Kritik | "L'orfeo" am Cottbuser Staatstheater - Wo aus Euridikes Schlangenbiss ein Verkehrsunfall wird

So 05.12.21 | 16:46 Uhr | Von Harald Asel
L'ORFEO Szenenfoto (Quelle: Marlies Kross)
Audio: Inforadio | 05.12.2021 | Harald Asel | Bild: Marlies Kross/Theaterfotografin

Der Orpheus-Mythos ist eine Art magnetisches Altmetall, voller Anhaftungen und Patina. Hunderte von Versionen bevölkern die Theater in Vergangenheit und Gegenwart. Das Staatstheater Cottbus fügt eine hinzu - eine überzeugende, wie Harald Asel meint.

Schon wieder Orpheus? Die Geschichte des griechischen Sängers, dessen geliebte Frau Euridike durch einen Schlangenbiss stirbt, der dann in die Unterwelt geht und Euridike von dort unter der Vorgabe herausholen darf, dass er sich nicht zu ihr umdreht, was aber bekanntermaßen misslingt. Ist das nicht auserzählt? - Nein, sagen der Komponist und Arrangeur Michael Wilhelmi und die Regisseurin Claudia Meyer. "L'orfeo" in Cottbus ist, wie der Untertitel verrät, "ein moderner Mythos nach der Oper von Claudio Monteverdi".

Hier werden all die Fragen gestellt, die heutigen Menschen mit Blick auf den Stoff und die Musik von 1607 in den Sinn kommen: Wie selbstverliebt und aufs Publikum bedacht singt Orpheus seinen Schmerz eigentlich heraus? Was denkt sich Euridike eigentlich bei der ganzen Sache, in der sie hinter der emotionalen Projektion anderer zu verschwinden droht?

Monteverdis Version angereichert durch moderne Passagen

Über dem nur durch schwarze Wände strukturierten Bühnenraum schlängelt sich ein Band, auf dem Filmsequenzen eingespielt werden: Nach und nach enthüllt sich eine moderne Szenerie. Euridike hatte wohl an der Landstraße einen tödlichen Verkehrsunfall. Der trauernde Orpheus wird an der Stelle Blumen und ein Kreuz hinterlassen.

Darunter scheint zunächst Monteverdis Version der Orpheus-Geschichte abzulaufen, allerdings instrumental durch moderne Passagen angereichert. Doch bald werden verschiedene Stile überblendet. Mal klingt es nach italienischer Oper des 19. Jahrhunderts oder nach tänzerischer Unterhaltungsmusik, dann liegt ganz klar die Monteverdi-Komposition offen. Mit Texten der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wird gegen die verordnete Stummheit der Euridike angesungen. Das geschieht auch szenisch, wenn sie etwa ihre hochhackigen Schuhe durch die Gegend pfeffert, dass ein Pfennigabsatz in der Wand stecken bleibt.

Überzeugend das Konzept, die Musik mit Verve vorgetragen

Die Rollen sind vollständig aus dem eigenen Ensemble besetzt. Das risikobehaftete Konzept überzeugt: statt Renaissance-Spezialisten einzukaufen, lieber die Unvertrautheit mit Monteverdi zum Ausgangspunkt einer Entdeckungsreise machen. Die Darsteller der Hauptrollen, Daniel Foki und Ketevan Chuntishvili, haben dabei immer schon den weiteren Weg der Oper in den folgenden Jahrhunderten im Kopf - und in der Kehle. Kein Wunder: Sie werden in dieser Spielzeit in Cottbus ja auch in "Figaros Hochzeit" und in "Carmen" singen.

Das Orchester unter dem 1. Kapellmeister Johannes Zurl wirft sich mit Verve in die verschiedenen Stile. Manchmal mit etwas zu viel Verve, als müssten die Musikerinnen und Musiker sich und uns erst noch überzeugen.

Heraus kommt ein kurzweiliger, anderthalbstündiger Abend. Immer, wenn wir uns als Publikum in einer bestimmten Sicht- und Hörweise eingerichtet haben, taucht etwas Neues auf, das fremd und vertraut zugleich wirkt. Nichts für Puristen also, aber lebendiges Theater.

Die nächsten Vorstellungen finden nach derzeitigem Stand am 8.12.2021, 15.12.2021 und 13.01.2022 statt, jeweils um 19.30 Uhr. Mehr Informationen: staatstheater-cottbus.de

Sendung: Inforadio, 05.12.2021, 08:40 Uhr

Beitrag von Harald Asel

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