Ausstellung | Streit um Gemälde "Paris Bar" - Künstler oder Handwerker?

Fr 28.01.22 | 14:25 Uhr | Von Cora Knoblauch
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Götz Valien vor seinem Gemälde im Haus am Lützowplatz (Quelle: rbb/Cora Knoblauch)
Audio: Inforadio | 18.01.2022 | Cora Knoblauch | Bild: rbb/Cora Knoblauch

Die zwei Gemälde der Berliner "Paris Bar" zählen zu den bekanntesten Werken von Martin Kippenberger. Der Auftragsmaler Götz Valien hat eine dritte Variante des Bildes gemalt - und daraus entwickelt sich ein Berliner Kunstkrimi. Von Cora Knoblauch

Als der Chef der Berliner Werbeplakatfirma Werner Werbung 1992 zu Götz Valien kommt, ihm ein Foto zeigt und sagt, er habe hier einen Spezialauftrag für ihn, fühlte er sich auf den Arm genommen, erinnert sich der Künstler Valien heute.

Auf dem Foto war die Innenansicht der Paris Bar abgebildet, Blick auf die linke hintere Wand des damaligen Szenelokals. Mehrere Bilder verschiedener Künstler waren an dieser Wand wie in einem Kunstsalon gehängt, davor sorgfältig gedeckte Tische.

Auf zwei mal vier Metern sollte Valien das Foto auf Leinwand vergrößern, ein Knochenjob, sagt Valien. Doch: Als junger Künstler und Vater brauchte er das Geld. Den Extra-Job, die Paris Bar zu malen, wollte er zunächst dennoch nicht annehmen, zu anspruchsvoll fand er das Motiv in seiner Kleinteiligkeit, auch wenn es inhaltlich banal war.

Götz Valien, ANGEL A, 2021, Öl und Acryl auf Leinwand, 145 x 125 cm. (Quelle: Götz Valien)
Bild: Götz Valien

"Es ist ein Wimmelbild", sagt Valien, "das müssen Sie erstmal auf zwei mal vier Meter hinbekommen!" Im Grunde waren es 19 Bilder, die er malen musste. "Die 18, die an der Wand in dem Restaurant hingen und das 19., meines. Alle 18 Bilder waren sehr unterschiedlich. Um dem Ganzen gerecht zu werden, bin ich hin gefahren zur Paris Bar und habe alle Bilder einzeln fotografiert." Für den Job habe er damals 1.000 Mark bekommen.

Fast zwölf Jahre wird das Bild in der Paris Bar hängen, Valien besucht es nie. Ein halbes Jahr später soll er das Bild noch einmal malen – wie es an der Wand in der Paris Bar hängt, also ein Bild im Bild. Valien will den Auftrag eigentlich ablehnen, willigt dann aber doch ein. Er malt in der Werkstatt von Werner Werbung also eine zweite Variante der Paris Bar.

Infos im Netz

Dabei fällt ihm auf, dass ihm in der ersten Version ein Fehler unterlaufen ist. Bei einem der abgemalten Gemälde fehlten lilafarbende Sprühpunkte. Auf der "Bild im Bild"-Version korrigiert er den Fehler. Und beginnt – dieses Mal ohne Auftrag – mit einer dritten Version, die zunächst unvollendet bleibt und Valien beiseite stellt.

An den Auftrag wird er im Jahr 2009 jäh erinnert. In einem Kunstmagazin prangt ganzseitig die Annonce des Kunstauktionshauses Christie's und wirbt mit der Versteigerung des ersten Paris-Bar-Gemäldes.

Für sagenhafte 2.281.250 Pfund wird das Bild als Kippenberger-Werk schließlich versteigert. Götz Valien ärgert sich und wendet sich an eine SPIEGEL-Journalistin. Denn nirgendwo wird sein Name erwähnt. Das Feuilleton rollt über das Thema und Götz Valien. Die Kunstszene ist sich einig: Alleiniger Urheber der Bilder ist und bleibt Martin Kippenberger, Valien sei lediglich der Handwerker, der die Arbeit ausgeführt habe. "Bis heute hat der Estate of Kippenberger nie mit mir gesprochen. Sie hätten wenigstens einmal auf mich zugehen können und mit mir sprechen, ganz offen", sagt Valien heute.

