Heinrich-Schliemann-Ausstellungen in Berlin - Millionär, Genie und Entdecker von Troja

Do 06.01.22 | 14:02 Uhr | Von Maria Ossowski
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Grabungsmannschaft in Troja, 1890er-Jahre, © bpk
bpk
Audio: rbb Kultur | 05.01.2022 | Maria Ossowski | Bild: bpk

Zum 200. Geburtstag ehrt Berlin seinen Ehrenbürger Heinrich Schliemann mit zwei großen Ausstellungen. Zu sehen sind Stationen seines Lebens zwischen Kaufmann und Archäologie und herausragende Grabungsfunde. Von Maria Ossowski

Heinrich Schliemann war Archäologe, Kaufmann, Sprachgenie, Kosmopolit, Entdecker, Visionär und PR-Profi. Vor 200 Jahren in ärmliche Verhältnisse Mecklenburgs geboren - sein Vater war ein Säufer, die Mutter früh gestorben - hatte sich Schliemann in Amsterdam zum Kaufmann ausbilden lassen und schnell gemerkt, dass Russland ein riesiger Markt ist, aber niemand die Sprache spricht. Er lernte sie. 20 Jahre lebte er in Russland und verdiente mit Indigo-Farbe und Stoffen ein riesiges Vermögen. "Ich gelte hier und in Moskau als der schlaueste, durchtriebenste und fähigste Kaufmann", schrieb Schliemann seinem Vater aus Sankt Petersburg.

Anton Grass, der das Russland-Kapitel der Ausstellung "Schliemanns Welten" in der James-Simon-Galerie und im Neuen Museum in Berlin kuratiert, rechnet zusammen, dass Schliemann zum Ende seiner Zeit in Russland vielfacher Millionär geworden war: "Wenn man das heute in Euro umrechnet, wären das je nach Forschungsstand zwischen 60 und 90 Millionen Euro, die er in der Tasche hatte und mit denen er aus Russland zurückkehrte. Vor ihm standen neue Wege."

Heinrich Schliemann, um 1877 (Quelle: bpk / Archiv Mehrl)
| Bild: bpk / Archiv Mehrl

Vom umtriebigen Geschäftsmann zum Archäologen

Eine Weltreise führte Schliemann nach Japan und China. Rechnet man alle seine Reisen zusammen, umrundete er die Erde 14 Mal. Zahllose Aufzeichnungen beweisen, wie präzise er nicht nur beobachten, sondern die Dinge auch beschreiben konnte. In der Goldgräberstadt Sacramento noch einmal reicher geworden, konnte Schliemann sich schließlich seiner Passion hingeben: der Suche nach Homers Troja. Auf Umwegen fand er die sagenumwobene Stadt aus dem Altertum, ohne Vorkenntnisse als Archäologe entwickelte er sich von Schürfer zum Ausgräber. Es gab keine methodischen Vorgänger.

Er ließ einen langen Graben anlegen, um in tieferen Erdreichen zu suchen und zerstörte dabei ganze Schichten verschiedener Zeitalter. Er wusste es noch nicht besser. Aber war er deshalb jener rücksichtslose Schatzsucher, als der Schliemann oft beschrieben wurde?

Matthias Wemhoff, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte und Koordinator der Ausstellungen in der James-Simon-Galerie und im Neuen Museum, mag den Begriff des Schatzgräbers nicht. Schliemann sei kein wüster Typ gewesen, dem es immer nur um Gold und Schnelligkeit ging, sagt Wemhoff: "Ich glaube, man wird sehen, dass er jemand ist, der sich als extrem wandlungsfähig in seinem Leben zeigt, der sich auch extrem verändert. Seine ersten Jahre in Troja sind gar nicht zu vergleichen mit seinen weiteren Arbeiten. Es wird deutlich, dass er für die Wissenschaft unglaublich viel gemacht hat", so Wemhoff.

Teile seiner Schätze inzwischen in Russland

Der "Schatz des Priamos" machte Schliemann weltberühmt. Er prozessierte mit dem osmanischen Reich, um ihn ausführen zu können; er beglich die hohen Strafen gleich mehr als doppelt, um weiter zu graben - schließlich durfte er das Gold mitnehmen. 1881 schenkte er es auf Initiative seines Freundes Rudolf Virchow "dem Deutschen Volke zu ewigem Besitze und ungetrennter Aufbewahrung in der Reichshauptstadt".

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befindet sich der Schatz in Russland. Trophäenkunst, so wird der Schatz dort genannt und nicht ausgeliehen, auch nicht für die großen Schliemann-Ausstellungen hier.

Diese jedoch werden nach Berlin in Russland gezeigt. Die Ausstellungen "Schliemanns Welten" werden sein Leben erzählen und die vielen Kunstschätze präsentieren, die er ausgegraben hat und die sich im Besitz der Stiftung preußischer Kulturbesitz befinden: Silber, Keramiken und mehr. Berühmt geworden ist er für das Gold, den Schmuck, den er fand und mit dem er seine zweite Frau, eine schöne Griechin, fotografieren ließ. Für Matthias Wemhoff ein Beweis, wie modern Schliemann mit Medien umgehen konnte: "Natürlich wollte er deutlich machen, dass er tatsächlich das Homerische Troja gefunden hat und dazu hat ihm das Gold die Möglichkeit gegeben, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Aber er beschäftigt sich mit seinen Schriften und was er danach macht, viel mehr mit anderen Objekten."

