34. Europäischer Filmpreis in der Arena - Keine große Gala, aber ein großer Gewinner

So 12.12.21 | 17:05 Uhr | Von Alexander Soyez
Preisträger, Laudatoren und Moderatorin Annabelle Mandeng (M) stehen auf der Bühne während der 34. Verleihung des Europäischen Filmpreises (Bild: dpa/Christian Mang)
Audio: Inforadio | 12.12.2021 | Alexander Soyez | Bild: dpa/Christian Mang

Wegen Corona musste der Europäische Filmpreis erneut ohne große Gala stattfinden. Per Videoschalte und mit wenigen Gästen wurde in der Arena Beriln das europäische Kino gefeiert. Der große Gewinner des Abends: "Quo Vadis, Aida" von Jasmila Žbanićs. Von Alexander Soyez

Wohin es mit Europa geht, konnte die 34. Verleihung der europäischen Filmpreise an diesem Wochenende in Berlin zwar nicht beantworten, aber es wurde das europäische Kino und die europäische Idee gefeiert. "Quo Vadis, Aida" von Jasmila Žbanić wurde als Bester Film gewürdigt, Aida-Darstellerin Jasna Đuričić wurde als europäische Schauspielerin geehrt und Anthony Hopkins bekam nach dem Oscar nun auch noch den europäischen Filmpreis für seine Rolle als Star und Seele des Demenzdramas "The Father", das mit insgesamt fünf Nominierungen der große Favorit in diesem Jahrgang war, sich aber letztlich - genauso wie die Gala selbst - mit etwas weniger begnügen musste.

Corona dämpft Feierstimmung

Eine großes Fest des europäischen Kinos mit Publikum, Gästen, mit den nominierten Filmemachern und Schauspielern sollte der Europäische Filmpreis in diesem Jahr wieder werden, nachdem er im letzten Jahr schon einmal wegen Corona zur Wohnzimmer-Ausgabe wurde. Die gestiegenen Corona-Zahlen in den letzten Wochen hatten das allerdings auch jetzt wieder kurzfristig unmöglich gemacht: Der große Saal in der Arena in Berlin blieb zwar als Austragungsort, aber abgesehen von ein paar schon feststehenden Preisträgern wie Steve McQueen (Für seine Filmreihe "Small Axe") oder Susanne Bier (Würdigung ihrer Leistung für das Weltkino), den Präsentatoren und den entscheidenden Köpfen der europäischen Filmakademie, blieb der Saal ernüchternd leer.

Wirkliche Stimmung kommt mit dem Klatschen von ein paar Dutzend Gästen dann eben doch nicht auf und selbst einfallsreich auf den Bühnenboden projizierte Videoverbindungen zu den Nominierten in ganz Europa ändern nicht wirklich etwas daran. Andererseits sorgte ausgerechnet eine kleine Videopanne für einen der rührendsten Momente des Abends als Jonas Poher Rasmussen zum dritten mal aus dem Gewinnerumschlag gezogen wurde und sein Film "Flee" auch noch als Europäische Dokumentation gewann. Zu sehen war er zwar, aber nicht zu hören und daran änderten auch schnell gewechselte Kopfhörer nichts. Der Ton blieb weg und Moderatorin Annabelle Mandeng soufflierte, dass er seinem Team danke und überwältigt sei.

Der Überraschungserfolg von "Flee"

Grund genug dafür hat Rasmussen auf jeden Fall, denn sein Film "Flee" wurde wurde tatsächlich zum Überraschungserfolg und bekam den Preis nicht nur als Dokumentation, sondern auch als europäischer Animationsfilm und wurde mit dem noch jungen europäischen University Film Award ausgezeichnet, über den die Studierenden von 26 Hochschulen in ganz Europa abgestimmt hatten. In animierten Bildern erzählt die innovative Dokumentation die Flucht eines Afghanen nach Dänemark und sein Aufwachsen dort als junger schwuler Mann. Mit dieser wahren Geschichte macht der Film auf eine einzigartige Art und Weise ein wichtiges gesamteuropäisches Thema fühlbar.

"Quo vadis, Aida" ist der große Gewinner

Das Gleiche gilt auch für den großen Gewinner des Abends, den europäischen Film des Jahres, Jasmila Žbanićs erschütternder "Quo Vadis Aida", der das Massaker von Srebrenica aus den Augen einer bosnisch-muslimischen Übersetzerin im damals zur Untätigkeit verdammten UN-Stützpunkt zeigt. Eine europäisches Mahnmal und ein europäische Gemeinschaftsprojekt, mit 10 Koproduzenten aus 10 europäischen Ländern und ein Film, den Spanic den Frauen von Srebenica widmete, die drei Generationen von Männern verloren haben und trotzdem versuchen, den Frieden in ihrer Heimat bringen, die aus Zerstörung wieder Leben aufgebaut haben.

"Frauen müssen immer gerade rücken, was Männer verursacht haben", so Spanic in ihrer Dankesrede am Ende der Verleihung. Auch Jasna Đuričić wurde für ihre Hauptrolle als Aida in "Quo Vadis Aida" ausgezeichnet und dass Spanic in einem Nominierten-Jahrgang mit solchen Regiegrößen wie Paolo Sorrentino oder Cannes Gewinnerin Julia Ducournau auch den Preis für die Beste Regie bekam zeigt, wie sehr ihr Film über einen der großen wunden Punkte Europas einen Nerv in unserer Zeit und im heutigen Europa getroffen hat.

Anthony Hopkins ließ sich nicht einmal per Videoschalte blicken

Der Filmpreis soll nicht nur ein festliches Podium für Filme aus Europa und für absehbare Gewinner sein, die vorher schon bei den Oscars, bei der Berlinale oder in Cannes gewonnen haben, sondern eine Bühne für europäische Filme. Dieser leichte Richtungsschwenk unter dem neuen Führungsteam der europäischen Filmakademie Agnieszka Holland und Matthijs Wouter Knol wurde vielleicht gerade mit der kurzfristig abgespeckten und im großen Saal der Berliner Arena etwas verloren wirkenden Gala noch etwas deutlicher. Weniger Stars, weniger Show, mehr europäische Ideen Projekte und Initiativen. Und so hatte es sogar etwas fast Bezeichnendes, dass der größte Star des Abends, Anthony Hopkins, sich nicht mal per Videoschalte blicken ließ.

Sendung: Inforadio, 12.12.2021, 6.55 Uhr

Beitrag von Alexander Soyez

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