Kritik | Kammerstück im Chamäleon - Was gewesen sein wird

Mi 01.12.21 | 10:30 Uhr | Von Frauke Thiele
Circa, Humans 2.0 (Quelle: Pedro Greig)
Audio: Inforadio | 01.12.2021 | Frauke Thiele | Bild: Pedro Greig

Die australische Kompanie Circa ist international eine Größe im zeitgenössischen Zirkus. Am Dienstag hatte ihr artistisches Kammerstück "What will have been" Premiere. Ein Meisterwerk der Akrobatik, findet Frauke Thiele.

Es sind so viele Bilder, so viele Emotionen, die entstehen. So viel Kraft und so viel Leichtigkeit, die eine Artistin und zwei Artisten auf der Bühne erzeugen. Zusammen mit einer Geigerin, die immer wieder live auf der Bühne spielt. Ein starkes Stück ist "What will have been", mit so vielen akrobatisch ausgeklügelten Szenen, so vielen sinnlichen Eindrücken, dass die Gefühle lange nachwirken, der Kopf sich erst allmählich sortieren kann.

Ganz minimalistisch und trotzdem maximal beweglich

Die Akrobatin trägt ein schwarzes Oberteil mit weißer Hose. Die beiden Männer sind in weiten schwarzen Hosen und weißen Hemden gekleidet. Ganz minimalistisch und trotzdem maximal beweglich und ästhetisch. Sie sind einzeln, in wechselnden Duos und auch immer wieder zu dritt auf der Bühne: Zusammen und doch wieder nicht, wollen sich halten und doch wieder nicht. Sie haben Freude an der Bewegung, ihren Körpern und doch wieder nicht. Das alles wechselt permanent in musikalisch abgetrennten Szenen, aber auch innerhalb der Sequenzen. Und es ist vollkommen überraschend, irre schnell und plötzlich wieder absolut verlangsamt.

Tanz in den Lüften

Ganz am Anfang tanzt die Artistin Kimberley O’Brian an den Strapaten, zwei Handschlaufen, die von der Decke hängen. Und die Geigerin spielt dazu Bach. Es ist ein ernsthafter Tanz, manchmal auch verzweifelt und immer ist die Artistin im Blickkontakt mit der Musikerin, im Dialog mit der Musik. So an Händen oder Füßen hängend, sich in den Seilen streckend, hinunterfallend – hoch oben in der Luft - ist der Tanz so dreidimensional kraftvoll, wie er am Boden nie sein könnte.

Circa Humans 2.0 2021 (Quelle: Pedro Greig)

Handstandartistik voller Zärtlichkeit

Ein zweiter Moment: Handstandartistik von Daniel O’Brian als zärtlicher Tanz auf den Stützen. Die erstaunlichen Figuren sind fast Nebensache, der zerbrechliche Ausdruck ist es nicht. Am Ende sind die drei Artist:innen gemeinsam auf den beiden Stützen. Der Kräftigste des Trios, Hamish McCourty, hält die beiden Zarteren. Schließlich bleiben nur noch er und sie, der Starke und Fragile. Gemeinsam wackeln und straucheln sie, halten sich wechselseitig auf dem Arm. Ein ungeheurer Kraftakt, voller Zärtlichkeit und Innigkeit. Es gäbe noch viele solcher Momente zu erwähnen.

Ausdrucksstarke Körperbilder mit der Musik verwoben

Und dann ist da die vielfältige Musik natürlich! Sie trägt die Akrobatik, hebt sie in höhere Sphären, verwebt sie zu ausdrucksstarken Körperbildern, die man deuten kann, aber nicht deuten muss. Gedanken, die während des Stückes aufkommen: Es ist nicht so einfach allein zu sein, auch nicht zu zweit, auch nicht als Gruppe. Mal können wir zueinander finden, mal nicht. Das Zusammenspiel funktioniert manchmal harmonisch, dann wieder gar nicht. Aber es ist gut, wenn wir uns daran erinnern, was gewesen sein wird, wenn wir darauf zurückschauen.

Ein Meisterwerk der Akrobatik in melancholisch aufgeladenen Zeiten

"What will have been" ist eine bis ins letzte Detail ausgefeilte Choreografie von Yaron Lifschitz, dem Direktor der Kompanie Circa. Ein kleines Meisterwerk der Akrobatik in diesen melancholisch angehauchten Zeiten. Was wird gewesen sein - das sollten wir uns gerade jetzt immer mal wieder vorstellen.

Sendung: Inforadio, 01.12.2021, 6:55 Uhr

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