Opernkritik | "Orpheus in der Unterwelt" - Der Funke zündet nicht immer

Mi 08.12.21 | 15:20 Uhr
Orpheus in der Unterwelt (Quelle: Monika Rittershaus)
Audio: Inforadio | 08.12.2021 | Harald Asel | Bild: Monika Rittershaus

Viel Bekanntes ist zu sehen in der neuen Produktion von "Orpheus in der Unterwelt" an der Komischen Oper. Max Hopp brilliert als Sprechstimme aller Rollen. Anderes überzeugt weniger. Harald Asel kam dennoch nicht unvergnügt aus der Premiere.

Wir hören am Ende des Abends im Ensemble buchstäblich die Steine von heftig schlagenden Herzen purzeln. Nach zwischenzeitlich eher indifferenten Zuschauerreaktionen brandet frenetischer Beifall auf. Selbstverständlich war das nicht. Die Produktion von "Orpheus in der Unterwelt" an der Komischen Oper Berlin ist alles andere als unterkomplex in der Ausführung und muss ablaufen wie ein Uhrwerk.

Zudem kommt ein inhaltliches Problem: Antikenparodien und Kritik am zweiten französischen Kaiserreich des 19. Jahrhunderts gehören nicht mehr zum Kernbedürfnis des Berliner Publikums von 2021.

Eigensinnig-satirische Interpretation

Jacques Offenbach verwandelt sich den Mythos von Orpheus und Eurydike auf eigensinnig-satirische Weise an: Das Ehepaar hat genug voneinander, mit dem Schlangenbiss wird Eurydike Geliebte des Unterweltgottes Pluto. Später wirft auch Göttervater Jupiter ein Auge auf die Frau. Aber eine strenge Gouvernante, genannt "die öffentliche Meinung" verlangt, dass Orpheus, Geigenlehrer am Konservatorium, durch Himmel und Hölle geht, um seine Frau wiederzubekommen.

Im Sommer 2019 kam die Inszenierung bei den Salzburger Festspielen heraus. An der Komischen Oper, mit eigenem Ensemble schon im Frühjahr geprobt, wegen Corona verschoben, konnte nun am Dienstagabend endlich vor vollbesetztem Haus gespielt werden. Wer schon einige Male an der Komischen Oper eine Operette in der Inszenierung von Hausherr Barrie Kosky gesehen hat, entdeckt viel Vertrautes. Das gilt auch für die abgezirkelte, Erotik eher behauptende als versprühenden Choreographien von Otto Pichler.

Max Hopp brilliert in verschiedenen Rollen

Zwei große Vorzüge hat der Abend. Da ist zum einen das Orchester, das Adrien Perruchon souverän durch die zum Teil vertrackten Passagen der Partitur führt. Die Stilwechsel auf kurzer Strecke werden virtuos umgesetzt. Das fällt besonders im zweiten Akt auf, der in der Unterwelt spielt. Da werden wir von einem Couplet über ein geziertes Menuett und einer Grand Opera Parodie zum Cancan gejagt. Es ist wie im Flugzeug, wenn Luftlöcher im Anmarsch sind. Diese Leichtigkeit, der Biss und die Boshaftigkeit fehlten dem durchaus souverän singenden Ensemble gestern – aber das mag auch an den Steinen auf den Herzen, wie erinnerlich, liegen.

Der zweite Vorzug ist Max Hopp. Und das ist zugleich das Problem dieser Produktion. Zunächst das Gute: Hopp spielt John Styx, den Diener des Unterweltgottes Pluto. Das ist eigentlich eine marginale Rolle für einen singenden Schauspieler. Aber Hopp hat diesmal die Zusatzaufgabe, für alle Figuren deren Sprechtext zu übernehmen. Und wie im alten Schlager "Mein Bruder macht beim Tonfilm die Geräusche" kommt auch das Türenknarren und Schrittetrippeln aus seinem Mund. Ein grandioser Gedanke und ein Plus der Textverständlichkeit. Dabei steht Hopp in der Gegend, als wäre er gerne unsichtbar. Das kann keiner so wie er.

Bis Ende des Jahres gespielt, schon fast ausverkauft

Aber dieser Grundeinfall nutzt sich im Laufe des Abends ab. Und führt zu Längen. Eingesperrt in die groteske Überzeichnung aller Figuren bleibt ein wahrhaftiger Blick in ihr Inneres verwehrt. Und auch das Entgrenzungsversprechen der Operette, auf der Strecke, ihr Befreiungspotential, wenn alle losgelöst ohne Sinn sich durch den Raum drehen.

Dennoch gibt es genug Anregendes zu sehen und zu hören bei "Orpheus in der Unterwelt". Nur: Karten gibt es kaum noch bei dieser bis einschließlich Silvester gespielten Produktion.

Sendung: Inforadio, 08.12.2021, 11:55 Uhr

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