Rückblick und Ausblick - Wie sehr gewöhnen wir uns an gestreamte Kultur?

Fr 31.12.21 | 09:10 Uhr | Von Maria Ossowski
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Besucher sitzen im Kino International. In Berlin haben ab Montag (15.11.2021) aufgrund steigender Corona-Infektionszahlen an vielen Stellen nur noch Geimpfte und Genesene Zutritt. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
Audio: Kulturradio | 28.12.2021 | Maria Ossowski | Bild: dpa/Fabian Sommer

Die Pandemie bestimmte auch 2021 die Kulturbranche ganz erheblich: Die Ticketkäufe für Live-Events brachen ein, stattdessen ging der Boom der Streaming-Dienste weiter. Maria Ossowski macht sich Gedanken darüber, was das für die Zukunft bedeutet.

Das hat es in der Geschichte der Berliner Philharmoniker noch nie gegeben. Seit Jahrzehnten war das Silvesterkonzert, Treffpunkt der feierlaunigen Klassikfans und der Prominenz, schon Monate vorher ausverkauft. Und heute? Erscheint täglich auf Facebook die Werbung: Es gibt noch Karten - für ein wie gewohnt populäres, heiteres Programm, in diesem Jahr mit Wiener Tanzmusik und Max Bruchs berühmtem Violinkonzert.

Zu viele übrig gebliebene Karten

Auch beim traditionsreichen Silvesterkonzert zeigt sich jenes Phänomen, das alle Theatermacher, alle Konzertveranstalter und Opernintendanten oder die Kinobetreiber kennen, sogar die meisten Museumsdirektoren: Selbst mit bestem Hygienekonzept und perfekter Lüftung gibt es für fast alle Veranstaltungen zu viele übrig gebliebenen Karten. Egal, ob nur 25 Prozent der Plätze besetzt werden dürfen wie in Bayern oder, wie in der Berliner Philharmonie, fast alle.

Die Umsatzeinbußen in der Kultur- und Kreativwirtschaft sind wahrscheinlich auch in diesem Jahr so wie im vergangenen höher als im Tourismus gewesen. Warum? Stören die Masken so sehr, dass wir lieber zu Hause bleiben? Ist es die Angst vor der Ansteckung? Das fehlende Sehen und Gesehenwerden? Das Tabu, in den Pausen, den Sekt in der einen Hand mit der anderen die eines Freundes zu schütteln? Die Sehnsucht nach der früheren Unbeschwertheit, die es so nicht mehr gibt und die wir in absehbarer Zeit auch nicht werden genießen können?

Es ist eine Melange aus all diesen Gründen, weshalb auch das dritte Jahr der Pandemie trotz der Impfungen und ihrer Auffrischungen für die Kultur ein bitteres werden wird, für die 260.000 Unternehmen und die mehr als 1,8 Millionen Erwerbstätigen, die im Kultur- und Kreativsektor arbeiten.

Kunstmarkt und Streaming-Dienste boomen

Jene Kulturbranchen, in denen menschliche Nähe keine entscheidende Rolle spielt, hingegen boomen. Der Kunstmarkt und, besonders stark, die Streaming-Dienste. Nie könne das Netz ein Konzert vor Ort ersetzen, eine Theaterpremiere, ein Tanz-Event, heißt es dann in Sonntagsreden und unter Bildungsbürgern. Das Problem: Es geschieht. Und es wird weiter geschehen, solange uns die Pandemie fest im Griff hält.

Wie sehr gewöhnen wir uns daran?

Die Frage, die alle Kulturschaffenden umtreibt: Wie sehr gewöhnen wir uns daran? Wie sehr korrumpiert uns die Bequemlichkeit, zu Hause bedient zu werden, in immer besserer Qualität? Klar, der Austausch zwischen Künstlern und Publikum fehlt, aber wie lange werden wir ihn noch vermissen, wenn die Rückkehr in die Normalität in immer weitere Fernen rückt? Bleibt uns später dann die Geduld, sich wieder um Karten zu kümmern, anzureisen, anzustehen, zurückzufahren?

Und aus der Perspektive der Schauspielerinnen und Tänzer, der Sängerinnen und Instrumentalisten: Lohnt es sich dann überhaupt noch, täglich zu üben, permanent Absagen zu kassieren und trotzdem durchzuhalten? Wir alle wünschen es uns.

Die finanziellen Unterstützungen in Deutschland sind mit den mehr als zwei Milliarden für den Neustart Kultur und dem Sonderfonds, 2,5 Milliarden für Kulturveranstaltungen, höher als in allen anderen Ländern. Dennoch wird die Krise die Kulturbranche länger als alle anderen Bereiche treffen.

Hinzu kommen leere Kassen der Kommunen, der Rotstift wird oft zuerst bei der Kultur angesetzt. Kultur soll laut Koalitionsvertrag als Staatsziel im Grundgesetz verankert werden. Das ist eine schöne Initiative. Wir können nur im Interesse aller, die Kultur lieben, hoffen, dass sie nicht zu spät kommt.

Sendung: Kulturradio, 28.12.2021, 15:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

9 Kommentare

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  1. 9.

