Kritik | "Thank you very much" von Claire Cunningham - Hüftschwung für nicht-normierte Körper

So 05.12.21 | 13:10 Uhr
"Thank you very much", Clair Cunningham (Quelle: Hugo Glendinning)
Audio: Inforadio | 05.12.2021 | Ute Büsing | Bild: Hugo Glendinning

Die schottische Choreografin Claire Cunningham, selbst gehbehindert, arbeitet international mit gehandicapten Performern und Tänzern zusammen. In den Sophiensälen zeigte sie am Freitag die Berlin-Premiere von "Thank you very much". Von Ute Büsing

Erst tragen alle vier Performer die handelsüblichen Trainingsanzüge. Dann wirft sich Claire Cunningham in eine schwarze Lederjacke, fixiert ihre eigens für diesen Abend entstandene Schmalz-Tolle und führt mit "bösem Buben-Blick" vorsichtig ein in das Sein eines anderen im Rampenlicht: Elvis Presley. Wie sogenannte Tribute Artists oder Star Doubles ihn verkörpern, ist ein Thema in "Thank you very much". Das andere: Wie sich Menschen mit körperlicher Behinderung "Elvis, the Pelvis" sexuell konnotierte Moves wie die Stoßbewegungen aus dem Becken aneignen.

"Thank you very much", Clair Cunningham (Quelle: Hugo Glendinning)
| Bild: Hugo Glendinning

Die schottische Choreografin Claire Cunningham, die in diesem Jahr den "Deutschen Tanzpreis" bekam, ist selbst gehbehindert und arbeitet international mit gehandicapten Performern und Tänzern zusammen.

Tribut an Elvis, the Pelvis

In "Thank you very much", das am Freitag in den Sophiensälen Berlin-Premiere feierte, setzt Claire Cunningham gezielt und virtuos ihre Krücken ein, ebenso wie Tanja Ehrhart, die nur ein Bein hat. "Dreibeiner" beziehungsweise "Vierbeiner" nennen sie sich selbstbewusst. Vicky Malin und Dan Daw brauchen für ihre Gehbehinderung keine sichtbaren medizinischen Hilfsinstrumente. Es kostet sie aber spürbar Kraft und Konzentration, ihre Körper zur Ferse-Zeh-Balance, zum Kreiseln und Stoßen, zu verführen. Aber diese Kraftanstrengung ist auch ein Spiel.

Claire Cunningham, die auch mit dem Tanzhaus NRW Düsseldorf und The Place in London zusammenarbeitet, weist traditionelle Tanztechniken zurück, weil sie für nicht-behinderte Menschen entwickelt wurden. Stattdessen entwickelt sie ganz eigene Bewegungsabläufe für nicht-normierte Körper. Bald tragen alle vier Darsteller Elvis-Lookalike-Outfits: Schlaghosen, darüber schwere Gürtel, Paillettenjacken und Glitzer-Capes. "Love me tender" wird durchexerziert, während gleichzeitig aus dem Off berühmte Elvis-Doubles Anleitungen geben und von Bühnenerlebnissen erzählen.

Publikumseinbeziehung in Corona-Zeiten

Von Anfang an ist das Publikum Teil der 90-minütigen Performance. Es soll sich "komfortabel" fühlen, Lasso-Armbewegungen und Hüftschwünge mitmachen, auf der Bühne balancieren und eine Talkshow Befragung durchführen. Cunninghams Crew ist so überzeugend sympathisch, dass keiner fremdelt und tatsächlich eines der in Zeiten von Corona seltenen Gemeinschaftserlebnisse entsteht. Darauf spielt Cunningham auch immer wieder an - in den doppelt und dreifach gesicherten Sophiensälen, die im Schachbrett setzen und zusätzlich zum Genesenen- oder Impfnachweis einen tagesaktuellen Corona-Schnelltest verlangen. Performer und Publikum tragen zudem Masken. Eigentlich würde "Thank you very much" noch viel näher ans Publikum heranrücken.

Die Show der renommierten schottischen Choreografin aus Glasgow hat gleich mehrere doppelte Böden. Sie spielt mit Selbst- und Fremdwahrnehmung, arbeitet sich durchaus humorvoll daran ab, wie Menschen lebenslang versuchen, andere zu sein und sie setzt auch dem Mythos Elvis zu: seiner Aneignung schwarzamerikanischer Ausdrucksformen und Musikstile und der zunächst aus Empörung gespeisten Projektion des weißen Amerikas der 50er Jahre auf den Sexgott "The Pelvis", der auch Anregungen aus dem Burlesque-Tanz verwendete. "Thank you very much" ist hintersinnige Lecture Performance und Vergnügen zugleich.

Sendung: Inforadio, 04.12.2021, 8:55 Uhr

Nächster Artikel