Theaterkritik | "Der Diener zweier Herren" im Berliner Ensemble - Durchgeknallte Western-Parodie

Fr 10.12.21 | 11:16 Uhr | Von Ute Büsing
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BERLINER ENSEMBLE: "Der Diener zweier Herren"
Audio: Inforadio | 10.12.2021 | Ute Büsing | Bild: JR Berliner Ensemble

Carlo Goldonis Klassiker "Der Diener zweier Herren", 1746 uraufgeführt, ist immer noch bewährter Bühnenstoff für Spiel, Spaß und Slapstick. Am Berliner Ensemble hat jetzt der für ganz eigene Zugriffe bekannte Regisseur Antu Romero Nunes den Stoff aufgegriffen. Von Ute Büsing

Da macht sich einer einen besonderen Spaß mit der an sich schon spaßigen Goldoni-Komödie und transferiert sie kurzer Hand in den Wilden Westen, an ein Örtchen namens "Quietlands". Dort, statt in Venedig, tummeln sich abgehalfterte Ranger und Cowboytypen – alle in der durchgängig englischsprachigen Übermalung von Frauen gespielt – wie auch der Diener vormals Truffaldino, hier "the Servant". Dieses blondgelockte tapsige Märchenwesen in rustikaler Lederarbeitshose, mit Holzlamm an der Leine und very heavy German oder Austrian Akzent wird von Stefanie Reinsperger mit Inbrunst auf die Bretter gekreiselt.

Wild-West-Zombies klopfen Macho-Sprüche

Das ändert aber wenig daran, dass Antu Romero Nunes (derzeit Schauspielchef im Kollektiv am Theater Basel) durchgeknallte Western Parodie in hohem Maße befremdet – mich zumindest. Klar, alle fünf Frauen haben einen Heidenspaß daran, überwiegend doofe Macho-Sprüche klopfende Wild-West-Zombies, im Herzen Weicheier, vorzuführen und obendrein Verwirrspiel-gemäß die Rollen zu wechseln. Den Vogel schießt Constanze Becker ab als Cowboy mit auffallender Beule in der Lederhose und knarzender Sprache. Sie erntet Szenenapplaus für ihre Verkörperung von Kayden March, dessen Wiedergänger in Gestalt seiner zum Mann verwandelten Schwester Jolene March und auch noch deren Liebhaber Brody Bandson.

Vor weißer Brecht-Gardine – auch das noch! - kriegen sich im Landwirtshaus (Judith Engel gibt den Gastwirt Hank, bzw. Brighella) anders als bei Goldoni die füreinander bestimmten Paare, bzw. deren Wiedergänger, nicht. Kayden March (bei Goldoni Federigo) ist eh tot, also eine Schimäre. Und Jolene March (Beatrice), und Brody Brandson (Florindo), die Verknallten, knallen sich ab, weil sie einander für tot halten, genasführt von "The Servant".

Zwischen all dem Hin- und Hergeschiebe von Briefen und Geldsäcken versucht sich Reinspergers Dienerwesen mit "magischen Einfällen" an zwei Fronten, eben bei zwei Herren. Die ähneln sich in ihren knarzenden pistolenbewehrten Cowboyhosen auch noch wie ein Ei dem anderen (Kostüme: Lena Schön, Helen Stein). Er, bzw. sie, bringt also alles durcheinander und geht dabei auch noch die meiste Zeit leer aus, das heißt hier: mit leerem, laut knurrenden Magen, so sehr, dass einmal der Schuh angeknabbert werden muss.

Südstaaten mit Überbiss

Cynthia Micas, die mit Überbiss einen schweren Südstaaten-Akzent auf die Bretter bringt, verkörpert die Karikatur des Plantagenbesitzers Willie-Jay (Pantalone) und dessen Tochter Kaylee (Clarice) im blitzschnellen Kleiderwechsel, während Lili Epply als deren betrogener Verlobter Braiden (Silvio) sehenswerte Capoeira-Tänze vorführt, aber im Kampf immer gleich schlappmacht.

Das Programmheftchen behauptet, hier müsse sich "The Servant" in einer neuen Welt mit fremder Sprache und fremden Ritualen zurechtfinden und maximale Anpassung sei der Preis für ein besseres Leben. "Life is no sugar-licking", wie Reinsperger radebrecht. Als Migrations- und Integrationsmärchen kommt der zweistündige Slapstick aber nicht rüber – auch nicht, wenn sich "The Servant" zum schlechten Schluss in der neuen Welt mit ans Lagerfeuer setzen darf und dabei ihr geliebtes Lämmlein gehäutet und gegrillt verfüttert wird. Ich bin ratlos.

Sendung: Inforadio, 10.12.2021, 07.00 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Wie bin ich froh, dass ich diese Stück noch mit Rolf Ludwig vor vielen Jahren gesehen habe und welch Mitleid habe ich mit den jetzigen Zuschauern, die diesen mist ertragen müssen.

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