Interview | Berliner Filmemacher Erik Lemke - "In meinem Dokumentarfilm widerlegen sich Homöopathen selbst"

Mi 26.01.22 | 14:37 Uhr
Globuli-Kügelchen liegen vor einer kleinen, braunen Flasche. (Quelle: imago-images/McPhoto)
Bild: imago-images/McPhoto

Tausende Heilpraktiker und Ärzte in Deutschland schwören auf homöopathische Mittel. In der Dokumentation "Homöopathie unwiderlegt?" des Berliner Filmemachers Erik Lemke reden sich nun Autoritäten der Alternativmedizin um Kopf und Kragen.

rbb|24: Herr Lemke, Millionen Menschen in Deutschland haben schon einmal Globuli oder andere homöopathische Mittel ausprobiert. Wie diese Heilmethode funktionieren soll, erklären in Ihrer neuen Dokumentation 19 Expertinnen und Experten für Homöopathie. Das klingt erstmal nach einem Promo-Film.

Erik Lemke: Das könnte man annehmen. Es sind wirklich auch Koryphäen in ihrem Bereich darunter. Aber ich denke, dass sich dieser Eindruck, das könnte ein Werbefilm sein, nach und nach relativiert, während man "Homöopathie unwiderlegt?" anschaut.

Tatsächlich reagieren die Befragten sehr unterschiedlich auf die Themen, die Sie ansprechen. Wie wichtig zum Beispiel die sogenannten "Potenzen" sind, also die Verdünnungsstufen, die ein homöopathisches Mittel im Herstellungsprozess durchläuft.

Darum geht es mir in dem Film: Widersprüche zu offenbaren. Da sagt der eine: Hoch-Potenzen bei chronischen Krankheiten, Niedrig-Potenzen bei akuten Beschwerden - der nächste sieht das ganz anders. Ein Experte zur Studienlage gibt dann zu: Ein Unterschied zwischen den Potenzen konnte nie belegt werden. Solche Widersprüche offenbaren sich erst, wenn man die Aussagen unterschiedlicher Homöopathen vergleichbar macht. In meinem Dokumentarfilm widerlegen sie sich also selbst. Hätte ich eine dieser Personen anderthalb Stunden lang reden lassen in meinem Film, würde das wirken wie ein kohärentes Weltbild.

Zur Person

Der Filmemacher Erik Lemke (Quelle: Cordia Schlegelmilch)
Cordia Schlegelmilch

Erik Lemke

ist Filmemacher und lebt seit 2010 in Berlin. 1983 wurde er in Dresden geboren, er studierte Dokumentarfilm und Regie in St. Petersburg und Toulouse. Sein Dokumentarfilm "Berlin Excelsior" über das Excelsior-Hochhaus in Kreuzberg bekam 2017 das Prädikat "besonders wertvoll" von der deutschen Film- und Medienbewertung. Lemke arbeitet als ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht Berlin.

Gerade von diesen Widersprüchen lebt Ihr Film jetzt. Sie bringen eine gewisse Komik ins Spiel - und sie zeigen ganz deutlich: Das kann nicht alles stimmen.

Nein, das ist klar. Und das hängt damit zusammen, dass in der Homöopathie nicht zwischen wahr und unwahr unterschieden wird. Es gibt zwar die sogenannte homöopathische Arzneimittelprüfung - aber wie extrem subjektiv das funktioniert, schildern die Protagonisten in meinem Film. Und diese Prüfmethode haben die Homöopathen in den letzten 200 Jahren seit den Zeiten ihres Begründers Samuel Hahnemann (1755-1843) nicht so weiterentwickelt, dass sie ihre Irrtumsanfälligkeit verloren hätte - obwohl das längst möglich wäre.

Am Ende bleiben viele Widersprüche - auch weil unterschiedliche Homöopathen sich von unterschiedlichen Teilbereichen der Lehre distanzieren. Von François de La Rochefoucauld stammt das Zitat: "Kleine Fehler geben wir gern zu, um den Eindruck zu erwecken, wir hätten keine großen." Doch diese Taktik misslingt, wenn man alle diese Aussagen nebeneinanderstellt, um die Homöopathie als das zu zeigen, was sie ist.

Und was ist sie?

Eine Glaubenslehre. Eine Ideologie, die es durch sehr gute Lobbyarbeit geschafft hat, sich tief in unserem Gesundheitssystem zu verankern: Sie wird von approbierten Ärzten angeboten, die Krankenkassen zahlen für die Behandlung, man kauft die Mittel in der Apotheke. Gleichzeitig fordert das Gesetz - anders als bei Medikamenten - von homöopathischen Mitteln keinen Nachweis über die Wirksamkeit.

Dass es diesen Nachweis nicht gibt - auch nach vielen Millionen Euro, die in Studien zur Wirksamkeitsprüfung homöopathischer Mittel geflossen sind - habe ich aus Ihrem Film mitgenommen. Und trotzdem berichten Menschen immer wieder, Homöopathie habe ihnen geholfen. Wollen Sie gerade diese Leute mit Ihrer Dokumentation ansprechen?

Genau dieses Zielpublikum wünsche ich mir mehr als Skeptiker, Kritiker der Homöopathie oder Wissenschaftler. Ich wünsche mir diejenigen als Zuschauer, die Homöopathie für sich nutzen. Denn ich glaube, viele Homöopathen klären die Patienten unzureichend darüber auf, um was es sich bei ihrer Methode handelt.

Wenn wir uns aber den mündigen Patienten wünschen, dann ist Aufklärung das A und O, dann müssen die Fakten auf den Tisch. Und das bedeutet für den Patienten - und auch für den Homöopathen - nicht unbedingt, dass sie etwas verlieren, sondern ich will mit diesem Film eine Grundlage schaffen, damit Menschen bewusste Entscheidungen treffen können.

