Theaterkritik | Reden über Sex in der Schaubühne - An den Schamhaaren herbeigezogen

Mi 08.12.21 | 11:37 Uhr
  1
Genija Rykova, Konrad Singer, Jenny König, Robert Beyer (Quelle: Gianmarco Bresadola)
Audio: Inforadio | 08.12.2021 | Ute Büsing | Bild: Gianmarco Bresadola

Sinnliche Erweckungsmomente, zarte Bekenntnisse und erschütternde Beichten verspricht das neue Theaterstück der Dramaturgin der Berliner Schaubühne, Maja Zade. Die Uraufführung von "Reden über Sex" hat Marius von Meyenburg in Szene gesetzt. Von Ute Büsing

Sechs Allerweltsmenschen reden über Sex. Sie tauschen Allerweltsweisheiten aus vom schmerzhaften ersten Mal über Onanie und Pornogucken, blindes Vertrauen in Paarbeziehungen, lesbischen und schwulen bis hin zum Alterssex. Die ganze Bandbreite eben. Nichts ist anders, neu oder gar überraschend an Maja Zades harmlosen Text. Der soll wohl als Komödie gelesen werden und so inszeniert ihn Marius von Meyenburg auch, fast als Comedy. Stete Lacher sind bei der Uraufführung auf ihrer Seite.

Carolin Haupt, Robert Beyer, Lukas Turtur, Jenny König, Genija Rykova, Konrad Singer (Quelle: Gianmarco Bresadola)
| Bild: Gianmarco Bresadola

Unendliche Geschichten schamhafter Momente

Als Setting für die Umsetzung ist die Zusammenkunft einer Selbsthilfe- oder Wellnessgruppe in einer Art Turnhalle gewählt (Bühne: Jan Pappelbaum). Die Teilnehmer, 40somethings aus dem bürgerlichen Mittelstand, breiten sich auf Yogamatten aus. Über Gong und Om erzählen sie sich schier unendliche Geschichten schamhafter Momente vom Belauschen elterlichen Geschlechtsverkehrs als Heranwachsende, vom Versprechen auf Sex erst nach der Eheschließung wie von einem katholischen Schwulenpaar praktiziert, vom "Erweckungsmoment" durch den Lehrer, der seinen Schlüsselbund in den Oberschenkel drückte.

Manches in diesem Sammelsurium an Sex-Geschichten klingt und wirkt wie an den Schamhaaren herbeigezogen. Etwa die Geschichte vom Geliebten, der sich rote Punkte im Kalender markiert, wenn die Gespielin menstruiert, denn er hat große Lust auf Blut im Liebesspiel. Ganz und gar aus dem Ruder läuft die Saga von "Oma und Opa aus Essen", die sich im Zweiten Weltkrieg lieben lernten. Jetzt werden sie im Bombenhagel zwischen Toten inszeniert zur Melodie aus "Vom Winde verweht". Ihre lebenslange sexuelle Treue wird durch Dildos aus aller Welt aufgefrischt, die später von der Enkelin entsorgt werden.

Genija Rykova, Carolin Haupt, Lukas Turtur, Robert Beyer (Quelle: Gianmarco Bresadola)
| Bild: Gianmarco Bresadola

Skurriles Sammelsurium an Sex-Geschichten

Es wird viel gesungen, damit die Spiellänge von zwei Stunden erreicht werden kann. Bezügliche Songs von den Nine Inch Nails, von Santana und Frankie goes to Hollywood. Das Ensemble bemüht sich nach Kräften aus diesem letztlich belanglosen episodenaften "Reden über Sex" ohne dramatischen Höhepunkt Funken zu schlagen. Etwa wenn der Vibrator mit Batterien aus der Weihnachtslichterkette auf Touren gebracht wird. Jenny König performt auch als nölende betrogene Ehefrau ansehnlich.

Den einzigen ernsten Part hat Robert Beyer als pflegender Sohn einer totkranken Mutter, die ihn aufzehrt. Aber dass die dann als Running Gag während der Gruppensitzung ständig am Handy stört, zerstört den zart humanen Ansatz schon wieder. Letztlich läuft das Gelaber auf sattsam bekannte große und kleine Penisse, kleine und große Vaginas hinaus. Die existenzielle Einsamkeit, die unter all den beim Seelenstriptease verhandelten Sex-Spielen lauert, wird zu selten sichtbar. Sicher soll uns und unseren Gepflogenheiten ein Spiegel vorgehalten werden. Aber wenn "Reden über Sex" ein zeitgenössisches Zeugnis ablegen will – warum werden dann sexuelle Übergriffe, die Me too-Bewegung und ihr Echo in der Gesellschaft so gar nicht thematisiert? Darüber wird nämlich gerade geredet.

Sendung: Inforadio, 08.12.2021, 6:55 Uhr

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    "Aber wenn "Reden über Sex" ein zeitgenössisches Zeugnis ablegen will – warum werden dann sexuelle Übergriffe, die Me too-Bewegung und ihr Echo in der Gesellschaft so gar nicht thematisiert? Darüber wird nämlich gerade geredet."
    Die Wahrnehmung, über was im privatem Bereich gerade geredet wird, ist nicht dasselbe, über was Journalisten meinen, über was gerade geredet wird... Ist wie beim gendern - solche Dinge machen nämlich sehr einsam...warum wohl nur?

Nächster Artikel