Auszeichnung für Berliner Filmemacherinnen - "Horrorfilme spiegeln unsere tiefsten Abgründe"

Mi 08.12.21 | 19:42 Uhr | Von Hendrik Schröder
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Horror-Filmerinnen Farah Bouamar und Nabila Bushra. (Quelle: Julius Erdmann)
Julius Erdmann
Audio: Inforadio | 08.12.2021 | Hendrik Schröder | Bild: Julius Erdmann Download (mp3, 4 MB)

Das Lost-Film-Kollektiv hat ein ungewöhnliches Konzept: Es produziert Horrorfilme - rassismuskritisch und gendersensibel. Dahinter stecken zwei Filmemacherinnen aus Berlin. Für ihr Projekt wurden sie jetzt mit einem Preis der Bundesregierung ausgezeichnet. Von Hendrik Schröder

Farah Bouamar und Nabila Bushra kommen gar nicht aus der Filmbranche. Und mit Horrorfilmen hatten die Endzwanzigerinnen bis vor einer Weile auch nichts am Hut. Nabila ist Pädagogin und Sozialarbeiterin, forscht zu rassismuskritischen Themen, Farah macht gerade ihren Doktor in Literaturwissenschaft und war zuletzt für den politischen Youtube-Kanal Datteltäter aktiv.

Die beiden kennen sich schon seit Jahren, haben zusammen studiert. Farah arbeitete immer wieder an Filmsets und erlebte, mit welchen Geschlechterklischees dort hantiert wurde, wie patriarchal die Strukturen oft waren, wie wenig divers es zuging.

Darüber beschwerte sie sich bei ihrer Freundin Nabila, die nur antwortete: "Dann lass es uns besser machen. Wir haben so viele Geschichten zu erzählen, unser Lebenskontext ist voll davon. Die kulturelle Bereicherung, die wir mit unseren Geschichten zusammenbringen - warum nicht mal in was Coolem zusammenpacken?" Also zogen die beiden nach Berlin und gründeten das Lost-Film-Kollektiv.

Das macht was mit den Leuten

Aber warum ausgerechnet Horrorfilme? Diese Frage bekommen sie oft gestellt. Horrorfilme, antworten sie dann, hauen rein, berühren, rütteln auf, erzeugen Aufmerksamkeit, ein perfekter Träger für politische Botschaften. "Horrofilme spiegeln nichts anderes als die tiefen Abgründe des Menschen, und das fanden wir super", sagt Farah Bouamar.

Außerdem erreiche man mit Horrorfilmen auch verstärkt jüngere Leute, meint Nabila Bushra: "Weil Horror auch das Potenzial mitbringt, gesellschaftliche Missstände auf einer ganz anderen Ebene noch mal sichtbarer zu machen. Und das für das Publikum noch mal eine ganz andere Wirkung hat, das macht ja auch was mit den Leuten. Das ist dann so stark, dass wir dachten, das bietet sich gut an. Und im deutschsprachigen Raum gibt es davon auch bisher nicht viel."

Es geht dem Kollektiv also nicht nur darum zu schocken und besonders krass zu sein, sie wollen auch aufklären, anstoßen, weiterbilden. Nicht zuletzt deshalb wurde die Produktion als gemeinnützige Firma gegründet, schließlich hat das alles ja auch einen Bildungsauftrag: "Wir möchten gerne unsere Kurzfilme in unterschiedliche Bereiche hineintragen und über bestimmte Missstände, Ungleichheiten in dem Bereich sprechen und gehen dann auf eine Art kleine Tour und stellen unseren Film vor und sprechen darüber."

Eine kleine Utopie

In ihrem ersten Film "I can heal you" geht es um einen Mann, der sich um seine krebskranke Frau kümmert und dabei langsam komplett durchdreht. Eine umgedrehte Rollenzuschreibung, sagen die Filmemacherinnen, normalerweise bekämen Frauen die Funktion der sich Kümmernden. Geschlechterrollen, Rassismus, Marginalisierung, Sichtbarkeit von Menschen außerhalb der Mehrheitsbevölkerung. All das sind Themen, die die beiden Produzentinnen umtreiben.

Die etwas andere Herangehensweise zeigt sich auch hinter der Kamera. Die branchenüblichen strengen Hierarchien, die so oft männlich dominierte Produktion, das enorme Gehaltsgefälle zwischen den unterschiedlich Gewerken von Regie bis Bühnenhelfer*innen, all das soll es beim Lost-Film-Kollektiv nicht geben. Das sei vielleicht utopisch, meint Farah Bouamar, "aber alleine der Versuch bedeutet uns schon sehr viel".

Und dieser Versuch überzeugte offenbar auch die Jury der "Kultur - und Kreativpilot*innen" - sie verlieh die Auszeichnung der Bundesregierung an das Lost-Film-Kollektiv. Dieses erwartet nun ein ausführliches Mentoring-Programm, Coachings, Workshops und viel Aufmerksamkeit. Und der nächste Horrorkurzfilm ist auch schon der Mache. Thema: Das Verhältnis von Essen und Rassismus.

Beitrag von Hendrik Schröder

7 Kommentare

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  1. 7.

    Schauen Sie sich z. B. mal den Film "Get Out" an, Kevin. In diesem wird das Thema: Rassismus in klassischem Horrorgewand behandelt.

    https://ssl.ofdb.de/film/293438,Get-Out

  2. 5.

    Gut das das nur Ihre Meinung ist. Müssen sie ja schließlich nicht schauen! Das Wort "Menschinnen" zeigt ja auch ausreichend, wessen Geistes Kind Sie sind, nicht wahr? Also wäre das Prädikat "Störung" durchaus nochmal diskutabel, wem mabn das verpassen sollte.

  3. 4.

    "...sie wollen auch aufklären, anstoßen, weiterbilden"

    Und das mit rassismuskritischem und gendersensiblem Horror! Da muss man erst einmal drauf kommen.

  4. 2.

    Ja genau, und Liebesfilme werden nur von Menschen gemacht, die den ganzen Tag an Gänseblümchen schnuppern . . . Oder meinen Sie speziell Frauen, die Horrorfilme machen, haben eine schwere Störung, Berliner?

  5. 1.

    Horrorfilme machen meiner Meinung nach nur Menschinnen die eine schlimme Störung haben.

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