Theaterkritik | "Berlin Kleistpark" im Gorki Theater - Ein neues Kapitel für Berlin und seine Migrantengenerationen

So 12.12.21 | 15:08 Uhr | Von Barbara Behrendt
(V.l.n.r.) Manuel Zacek, Sesede Terziyan und Lizzy Scharnofske während einer Szene des Stücks "Berlin Kleistpark" (Bild: imago images/Martin Müller)
Bild: imago images/Martin Müller

Nach "Berlin Oranienplatz" folgt am Maxim Gorki Theater "Berlin Kleistpark" - von Hakan Savas Mican. Darin schlägt er ein neues Kapitel Berlins und seiner Migrantengenerationen auf. Eines, das weitaus weniger hoffnungsvoll ist. Von Barbara Behrendt

Als Moria und Adem die leere Bühne betreten, wirken sie wie ein ganz normales Pärchen. Sie bemängeln den knarzenden Boden und fragen sich, ob das hier wirklich die richtige Gegend ist, um sich eine Eigentumswohnung zu kaufen. Es ist die letzte Besichtigung, bevor sie beim Notar unterschreiben wollen. Doch als Moria ein Kinderzimmer erwähnt, geht es plötzlich ans Eingemachte. Er habe, schreit Adem, "keinen Bock auf deine hebräischen Namen, auf private jüdische Schulen, auf Kippa tragen!"

Zwischen Israel, Berlin und der Türkei

Moria, das wird schnell klar, ist eine Jüdin aus Israel, die seit zehn Jahren in Berlin lebt. Adem ist Türke, in Berlin geboren. Beide sind Juristen, doch während Morias Vater in Israel General war und dann mitsamt der Familie als Diplomat durch die Welt gezogen ist, hat Adems Mutter in Deutschland am Fließband geackert, um die Familie durchzubringen. Und weil sie sich wegen der vielen Jobs nicht um Adem kümmern konnte, schickte sie ihn als Kind zu Verwandten in die Türkei, wo er ohne sie aufwuchs.

Inzwischen ist es umgekehrt: Die Mutter lebt in Rente in der Türkei, Adem in Berlin, am titelgebenden Kleistpark. Am Abend will sie überraschend zu Besuch kommen – auch deshalb ist Adem wohl nervös und aggressiv. Was der Sohn nicht weiß: Seine Mutter hat Krebs und kommt, um sich zu verabschieden, ihrem Sohn Geld zu geben und auch, damit Adem ihr endlich vergibt und loslassen kann. Doch davon ist Adem heute mit fast 40 Jahren so weit entfernt wie als Kind.

Çiğdem Teke spielt diese türkische Mutter mit ungeheuer viel Verve und Witz. Taner Şahintürk gibt ihren unglücklichen Sohn, der sich noch immer verlassen fühlt, und der Angst hat, dass ihm dasselbe mit Moria droht – gerade hat sie ein Jobangebot in ihrer Traumstadt New York bekommen. Und wie so oft gibt Şahintürk seiner Figur diese besondere, berührende Mischung aus Wut, Trauer, Eifersucht und Verletzlichkeit. Sesede Terzyan dagegen ist die deutlich bodenständigere, sarkastische, temperamentvolle Moria, die sich in ihren bösen Humor rettet. "Wo warst du denn letzte Nacht?" fragt Adem. Ihre Antwort: "Wo kann eine Jüdin sein in Deutschland – im Zug."

Filmische Szenen als verbindendes Element

Es ist eine neue Berlin-Geschichte, die Hakan Savaş Mican hier erzählt, mit anderen Figuren, anderen Problemen als in "Berlin Oranienplatz". Doch auch hier steht die Jazz-Combo von Jörg Gollasch auf der Bühne – diesmal singt Terzyan Sehnsuchtslieder auf Französisch und Türkisch.

Und auch diesmal ist Mican als Filmregisseur gut erkennbar. Viele Szenen sind voraufgezeichnet und werden auf die Bühnenwand projiziert – vor allem die Stadtfahren und Spaziergänge durch Berlin, am Kleistpark vorbei, durch Schöneberg und Mitte. Einsame Nachtbilder sind das, die Mican geschickt mit den Live-Szenen auf der Bühne verzahnt. Manchmal spielen zwei andere Schauspieler Adem und seine Mutter im Film, als sei es eine Rückblende – oder aber, als sei das Schicksal des verlassenen türkischen Kindes ein ganz typisches.

Hoffnungsloser und verworrener als "Berlin Oranienplatz"

Dazu passt das Video, in der eine dritte Frau inmitten Kartons voller Geschirr steht. Auf Türkisch erklärt sie, welches Glas sie damals in welchem deutschen Geschäft gekauft hat, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Jetzt bedeutet ihr das alles nichts mehr. Geblieben ist ihr, sagt sie, die Leere in ihrem Inneren, weil auch sie ihre vier Kinder in der Türkei ließ, während sie in Deutschland schuftete.

Teil Zwei der Trilogie wirkt deutlich härter, hoffnungsloser, weniger schwärmerisch als die Liebeserklärung an Berlin in Teil Eins. Durch die wechselnden Schauspieler, die verschiedenen Zeiten und Filmsequenzen ist "Berlin Kleistpark" zudem kryptischer und verworrener. Doch der Abend beinhaltet auch das Schicksal einer ganzen Einwanderergeneration, das so noch nicht erzählt worden ist. Und die wichtige Frage, wie Juden und Moslems in Berlin eigentlich zusammenleben können. Ob Adem und Moria eine gemeinsame Zukunft haben, das bleibt am Ende: offen.

Sendung: Inforadio, 12.12.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Barbara Behrendt

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