auch der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft, und die verspätete Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus, setzt das Rom*nja Power Kollektiv zum Teil krasse Bilder: ein Baby im Kinderwagen trägt Totenkopf; Schuhe werden auf die Bühne gekippt und aufgestellt, was an die Schuh- und Kleidersammlungen Ermordeter in der Gedenkstätte Auschwitz erinnert. Aber immer wieder wird die Härte auch von poetischen Bildern durchbrochen, dem gemeinsamen Entlanghangeln an mit Bekleidung umwickelten Seilen, Seiltanz.

Das Ensemble des "Rom*nja Power Theaterkollektivs" im Berliner Grips Theater (Bild: Jürgen Scheer)

Im Grips Podewil steht in der Regie von Rea Kurmann sowie Simonida und Sandra Selimovic ein echtes Kollektiv mit vielen Hinterfrauen und Hintermännern auf der Bühne, das spürt das Publikum. Gesprochen wird Deutsch, Englisch und Romani. Die transgenerationale Übertragung von Traumata wird sensibel umkreist, der Clash mit der weißen Mehrheitsgesellschaft umso heftiger inszeniert. Einige aus dem überwiegend jungen Kader haben schon bei "Roma Armee" am Gorki mitgespielt und sind hier wieder treibende Kräfte in der Durchbrechung stereotyper Rollenbilder.

Gegründet wurde das Rom*nja Power Kollektiv 2017. Ein Theaterstück ("So Kheren Amenca?! Für immer Urlaub!") hat es bereits herausgebracht. Sein Ziel: die Sichtbarmachung in Theater- und Filmproduktionen und der Austausch mit der Community der Sinti und Roma. Das Grips will langfristig mit dem Kollektiv zusammenarbeiten - und das ist gut so.

Sendung: Inforadio, 10.11.2021, 9.55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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