Sie selbst sprechen jetzt im Interview zwar offen kritisch über Homöopathie, aber im Film äußern Sie sich an keiner Stelle wertend. Meistens beschränken Sie sich auf ganz neutrale Fragen. Wie würden Sie die Rolle beschreiben, die Sie als Interviewer eingenommen haben?

Ich habe mir Sokrates zum Vorbild genommen, der berühmt dafür war, Fragen zu stellen, aber selbst keine Antworten zu geben. Er hat sich mit seiner Meinung zurückgehalten und durch seine Fragetechnik ermöglicht, dass der Gefragte selbst die Antworten findet. So wünsche ich mir das für den Zuschauer: dass er von mir nicht belehrt wird, sondern dass er sich selbst ein Bild machen kann, ohne dass ihm eine Meinung aufoktroyiert wird.

Wie kamen Sie darauf, sich mit dem Thema Homöopathie auseinanderzusetzen?

Ich hatte vor Jahren ein Gesundheitsproblem, über das ich mich mit einer Heilpraktikerin unterhalten habe. Ich habe überlegt, mich in homöopathische Behandlung zu begeben und dann meinem Cousin davon erzählt, der damals Psychologie studiert hat. Der hat mir erstmal den Kopf gewaschen und mich grundsätzlich darüber aufgeklärt, was Homöopathie ist. Das hat mich ziemlich erschreckt, aber ich fand es auch spannend, wie so ein archaisches Modell von Arzneimittellehre es in unsere Gesetze und in unser Gesundheitssystem hineingeschafft hat.

War Ihren Protagonistinnen und Protagonisten zum Zeitpunkt der Interviews bewusst, dass Sie eine kritische Einstellung zur Homöopathie haben?

Sie kannten den Filmtitel "Homöopathie unwiderlegt" - das Fragezeichen habe ich später noch hinzugenommen. Und sie wussten, zu welchen Themenbereichen ich Fragen stellen will. Alle hatten die Möglichkeit - auch noch Tage nach dem Dreh - Antworten zurückzuziehen und zu sagen: Das soll nicht im Film vorkommen. Das habe ich schriftlich bestätigt und selbstverständlich respektiert.

Nicht zustande gekommen sind Gespräche mit Homöopathen, die die geschnittene Version ihres Interviews vor Veröffentlichung autorisieren wollten. Das hätte nicht funktioniert bei 19 Befragten, deren Aussagen ineinandergreifen.

Gab es Beteiligte, die im Nachhinein unglücklich mit Ihren Interviews waren?

Es gab eine Dame, die sich beklagte über meine "Skeptiker-Fragen", wie sie es nannte. Sie hätte sich einen "Safe Space" gewünscht, um über ihre liebevolle Art der Patienten-Arbeit zu sprechen. Stattdessen habe sie sich wie auf der Anklagebank gefühlt. Da hatte ich das Gefühl: Ich muss ein paar Dinge zurechtrücken. In der Homöopathie stellen sich viele gern als Opfer dar.

Aber diese Frau ist Ärztin. Sie übernimmt Verantwortung für ihre oftmals auch schwer kranken Patienten. Sie muss aufklären, sie muss Rede und Antwort stehen zu der Therapie, die sie anbietet. Und wenn da irgendwelche Zweifel bestehen, sollte sie dankbar sein, mit diesen Zweifeln konfrontiert zu werden. Da würde ich von ihr erwarten, dass sie nicht ruht, bis diese Zweifel aus dem Weg geschafft sind. Das ist ihr Job.

Der Filmtrailer auf Youtube:

Haben Sie schon Reaktionen von den Beteiligten auf den fertigen Film bekommen?

Nein, noch nicht. Der Film wird am Mittwoch in den Berliner Eva-Lichtspielen Premiere haben. Das heißt: Bis jetzt hat noch keiner meiner Protagonisten die fertige Dokumentation gesehen. Ich bin sehr gespannt darauf, was sie sagen werden. Ich habe alle Beteiligten zu den Vorführungen eingeladen, aber manche können auch aufgrund der 2G-Regeln nicht kommen, weil sie sich nicht gegen Corona haben impfen lassen.

Da wären wir beim Thema Homöopathie und Impfskepsis. Es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen beidem sehen. [ncbi.gov] Zuletzt hat das Unternehmen Deutsche Homöopathie-Union wiederum eine Umfrage veröffentlicht, die nahelegt, dass die Impfquote unter Menschen, die homöopathische Mittel nutzen, kaum geringer ist als in der Gesamtbevölkerung. [dhu.de]

Unter meinen Protagonisten gibt es Impfgegner: Bei Friedrich P. Graf zum Beispiel ist das kein Geheimnis. Der hat schon lange vor Corona impfskeptische Bücher geschrieben. Homöopathie wird mitunter als Einstiegsdroge in Verschwörungsdenken bezeichnet - und da ist etwas dran, finde ich. Wenn man gegen die Faktenlage die Homöopathie weiterhin für wirksam hält, dann verliert man jedes Richtmaß im Urteilsvermögen und läuft Gefahr, alles und jedem zu glauben, solange es sich nur wahr anfühlt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Anne Kohlick, rbb|24.

Der Film "Homöopathie unwiderlegt?" läuft in den Eva-Lichtspielen in Berlin-Wilmersdorf (Mittwoch, 26.01., 18 Uhr / Montag, 31.01., 19 Uhr) und im Sputnik-Kino am Südstern mit englischen Untertiteln (Freitag, 28.01., 18:30 Uhr / Samstag, 29.01. 16:45 Uhr / Sonntag, 30.01. 16:15 Uhr / Montag, 31.01. 15 Uhr).

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