Kinoorgel im Filmmuseum Potsdam - Wie 800 Pfeifen ein Kino-Unwetter aufziehen lassen

Di 28.12.21 | 11:58 Uhr | Von Hans Ackermann
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Kinoorgel (Bild: rbb/ Ackermann)
Audio: Inforadio | 28.12.2021 | Hans Ackermann | Bild: rbb/ Ackermann

Die Orgel kommt überwiegend in Kirchen und Konzerthäusern zum Einsatz. Es gibt sie aber auch speziell für die Begleitung von Stummfilmen. Eine solche historische Kinorgel kann man im Potsdamer Filmmuseum erleben. Von Hans Ackermann

Es regnet und stürmt hinter der Leinwand, wenn die Organistin Susanne Schaak aus rund 30 eingebauten Geräuscheffekten ein kleines Kino-Unwetter zusammenstellt. "Regen", "Sturm" und "Donner" steht auf den Schaltern, die am Spieltisch oberhalb der beiden Manuale angeordnet sind.

Nach dem Gewitter, wenn das Heulen des Windes und der mächtige Donner nachgelassen haben, spielt Schaak eine heitere Orgelmelodie und löst dazu mit der Taste "Vogelgesang" ein fröhliches Zwitschern aus. Mit einem Tusch endet die kurze Vorführung, hierbei lässt die Organistin das Schlagwerk aus "Becken" und "Trommel" rasseln.

"Richtig viel zu tun" habe sie, sagt Susanne Schaak, wenn sie am Spieltisch einen Stummfilm wie Paul Wegeners "Der Golem" mit markanten Geräuschen und dröhnender Orgelmusik live begleitet. "Man muss den Film gut kennen und sich vorher überlegen, was man mit den Geräuschen vorhat", erzählt die Organistin, die seit einigen Jahren Filme im Potsdamer Filmmuseum begleitet.

Blick in die Orgelkammer

Der Spieltisch steht im Zuschauerraum rechts vor der Leinwand. Von hier aus hat Susanne Schaak während der Vorführung "ein Auge auf den Film, das andere auf die Orgel", wie sie sagt. Nach der Vorstellung kann man als besondere Attraktion dann links an der Leinwand vorbei in einen separaten Raum gehen und dort durch ein großes Fenster von der Seite aus in die Orgelkammer hineinschauen.

Hier sieht man nun all die Geräusch-Apparaturen, die gerade noch ferngesteuert vor sich hin gewerkelt haben: die dünne Platte aus Stahlblech, die mechanisch angeregt für den typischen Gewitterdonner sorgt, die Pfeife, die den spitzen Pfiff einer Lokomotive nachahmt, und eine elektrische Türklingel, die Susanne Schaak von ihrem Spieltisch aus mit dem "Telefon"-Schalter bedient.

Zusammen mit mehr als 800 Pfeifen sind die elektro-mechanischen Geräuscherzeuger in der Orgelkammer direkt hinter der Leinwand angeordnet. Über verstellbare Lamellen einer hölzernen Jalousie kann die Organistin die Lautstärke des gesamten Ensembles vom Spieltisch steuern.

Aufwändig restaurierte Kinoorgel

Eingeweiht wurde die Potsdamer Kinoorgel ursprünglich im "Luxor-Palast" in Chemnitz. Mit dem aufkommenden Tonfilm verlor das Instrument dort aber schnell seine Bedeutung, wie Susanne Schaak erzählt. "Die Orgel wurde 1929 gebaut, genau zum Ende der Stummfilmzeit. Aber kaum war die große Orgel da, hat man sie schon nicht mehr gebraucht."

In vielen Städten wurden die Kinoorgeln damals ausgelagert und oftmals einfach verschrottet. Das Chemnitzer Instrument aber hat durch glückliche Umstände überlebt und wurde Anfang der 1990er Jahre im Filmmuseum Potsdam aufwendig restauriert.

Beliebt bei Schulklassen

Seitdem sei die Kinoorgel besonders bei Schulklassen beliebt, erzählt Susanne Schaak. In speziellen Vorstellungen könnten Schülerinnen und Schüler miterleben, wie lebendige Filmmusik live an der Orgel entsteht.

Zum Projekt "Instrument des Jahres" im Orgeljahr 2021 hätte man im Filmmuseum gern viele Schulklassen eingeladen. "Wir hatten Aktionen mit Schülern geplant, wollten Stummfilme zeigen und ins Gespräch über Filmmusik kommen", erzählt die Organistin. Sie hofft nun auf den Mai, wenn im Potsdamer Filmmuseum eine Reihe mit Asta-Nielsen-Filmen geplant ist. Die dänische Diva drehte bis 1927 viele Stummfilmdramen, darunter Klassiker wie "Die freudlose Gasse" von Georg Wilhelm Pabst.

Die originale Orgelpartitur des Komponisten Max Deutsch für diesen Film ging allerdings in den 1930er Jahren verloren. Susanne Schaak wird deshalb wieder mit Tönen und Geräuschen an der Kinoorgel frei improvisieren.

Sendung: Inforadio, 28.12.2021, 08:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Toll, vielen Dank für den schönen Beitrag und das virtuose Orgelspiel!

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