"Modular Organ System" im Silent Green - CTM-Festival startet mit lauter Pfeifen

Mi 19.01.22 | 13:04 Uhr | Von Jakob Bauer
Archivbild: <<Modular Organ System>>, Installationsansicht, La Vallée, Brüssel, 2021. (Quelle: ctm-festival.de/P. Sollmann)
Audio: Inforadio | 19.01.2022 | J. Bauer | Bild: ctm-festival.de/P. Sollmann

Das CTM ist eines der spannendsten Berliner Festivals für zeitgenössische Musik zwischen Club und Konzerthaus. Es eröffnet mit einer Installation der Musiker Phillip Sollmann und Konrad Sprenger. Jakob Bauer war bei den letzten Vorbereitungen dabei.

Phillip Sollmann und Konrad Sprenger sind im Stress. Seit dem Wochenende bauen sie ihre Installation "Modular Organ System" auf. Für den Auftakt des CTM-Festivals füllen sie die Betonhalle des Berliner Silent Green immer mehr und mehr mit Pfeifen. Orgelpfeifen genauer gesagt, in allen erdenklichen Formen, riesig und ganz klein, aus Pappmaché und aus Keramik, teils selbstgebaut, teils Reste eines 100 Jahre alten Instruments. "Das haben wir einem Heimorgelbauer abgekauft, der hatte in seinen Dachstuhl eine Orgel", erzählt Phillip Sollmann.

Archivbild: <<Modular Organ System>>, die Künstler Phillip Sollmann & Konrad Sprenger, beim DIVE Festival, Bochum, 2021. (Quelle: ctm-festival.de/D. Sadrwoski)
Bild: ctm-festival.de/D. Sadrowski

Komplett analog erzeugt

Das Erste, das man sieht, wenn man in die 800 Quadratmeter große Betonhalle kommt, ist eine neun Meter lange Glasfaserröhre – die längste Pfeife der Installation. Konrad Sprenger stellt sich an das dünnere Ende des langen Rohres und fuhrwerkt an einigen Apparaten herum. Luft strömt in das Rohr. Ein tiefes, waberndes Brummen erfüllt den Raum. "Das ist unser Grundton", erklärt Sollmann.

Zu diesem Ton mischen die beiden Musiker dann nach und nach immer mehr Pfeifen dazu. Und manchmal auch weniger, manchmal ist es ganz leise und abstrakt, manchmal überwältigend laut und komplex.

20 solche Pfeifen sind im Raum verteilt, alle funktionieren windbetrieben, der Ton entsteht also komplett analog. "Wenn wir bestimmte Pfeifen im Ton ändern wollen, dann müssen wir da hingehen und das mit der Hand verändern. Wir können den Motor aus- und anmachen, oder die Geschwindigkeit des Motors ändern, dadurch bekommt der Ton eine andere Höhe und einen anderen Klang. Das heißt, wir laufen permanent durch den Raum."

Die Königin der Instrumente – zerlegt in ihre Einzelpfeifen

Für Phillip Sollmann, der als unter dem Namen Efdemin seit Anfang der 2000er auch eine feste Größe im deutschen Minimal-Techno ist, ist diese analoge Klangerzeugung spannend. "Ich habe jahrelang als DJ in Clubs auf wahnsinnig großen und lauten Anlagen gespielt und finde es unglaublich toll und auf eine erstaunliche Weise sehr anders, wie sich der Klang im Raum entwickelt und artikuliert, wenn er nicht aus dem Lautsprecher kommt."

Die Idee der beiden ist es, das Instrument Orgel zum einen zu zerpflücken und es zum anderen neu wahrnehmbar zu machen, akustisch und visuell. "Normalerweise fristet die Orgel ihr Dasein irgendwo hinten in einer Ecke auf der Empore. Wir bringen sie jetzt direkt hinein in den Raum. Trotzdem ist die Orgel bei uns nicht mehr die Königin der Instrumente, sondern es sind einfach kleine und große Pfeifen, bei denen aber noch eine Orgeltechnik dahintersteht."

"Zustände" statt Kompositionen

Zwei Wochen, fast täglich, jeweils sechs Stunden lang hat die Installation geöffnet. Jeder Tag klingt anders, es gibt musikalische Gäste, einen Gitarristen, eine elektronische Musikerin, einen Perkussionisten, die alle gemeinsam mit Sollmann und Sprenger am Gesamtklang arbeiten.

Eine feste Komposition gibt es nicht. Alles ist mehr oder weniger improvisiert, die beiden haben bislang einzig "Zustände" vorbereitet, wie sie es nennen: einzelne rhythmische Abfolgen, laute Elemente, leise Elemente, ein Rauschen oder Singen. Zusammengesetzt wird dann alles live mit den Gästen – und den Zuschauern.

Die können und sollen sich frei durch den Raum bewegen, nichts ist vorgegeben. "Wenn man sich frei im Raum bewegt", sagt Konrad Sprenger, "dann erschafft man die Komposition aufgrund seiner Bewegung selbst im Kopf. Die Geschwindigkeit, wie man läuft, wo man den Kopf hindreht, das sind alles Aspekte, die das Hörerlebnis beeinflussen und so eine Komposition im Kopf erschaffen."

Auch fürs Auge sind die Eindrücke stark: Manche der Tröten haben allein schon durch das bloße Herumliegen eine physische Wucht, wie geradewegs der Bibel entsprungen, eine der sieben Posaunen der Apokalypse. Andere Pfeifen schauen aus wie Tabak-Pfeifen. Daneben matt schimmernde Orgelpfeifen, die tatsächlich mal in einer Kirche standen. "Was wir machen, hat mit Musik eigentlich nichts mehr zu tun", sagt Phillip Sollmann, "sondern ist eher eine Art Klang-Angebot, durch das man sich bewegen kann - und das wird dann spannend", sagt er - und fügt lachend hinzu, "oder auch langweilig. Das muss jeder selber wissen".

Zusatzinfo: Teil 1 des CTM-Festivals (19. – 6. Februar, mit Fokus auf Ausstellungen und Installation), Teil 2 findet im Mai statt (mit Fokus auf Clubnächte)

Modular Organ System findet statt vom 19.01. – 30.01. in der Betonhalle des Silent Green (Zeitfenster buchbar auf der Homepage des CTM Festivals)

Beitrag von Jakob Bauer

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