Kritik | Kabarettistischer Jahresrückblick im Mehringhoftheater - Ach, wie harmlos

Mi 15.12.21 | 09:59 Uhr
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Schriftzug und Maske am Mehringhof-Theater in Berlin (Quelle: imago images/Gerhard Leber)
Audio: Inaforadio | 15.12.2021 | Hendrik Schröder | Bild: imago images/Gerhard Leber

Seit fast 25 Jahren ist der Kabarettistische Jahresrückblick ein fester Termin im Berliner Kulturkalender. In diesem Jahr konnte im Mehringhoftheater auch wieder vor Publikum gespielt werden. Hendrik Schröder war von der Premiere allerdings verärgert.

Das Setting geht so: Horst Evers, Manfred Maurenbrecher Bov Bjerg, Christoph Jungmann und Hannes Heesch schlüpfen in die verschiedensten Rollen, lesen Texte, singen Lieder und lassen so das Jahr auf der Bühne humoristisch Revue passieren. Seit den Anfängen wird der Abend moderiert von "Angela Merkel", gespielt von Christoph Jungmann.

Und so kommt also Jungmann alias Merkel zu Beginn im obligaten Hosenanzug mit den anderen Künstlern, diese in sackgrauen Anzügen auf die Bühne und singt auf einen Peter Fox Song was vom Leben, das einen ausgeben will. 16 Jahre keine Pause gehabt und so. Ich sitze in der zweiten Reihe, also fast auf der Bühne und die Künstler nehmen ja richtig Blickkontakt mit einem auf, das ist unangenehm und ich bemühe mich, irgendwo an irgendeiner Stelle zu lachen, aber ich finde keine.

Gibt es irgendeinen Corona Gag den man noch nicht gehört hat?

Merkel groovt auf einen Peter Fox Song. Wow. Ähnlich vorhersehbar und holzschnittartig geht es weiter. Bov Bjerg liest vom Blatt eine Geschichte von einem Besuch bei seiner Zahnärztin und dass er die Maske dabei nicht abnehmen will. Dann könne er aber nicht behandelt werden, sagt die Zahnärztin. Als er schließlich doch die Maske abnimmt, erinnert sein Gebiss an Stonehenge und die Zahnärztin erinnert sich mich leuchtenden Augen an ihren England-Urlaub. Hmm.

Es gibt wahnsinnig viel Corona in diesem Jahresrückblick, klar, was ist schon auch groß anderes passiert. Aber gibt es irgendeinen Corona Gag den man noch nicht gehört hat? Dann kommt Hannes Heesch als Christian Lindner auf die Bühne. Im engen Anzug und mit dicker Uhr am Handgelenk. Er bewirbt sich um die Nachfolge als Moderator des Abends, schließlich geht Merkel ja jetzt in Rente.

Selbstzufrieden und biosatt

Mit seinem alten Kaufmannsladen, den er in rasanter Fahrt mit seinem Porsche bei seiner Mutter abgeholt hat, erklärt Lindner dann dem Grünen Habeck die Gesetze der Mikroökonomie. Habeck stellt sich dabei recht trottelig an und Lindner muss auch schnell wieder los. Termine, Termine. Puhh.

Das alles ist so harmlos, so altbacken, so berechenbar. Natürlich verstehen die Künstler ihr Handwerk, haben ein super Timing, machen das schon ewig. Horst Evers zum Beispiel mit seiner Story über den Spiegel mit Gesichtserkennung und der Waage mit Gewichtserkennung. Oder mit der Geschichte darüber, dass Verschwörungstheorien früher was Spannendes waren und heute von den falschen Leuten missbraucht würden. Da sitzt alles, aber mehr auch nicht. Das lotet keine Grenzen aus, schlägt nicht mal verbal über Strenge. Das ist so selbstzufrieden und bioladensatt.

Mehr wollt ihr nicht?

Später kommt Heesch nochmal als Christian Drosten wieder. Im weißen Kittel will er Merkel erst mal eine Grippe-Impfung verpassen. Echt jetzt. So sieht Kabarett immer noch aus? Ich hab mich nach zehn Minuten gefühlt wie 1985 und mein Vater guckt Scheibenwischer mit Dieter Hildebrand im Wohnzimmer. Seitdem hat sich offenbar nichts mehr getan.

Natürlich ist diese Bewertung jetzt fürchterlich gemein. Die Künstler haben viel Arbeit und Herzblut in die Produktion gesteckt, das Mehringhoftheater ist gemütlich wie immer und die Veranstalter haben sich alle Mühe gegeben, auch unter Pandemiebedingungen das Maximum möglich zu machen. Im Publikum sind viele Stammgäste, die seit Jahren kommen und im Gegensatz zu mir immer genau verstehen, wann was witzig ist und dann auch beneidenswert befreit lachen.

Aber trotzdem: Fragt euch mal, ob ihr wirklich nicht mehr wollt von politischem Kabarett als ein bisschen bestätigt zu werden in dem was ihr eh schon denkt? Ich bin in der Pause gegangen. Es tut mir leid.

Den Kabarettistischen Jahresrückblick gibt es noch bis Ende des Jahres im Mehringhoftheater und Anfang Januar in der Komödie im Schillertheater zu sehen.

Sendung: Inforadio, 15.12.2021, 6:55 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Mit dieser Vermutung sind Sie sicher nicht alleine. Zur Verteidigung der Kabarettisten muss man allerdings sagen, dass ein kleiner aber sehr lauter Teil unserer Gesellschaft in ideologischen Blasen lebt, die es ihnen unmöglich machen, Spaß und Ironie überhaupt zu verstehen und die deshalb mit Shitstorm und Drohungen reagieren. Dieser Zustand demotiviert natürlich auf die Dauer.

  2. 3.

    Vielleicht sind so viele aktuelle Kabarettprogramme deshalb so unlustig, weil die Akteure immerfort besorgt sind, dass sie nicht "woke" genug sein könnten?
    Nur so eine Vermutung..

  3. 2.

    Lieber Herr Schröder! Schade, dass Sie zur Pause gegangen sind. Vielleicht sollte man nur eine Kritik schreiben/ einsprechen, wenn man das Programm in Gänze gesehen hat? Fände ich fairer.

  4. 1.

    "...bestätigt zu werden, was man eh schon denkt."
    Das ist doch mittlerweile in vielen Bereichen der Alltag. Auch in anderen Kabarettveranstaltungen. Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Man selbstbestätigt sich zu Tode...

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