    Sie irren sich, was die CO2-Produktion beim Streamen angeht. Die ist nämlich gewaltig. Lesen Sie mal diesen Artikel hier "Streaming-Dienste und CO2: So klimaschädlich sind Netflix, Spotify & Co." https://utopia.de/ratgeber/streaming-dienste-klima-netflix-co2/?amp=1

    Abgesehen davon können digitale Kopien das Original nicht ersetzen. Es ist schon ein großer Unterschied, ob man vor einer Bühne mit anderen Menschen steht oder ganz allein zu Hause vor dem Bildschirm sitzt. Die Struktur von Gemälden lässt sich digital auch weniger erfassen und Theaterstücke im TV machen auch nicht wirklich Spaß. Trotzdem eröffnen sich Möglichkeiten an kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen, zum Beispiel für Menschen, die wenig mobil sind oder weit weg wohnen.

  2. 8.

    Hat schon mal jemand daran gedacht, wie viel CO² man durch "gestreamte" Kultur einsparen kann?
    Der Transport von Daten ist in dieser Hinsicht sparsamer als der von Personen!

    Keine energiefressenden Fahrten zu Theatern, Museen, Konzerten und Galerien...
    Alles, an dem man selbst nur passiv, als Zuschauer oder Betrachter teilnimmt, kann doch auch online geschehen.

    Kunstwerke könnten einmalig digitalisiert werden und dann in höchster Auflösung zuhause so lange betrachtet werden, wie man mag.
    Kein Gedränge mehr vor der "Mona Lisa", kein Zeitdruck beim Betrachten des van Gogh!

    Konzerte in exorbitanter Tonqualität wie "in der ersten Reihe"!

    Und das für jedermann bezahlbar! Neben der umwelt- kommt hier auch die sozialpolitische Komponente zum Tragen!

  3. 7.

    Wir reden aneinander vorbei. Sie reden von Kultur in Zeiten der Pandemie und ich rede davon, dass generell das Streamen die direkten Veranstaltungen nicht ersetzen werden. Ich beziehe mich auf den Satz der Autorin: "Bleibt uns später dann die Geduld, sich wieder um Karten zu kümmern, anzureisen, anzustehen, zurückzufahren?" Und da bin ich sehr sicher, dass uns diese Geduld bleibt, denn es geht ja nicht nur darum Kunst zu konsumieren, sondern gemeinsame Erlebnisse mit anderen Menschen zu haben. Es tut mir sehr leid, dass Sie und andere Veranstalter derzeit diese massiven Probleme haben, aber ich bin zuversichtlich, dass es irgendwann wieder aufwärts geht.

  4. 6.

    Immer nur im Wohnzimmer vorm Monitor sitzen,nicht ins Museum oder ins Theater gehen,finde ich einfach armselig.Keinen Kontakt mit echten Menschen, für mich nicht nachvollziehbar.Trotzdem,ein gesundes Neues Jahr!

  5. 5.

    Für mich ist gestreamte Kultur keine Kultur, sondern bestenfalls Klotze gucken.

  6. 4.

    Das Internet ist voller Kultur für 120 Leben.

  7. 3.

    Von wegen "Keine Sorge" Boomer
    Wir betreiben seit 20 Jahren einen "Culturladen" in der tiefsten Provinz, alles auf Spendenbasis und ehrenamtlich. Bei uns gibt es Konzerte, Kabarett, Theater, Kino und Lesungen. Wir haben eine gute Belüftung installiert (die uns währen der Lockdowns nichts genützt hat) und im Sommer alles in den großen Garten verlegt. Alle Hygieneregeln wurden eingehalten, trotztdem kamen auch open air, deutlich weniger Besucher und damit deutlich weniger Spenden. Das hat uns beinahe ruiniert, allerdings haben wir per crowdfunding inzwischen genug gesammelt, um die nächste Saison zu überstehen. Doch wird das, wenn die Besucherzahlen so mager bleiben, wohl die letzte Saison sein.

  8. 2.

    Keine Sorge. "Video kills the Radio Star" ist auch nicht eingetroffen. Gemälde und Zeichnungen wurden nicht von der Fotografie verdrängt, der Film ersetzt nicht Bücher und Theaterbesuche. Musik aus der Konserve hat auch bisher nicht dazu geführt, das keine Menschen mehr auf Konzerte gehen. Jedes Mal, wenn es ein neues Medium gab, wurden Unkenrufe laut, die das Sterben der anderen propagierten. Letztendlich existieren sie heute alle nebeneinander und bereichern jeden, der sie nutzt. Das Streamen von Musik und Film ist so neu ja nicht mehr und wer bisher zu Konzerten, ins Theater oder in Ausstellungen gegangen ist, wird es auch weiter tun, sofern es die Bedingungen wieder zulassen.

  9. 1.

    Was am meisten unter der Pandemie leidet, ist doch alles, wo man mitmacht.
    Ein Club, wo man tanzt und flirtet oder der Berlin Marathon, wo man selbst am Start steht, können nicht durch den Bildschirm ersetzt werden.
    Ich glaube, Kreative in Kunst, Musik und Schauspuel werden Formate finden, die den Gast nicht mehr als passiven Zuschauer auf dem Sitz betrachten, sondern mehr in den Mittelpunkt rücken und ein Erlebnis bieten, das über das hinausgeht, was im Wohnzimmer möglich ist.

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