Iran-Ausstellung in der James-Simon-Galerie - Migration als Mutter kultureller Errungenschaften

Sa 04.12.21 | 11:18 Uhr
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Verschiedene Objekte sind beim Presserundgang zu der Sonderausstellung "Iran. Kunst und Kultur aus fünf Jahrtausenden" in der James-Simon-Galerie zu sehen. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Bild: dpa/Paul Zinken

Große Stadtkulturen, fruchtbare Hochebenen, komplexe Wassersysteme - 5.000 Jahre lang haben Hochkulturen das Gebiet des Iran geprägt. Eine Berliner Ausstellung erzählt von dieser Zeit, die auch das heutige Europa beeinflusst. Von Maria Ossowski

Verschiedenen Sprachen, Schriften, Epen, Religionen, Künste, Handwerksarten - und viele verschiedene Völker. All das ist Iran - eine jahrhundertlange Hochkultur, die ab Samstag in der James-Simon-Galerie anhand von 360 Ausstellungsstücken erzählt wird.

Eine überschattete Hochkultur

Das Erstaunliche und Erschütternde: Die Tagespolitik überlagert die historische Erinnerung. Das Mullah-Regime, die Menschenrechtsverletzungen, die Boykotte stehen im Zentrum unseres heutigen Iranbildes. Auch deshalb erzählt die Ausstellung die Geschichten von 5.000 Jahren Kunst und Kultur im Iran.

Sie erzählt von den Persern als Krieger und Jäger, von den Parthern und Sasaniden und ihren neuen Techniken der Glasherstellung, von der arabischen Eroberung, der iranischen Renaissance, dem Aufbruch der Mongolen, von klassischer persischer Literatur, all dies bis hinein ins 18. Jahrhundert.

Verschiedene Objekte sind beim Presserundgang zu der Sonderausstellung "Iran. Kunst und Kultur aus fünf Jahrtausenden" in der James-Simon-Galerie zu sehen. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Rhyton mit Pferdeprotome, Silber, vergoldet, 5./ 4. Jh. v. Chr., © The Sarikhani Collection / J. Bodkin | Bild: dpa/Paul Zinken

Es sind Zeiten, von denen wir in Europa zu wenig wissen, was an der aktuellen politischen Problematik läge. "Wir wollten die Tagespolitik ein bisschen fernhalten", sagt Stefan Weber, Direktor des Museums für islamische Kunst. Sie sei zwar sehr wichtig, man wolle aber in das Bild heute eine neue Dimension hineinbringen, die das kulturelle Erbe wieder zurückbringe. Im Moment sei das nämlich zu stark vergessen - "als hätte man kurz mal den Barock in Italien vergessen".

Zeitreise durch das kulturelle Erbe des Landes

360 wirklich atemberaubende Objekte führen uns in einer Zeitreise durch das Gebiet zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf. Eine Fläche, die größer ist als Spanien, Frankreich und Deutschland zusammen, ein Knotenpunkt zwischen Ost und West, zwischen China, Indien und Europa.

Bronzebüsten von sasanidischen Königen, eine Goldnadel mit Skorpionen und Schlangen aus dem 3. Jahrtausend vor Christus, eine Kupferschale für Wein, die schöne Damen auf drei Fingern bei Gelagen servierten, ein lebensgroßer Stuckpferdekopf, farbig verzierte Bücher, Schrifttafeln, Goldschmuck oder Textilfragmente aus Seide mit Flügelpferden - ein phänomenaler kultureller Reichtum präsentiert sich in den unteren Ausstellungssälen der James-Simon-Galerie.

Die Sammlung einer Familie

Einige Stücke stammen aus dem Berliner Museum für islamische Kunst, den Hauptteil allerdings steuerte die Sarikhani-Sammlung bei: Sarikhani ist eine ursprünglich iranische Familie, die heute in London lebt. "1979 sind sie mit zwei Koffern aus dem Iran geflohen", erzählt Stefan Weber. "In London angekommen, haben sie ein Business aufgemacht und sind damit reich geworden." Die Kunstobjekte der Sammlung hätten sie von anderen iranischen Familien, die ebenfalls nach Europa oder in die USA gegangen sind, später aufgekauft.

