Theaterkritik | "All right. Good night" im HAU - Auch die Ostsee habt ihr mir zu verdanken

Fr 17.12.21 | 10:04 Uhr | Von Barbara Behrendt
Musiker:innen stehen in einer Szene des Stückes "All Right. Good Night" am Berliner HAU auf einer Bühne (Bild: HAU Berlin)
Audio: rbbKultur | 17.12.2021 | Barabara Behrendt | Bild: HAU Berlin

In "All right. Good night" verwebt Helgard Haug von Rimini Protokoll am HAU zwei ganz unterschiedliche Dinge, die bestens zusammenpassen: die Demenz ihres Vaters und das Verschwinden des Passagierflugzeugs MH370. Von Barbara Behrendt

Im Hintergrund Flughafengeräusche: viele Stimmen, Durchsagen, Geschirrklappern. Auf der Bühne stehen derweil die sieben Musikerinnen und Musiker in einer Schlange wie Passagiere am Checkin-Schalter. Langsam nur geht es voran, ihre Instrumente schieben sie in Schutzhüllen als Gepäckstücke vor sich her. Als würden sie in die Maschine einsteigen, von der bald darauf die Rede ist. Stimmen aus dem Off beginnen zu sprechen: "Im Frühjahr 2014 steigt der Vater in ein Flugzeug ein. Eine Boeing 777. Ist einer von 239 Menschen. Ich stelle mir vor, wie der Vater dieses Flugzeug betritt."

Der Vater der Autorin und Regisseurin Helgard Haug, der hier gemeint ist, steigt allerdings nicht real in dieses Flugzeug ein. Er tut es bildlich gesprochen. Denn der Flug, um den es geht, ist MH370 – jenes Flugzeug, das 2014 einfach vom Radar verschwand auf seinem Weg von Kuala Lumpur nach Peking, ohne Alarm, ohne Hilferuf. Nach einer Stunde setzte der Pilot seine letzte Nachricht ab: "All right. Good night", sagte er ins Funkgerät. Danach wurde die Maschine niemals wieder gesehen. Bei Helgard Haugs Vater beginnt zum gleichen Zeitpunkt eine Demenzerkrankung. Er steigt ins Flugzeug des Verschwindens und Vergessens ein.

Ein Abend über Abschied und Vergessen

Der fehlende Protagonist ist die Leerstelle, um die der Abend kreist. Daher ist es nur konsequent, dass alle Performerinnen und Schauspieler auf der Bühne fehlen. Hier steht allein das Zafraan Ensemble. Meistens spielt es Musik – allerdings nicht immer. Manchmal bebildern die Musiker schlicht die Szenerie, etwa, wenn sie Sand auf die Bühne kippen und es sich dann unter einem Sonnenschirm halbwegs gemütlich machen. Während auf der hinteren Bühnenwand das Meer als Videoprojektion seine dunklen, mächtigen Wellen heranrollt.

Die Schlaufen des Vergessens und sich selbst Verlierens verbindet Haug mit der Frage: sich verlieren wohin? Auf den Meeresgrund, von dem nie mehr etwas zurückkehrt, wie ein Wissenschaftler zitiert wird? Oder ein Entschwinden auf eine einsame Insel, wo die Angehörigen der Flugzeugpassagiere ihre Liebsten imaginieren?

Projizierte Texte statt Schauspiel

Die Texte werden zumeist nicht gesprochen, sondern auf einem durchsichtigen Gaze-Vorhang vor den Musikerinnen projiziert. Man liest die ineinander verwobenen Geschichten, während man der Musik zuhört. Viel mehr passiert nicht.

Hier und da kündigt eine Sprecherin das jeweilige Jahr des Verschwindens an. Bis Jahr Acht geht es. Zwischendurch klingen verschiedene Frauenstimmen aus dem Lautsprecher. Zum Beispiel, als der Vater schon im Pflegeheim lebt und sich selbst als Heimleiter begreift, der mit seiner Tochter eine Runde ums Haus geht: "Und wer hat’s gemacht? Fragt er. Und gibt die Antwort gleich selbst: Ich hab’s gemacht! Das ganze Viertel, die ganze Welt ist sein Werk. Der Vater sagt: Auch die Ostsee habt ihr mir zu verdanken! Die habe ich in meiner Zeit als Schulleiter verwirklicht."

Die meiste Zeit aber muss man selbst lesen. Das funktioniert deshalb gut, weil der Text pointiert und zugleich poetisch geschrieben ist. Sogar spannungsreich, wenn alle Stationen der Flugzeugsuche beschrieben werden: Die Phase, als man von einer Entführung ausging, später dann von einem Suizid des Piloten – bis Wrackteile gefunden werden, 7.000 Kilometer voneinander entfernt. Der Vater beschreibt sich derweil ebenfalls als Wrack, als in Einzelteile zerfallend.

Die Musik dazu klingt wie ein Requiem. Die Musiker:innen spielen Kontrabass, Violine, Klarinette, Saxophon, Schlagzeug. Komponiert hat Barbara Morgenstern, die aus dem elektronischen Musikbereich kommt. Hier sind es mal sehnsuchtsvolle, gedehnte Klänge, wenn das Meeresrauschen gezeigt wird, dann wieder mehr Minimal Music, repetitiv, fast atonal. Die Musik wird nicht zum Erzähler, setzt aber Stimmungsakzente.

Das Vermissen als Pointe

Darauf muss man sich einlassen können – wer sich auf Theater statt Konzert gefreut hat, der wird die Schauspieler schmerzlich vermissen. Doch auch das Vermissen ist Thema an diesem Abend der Leerstellen. Über zweieinhalb Stunden verliert sich die Inszenierung zwar zunehmend in Redundanzen, doch als der Vater zuletzt stirbt, fragt sich Haug wieder und wieder: Wohin verschwindest du? Wo ist dieser Ort? Ein berührendes Abschiednehmen und Gehenlassen, vielleicht gen Meeresgrund.

Sendung: rbbKultur, 17.12.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Barbara Behrendt

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