Silenskopf aus Troja, Schicht VIII - IX, © Staatliche Museen zu Berlin (Quelle: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / Jürgen Liepe)
Bild: Staatliche Museen zu Berlin, © Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte / Jürgen Liepe

"Glaube nicht, dass er ein angenehmer Zeitgenosse war"

Heinrich Schliemann ist eine zwiespältige Persönlichkeit gewesen, anmaßend, genial, weder freundlich zu seinen Arbeitern noch zu seinen Ehefrauen. Jedoch entwickelte er sich in der zweiten Hälfte seines Lebens zum großen Forscher und Wissenschaftler. Museumsdirektor Matthias Wemhoff hätte ihn gerne getroffen - "aber ich glaube nicht, dass er ein angenehmer Zeitgenosse war".

Zu sehen sind die Ausstellungen "Schliemanns Welten" vom 13. Mai bis zum 6. November in der James-Simon-Galerie und im Neuen Museum.

Sendung: rbb24, 05.01.2022, 17 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

5 Kommentare

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  1. 5.

    Na klar, macht doch auch Schliemann zum Nazi, genau wie die dt. Befreiungskämpfer gegen Napoleon gestrichen/versteckt/beschimpft wurden.
    GsD ist Schliemann noch in MV wohlgelitten, Museen in Neubukow und Ankershagen tragen seinen Namen und die griech./röm. Fakultät der Uni Rostock auch.
    Diese Geschichtsklitterer und Bilderstürmer drehen immer mehr am Rad, findet ihr nicht?
    Demnächst werden Luther, Bismarck und Goethe noch an den grünideologischen Pranger gestellt.

  2. 4.

    Wenn ich Sie richtig verstehe. - sofern man Sie überhaupt verstehen kann -, rechnen Sie das „unsägliche Leid“, welches NS-Deutschland über die Welt gebracht hat, auf gegen Verluste, die Deutschland erlitten hat, quasi als Kollateralschaden. Um dann in einer geistigen Kapriole vorzuschlagen, Königsberg zu einer Art „Mandat“ verschiedener Staaten, darunter Deutschland, zu machen. Was das mit Schliemann/dem „Schatz des Priamos“ zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Oder soll auch er Mandat werden?

  3. 3.

    Das unermessliche Leid, das von NS-Deutschland ausging, hat ein unermessliches Verhängnis zur Folge gehabt, was mit rationalen Argumenten offensichtlich nicht beschrieben werden kann. Die US-Amerikaner mit 0,3 % Bevölkerungsverlust im Zweiten Weltkrieg waren eher gewillt, aus der Demütigungsstrategie am Ende des Ersten Weltkriegs zu lernen als die Russen, die mehr jeden 8. Menschen verloren. Da wurde mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war und am Ende vergammelte sogar die Hälfte der mitgenommenen industriellen Anlagen auf den (Breitspur)Schienen, weil dies insgesamt nicht in die russischen Normen passte.

    Schlichte Rückforderung, so glaube ich, wäre kein sinnvoller Weg, dafür aber, um das von Deutschland ausgegangene Leid zu wissen. Auch Kaliningrad / Königsberg als Stadt und Oblast hat für Russland keinen erkennbaren Sinn. Unter internationaler Verwaltung aus freien Stücken heraus - Polen, Litauen, Russland, Deutschland und Schweden - dagegen schon.

  4. 2.

    "aber ich glaube nicht, dass er ein angenehmer Zeitgenosse war".

    Genau das macht eine Gesamteinordnung so schwierig. Im inspirativen Sinne für die Nachwelt waren etliche Menschen ungemein fruchtbar; privat o. auch in sonstigen politischen Sphären waren sie hingegen schlichtweg ein Ekel.

    Friedr. II o. Friedr.-Wilhelm IV konnten fast aus freier Hand Baupläne zeichnen, nach denen auch tatsächlich hätte gebaut werden können, sie waren musisch u. philosophisch bewandert, doch ihre Mitmenschen sahen sie lieber von hinten als von vorn.

    Es ist die behauptete Dummheit der anderen, an denen sich die selbstverstandenen Klugen zuweilen immer wieder die Augen reiben. ;- Gewiss gehen einige mehr voran als andere, Hochgehaltenen Avantgarde-Vorstellungen sollte jedoch mit Skepsis begegnet werden, weil sie leicht ins Elitäre abkippen.

    "Groß" war Schliemann in seinen Erkenntnissen; als Mensch allerdings doch eher Mittelmaß. Einen Rückschluss möchte ich daraus nicht ziehen.

  5. 1.

    Bei Lichte besehen fällt der Schatz des Priamos unter "Beutekunst". Der Sieger nahm sich alles, was ihm angemessen erschien. Obwohl nach dem Krieg riesige Summen und Werte an Reparationsleistungen von der DDR an den "großen Bruder" gezahlt und
    geliefert wurden, packte und packt keine deutsche Regierung dieses "heiße Eisen" an.

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