Dass er nur der "Handwerker" des Kippenberger Gemäldes sei, findet er grotesk. Es sei ein bisschen wie bei den Sherpas am Mount Everst. Der zahlende Kunde knipst oben sein Selfie, aber diejenigen, die ihm die Sachen hochgetragen haben, werden nirgends erwähnt. "Dabei haben die ja auch nur zwei Beine und sind da hochgegangen!", klagt Valien.

2010 beendet er die 1993 begonnene dritte Version der Paris Bar und zeigt sie zunächst Freunden und Bekannten. "Viele wollten sie kaufen, aber ich kann sie nicht verkaufen. Was wäre denn der Preis? Irgendwas zwischen 1000 Mark und 2,5 Millionen Euro, keine Ahnung.". Am liebsten wäre ihm, das Bild ginge nun auf eine Auktion und der Wert des Gemäldes würde dort bestimmt, sagt Valien.

Doch zunächst war gar nicht klar, ob das Haus am Lützowplatz diese dritte Version der Paris Bar ohne Rechtsstreit zeigen dürfe und fragte beim Estate of Kippenberger nach. Die haben der kommenden Ausstellung zunächst einmal zugestimmt, bezeichnen die dritte Version der Paris Bar aber als Reenactment, eine Kopie.

Der Estate schreibt dazu dem rbb: "Einen Auftrag zu wiederholen, der Anfang der neunziger Jahre von einem Künstler an die Firma Werner Werbung ging und den Herrn Valien lediglich ausgeführt hat, ist dann eben das, was es ist: Die Wiederholung der Ideen und Konzepte eines Anderen. Dass Herr Valien genau dieses Werk nochmal angefertigt hat, ist – zusammen mit dem Titel der Ausstellung "Lieber Maler" – zudem Beweis dafür, dass er die Bekanntheit von Martin Kippenberger öffentlichkeitswirksam für sich nutzt."

Götz Valien, Y a d’l’Un, 2010, Öl und Acryl auf Leinwand, 150 x 245 cm. (Quelle: Götz Valien)
Bild: Götz Valien

Götz Valien empfindet die Verweigerung seiner Urheberschaft und das Verhalten des Estate als symptomatisch für "unsere Zeit und den Neokapitalismus, den wir gerade erleben". Er fühle sich, "wie ein Gladiator. Ich stehe im Ring, um mich herum die ganze Menge, die dabei sind, wenn ich endgültig in die Knie gehe und vom Platz gejagt werde. Oder ob da jetzt noch etwas bei rauskommt."

Kommende Woche kann die dritte, bislang so gut wie unbekannte Version von Kippenbergers Paris Bar im Haus am Lützowplatz vom Publikum angeschaut werden. Der Kunstverein hat sich Schützenhilfe beim renommierten Spezialisten für Urheberrecht, dem Rechtsanwalt Peter Raue geholt. Das ausführliche Rechtsgutachten, das dem RBB vorliegt, hat es in sich. Raue bescheinigt nicht nur der dritten "Paris Bar"-Variante die Urheberschaft von Götz Valien.

Auch die ersten beiden Versionen bezeichnet er als genuine Werke Valiens. Valien habe eigenhändig ohne jegliche Mit- oder Einwirkung von Martin Kippenberger seine drei Paris Bar-Bilder-Variationen geschaffen, schreibt Raue. Damit sei er Alleinurheber aller drei Arbeiten. In einem Panel mit Peter Raue und möglicherweise auch dem Estate of Martin Kippenberger möchte der Kunstverein HaL die vertrackte Rechtslage der Paris Bar Bilder öffentlich besprechen. Ob der Streit um die Urheberschaft der drei Bilder schlussendlich juristisch geklärt werden kann, bleibt offen.

Sendung: Inforadio, 18.01.2022, 15:55 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

1 Kommentar

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  1. 1.

    Kippenberger?? NIE gehört. Dem Namen nach könnte es ein Kettenraucher sein....?

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