Verschiedene Objekte sind beim Presserundgang zu der Sonderausstellung "Iran. Kunst und Kultur aus fünf Jahrtausenden" in der James-Simon-Galerie zu sehen. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Goldgefäß mit „Herrn der Tiere“-Motiv, Nordwestiran, 12. – 11. Jh. v. Chr., © The Sarikhani Collection | Bild: dpa/Paul Zinken

Kunst und Wissenschaft verschwimmen

Diese Objekte zieren nicht nur das Privatmuseum der Sarikhanis in London, sie bereichern auch die Forschung weltweit. Eine einzige Bronzeschale mit verschiedenen Himmels- und Tiermotiven erzählt von persischen Reichen vor unserer Zeitrechnung.

"Sie gibt Einblicke in das astrologische System", sagt Ute Franke, die die Ausstellung kuratiert hat. Das Verständnis der Himmelswelten und der Wissenschaft sei durch Überlieferung der sasanidischen und der indischen Tradition in den Westen gegangen. "Dort wurde sie erhalten und ist dann später wieder in die islamische Welt zurück gewandert."

"Kulturautobahnen“

Impulsgeber, Schmelztiegel, kultureller Motor, so lauten die Schlagworte aus der Pressemitteilung zu dieser Ausstellung. Eines passt besonders auf die transregionalen Verbindungen quer durch die Länder und Hochebenen: "Kultur-Autobahnen" durchzogen die Reiche, die zum historischen Raum des Iran gehörten.

Autobahnen sind hier Metaphern für die Mobilität in den 5.000 Jahren. Vor allem aber stehen sie für die Migration, die laut Stefan Weber erst diese Hochkulturen entstehen lassen konnte: "Wenn wir uns anschauen, was mir mitbekommen haben aus dem Iran - nämlich Musik, Städtebau, Keramik - dann weiß man, dass Migration nicht die Mutter aller Probleme ist, sondern eigentlich die Mutter aller unserer kulturellen Errungenschaften."

Sendung: Abendschau, 03.12.2021, 19:52 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Weshalb heutzutage alles in eine Autobahn-Metapher gepackt werden muss, erschließt sich mir offengestanden nicht so ganz. Ansonsten stimmt es und das voll und ganz: Wer wirklich Aufschluss und somit Weiterführendes erhalten will, der ist gut beraten, nicht nur die Tagesaktualität "auf dem Schirm" zu bekommen, sondern Kreisläufe, die Jahrtausende überdauern. Das Zweistromland war ebenso Ursprung heute bestehender Kulturen wie Persien, also das Staatswesen mit dem späteren und heutigen Namen Iran. Allein schon die präziseren Weltkarten der zur See Fahrenden seinerzeit belegen das, im Vergleich zu den seinerzeitigen Europäern, für die Jerusalem Mittelpunkt der bekannten Welt war und die das geografisch - irreal - auch so abbildeten.

    Austausch war immer - jedenfalls für Menschen, die nicht festklebten an demjenigen, was sie kannten und was für alle Zeit gefälligst so zu bleiben hätte.

  2. 3.

    Furchtbarer Artikel.

  3. 2.

    Wie man eine unbestritten informative und künstlerisch spektakuläre Ausstellung politisch derart vordergründig missbrauchen kann,um sich die illegale Immigration schön zu reden,sieht man hier.Und gerade jetzt,wo sich der Iran mit allen Tricks gegen die Kontrolle seines den Frieden in der Region gefährdenden Atomprogrammes wehrt,sollte man mit solchen kulturellen Aktionen doch etwas sparsamer umgehen.Wahrscheinlich verbucht dieser Folterstaat das schon als enormen Propagandasieg,unbeteiligt.

  4. 1.

    "Migration als Mutter kultureller Errungenschaften"

    Meine Güte, geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

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