Konzertereignis des Jahres - Igor Levit spielt Schostakowitsch

Fr 03.12.21 | 08:17 Uhr | Von Hans Ackermann
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Archivbild: Igor Levit, russisch-deutscher Pianist, spielt am 09.11.2018 auf der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen Klavier. (Quelle: dpa/Jan Woitas)
Audio: Inforadio | 03.12.2021 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Jan Woitas

Im Kammermusiksaal der Philharmonie hat der Pianist Igor Levit am Donnerstag die "24 Präludien und Fugen" von Dmitri Schostakowitsch gespielt. Für Hans Ackermann das Konzertereignis des Jahres im ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie.

Schön und schlicht, in reinstem C-Dur, beginnt im fast ausverkauften Kammermusiksaal der Zyklus der "24 Präludien und Fugen op. 87". Nur ganz dezent hat Dmitri Schostakowitsch in diesem ersten Präludium einige Dissonanzen eingestreut - ganz so, als habe der Komponist die Zuhörer um das Jahr 1950 mit einer gewissen Vorsicht in die Klangwelt der Moderne einladen wollen.

Anders als viele Solisten hat Igor Levit bei seinem Vortrag die Noten auf dem Klavierpult liegen, lässt sie beim Spielen Seite für Seite umblättern. Zwei dicke Bände, die der 1987 in Russland geborene Musiker nicht aus den Augen lässt. Vielleicht strahlt er deshalb eine so konzentrierte Ruhe aus. Man spürt, hier kann einfach nichts schiefgehen, mögen die Fugen und das moderne Tonmaterial auch noch so komplex sein.

Levit nimmt politisch Stellung

"Die Verbindung von Wärme, Unmittelbarkeit und purer Einsamkeit", schreibt Igor Levit im Text zu seiner gerade erschienenen Einspielung der Präludien und Fugen, "empfinde ich in diesen 48 Stücken als ganz und gar einzigartig".

Wie in einem musikalischen Tagebuch schildert Schostakowitsch in den abwechslungsreichen Stücken unterschiedliche Gefühle und Gedanken. Die manchmal von volksliedhafter Schönheit und heiterer Komik geprägt sind, dann aber auch von der Angst eines vom Sowjet-Staat zunächst gefeierten, später beargwöhnten Künstlers. Erst mit Stalins Tod im Jahr 1953 konnte Schostakowitsch nachts wieder einigermaßen ruhig schlafen, davor hatte er nach eigenem Bekunden über Jahre mit seiner Verhaftung gerechnet.

Die Musik von Schostakowitsch zu spielen sei für ihn ein "Ritual der Selbsterkundung" sagt Igor Levit, der mit diesem Zyklus auch einen künstlerischen Kommentar zur Gegenwart abgibt, zu den Auswirkungen der Pandemie auf das Selbstverständnis eines in der Abgeschiedenheit gefangenen Künstlers.

Igor Levit ist dafür bekannt, in Interviews und sozialen Medien politisch Stellung zu nehmen. Seine Wortmeldungen gegen den Antisemitismus oder für eine grüne Klimapolitik haben für Aufregung gesorgt und ihm auch Anfeindungen beschert. Im Konzert bleibt er an diesem Abend ausschließlich auf sein technisch exzellentes und klangstarkes Klavierspiel konzentriert - wenngleich bei diesem Künstler sicher immer der Wunsch nach offener Kommunikation mitschwingt.

Konzentration bis zum Schluss

Am liebsten, so spürt man es den ganzen Abend um sich herum, möchte das Publikum deshalb auch nach jeder Fuge applaudieren. Das wäre allerdings für die Konzentration des Pianisten - und auch sonst - verheerend und unterbleibt deshalb - außer bei Fuge Nr. 15, die so fulminant endet, dass es im Publikum nun kurzzeitig kein Halten mehr gibt. Igor Levit lässt den aufkommenden Beifall kurz stehen, zeigt dabei aber humorvoll auf den Stapel von Noten, der noch vor ihm liegt und den es auch noch zu absolvieren gilt.

Wenn der Abend dann nach drei Stunden mit "Präludium und Fuge Nr. 24" tatsächlich endet, kann im Anschluss dann lange und stehend applaudiert werden. Immerhin hat man hier gerade gemeinsam nicht weniger als das kammermusikalische Konzertereignis des Jahres erlebt.

Sendung: Inforadio, 03.12.2021, 6:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

3 Kommentare

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  1. 3.

    Anscheinend kommt es ohne politischen Statement und Offenbarung nicht mehr aus. Es ist unangenehm, selbst einen neue Einspielung von den 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch bleibt davon nicht frei.
    Jeder will, ja, muss die Moralkeule schwingen.
    Der "Nussknacker" wird aus politischer Korrektheit abgesetzt, Klaviersonaten mit politischen Botschaften versehen.
    So sieht es heute, 2021, in Deutschland aus

  2. 2.

    Die 24 P&F von Schostakowitsch werden für mich für immer mit dem Abend im Jahr 1989 verbunden sein, bei dem nach der bis in die Nacht reichenden Übertragung des Werkes direkt die Nachrichten kamen, mit der Meldung, dass die chinesische Regierung Militär gegen die Demonstranten auf den Tiananmen-Platz einsetzt.

  3. 1.

    Anscheinend wird dieser Typ für seine politische Stellung gefeiert. Ich finde es schockierend, dass er Teil dieser "neuen Normalität" ist und nicht auswendig spielt. Naja, wenn man ständig medial präsent sein muss, dann hat man keine Zeit zum Üben. Oder habe ich da was falsch verstanden?

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