31. Tanztage in Berlin - Kommt, wir tanzen durch die Krise!

Do 06.01.22 | 06:14 Uhr | Von Anna Pataczek
Tanztage Berlin 2022: Time of the Angel von Enad Marouf (Quelle: SOPHIENSÆLE/Omar Zaki)
SOPHIENSÆLE/Omar Zaki
Audio: Inforadio | 06.01.2022 | Anna Pataczek | Bild: SOPHIENSÆLE/Omar Zaki

Wer sich einen Überblick über den Nachwuchs der freien Berliner Tanzszene verschaffen will, der bekommt jetzt bei den Tanztagen in den Sophiensälen die Gelegenheit. Der junge polnische Festivalleiter findet: Tanz kann auch politisch sein. Von Anna Pataczek

Eine hochgewachsene, androgyne Tänzerin stakst mit kaum mehr bekleidet als einem Korsett und baumelnden Strapsen über die Bühne. Ihr Schritt ist sicher, obwohl sie auf Absätzen mit zentimeterlangen, aggressiv wirkenden Stahlspitzen geht. Spitzentanz mal anders.

Für ihr Stück "Debris in a Skin-tight Corset" (zu sehen am 6. und 7. Januar) nimmt sich die in Berlin lebende dänische Performerin Cassie Augusta Jørgensen die Ursprünge des Balletts vor, ein höfisches Spektakel am französischen Königshaus im frühen 17. Jahrhundert. Der klassische Tanz ist hier als eine Metapher für verschiedene Formen von Ausgrenzung in der Gesellschaft zu verstehen, hat das Ballett doch mit seinem strengen Körper- und Schönheitsideal und seinem bis heute oft elitären Anspruch besonders harte Spielregeln.

Programm der "Tanztage"

Festivalleiter will allgemeines Körpergefühl stärken

Die Performance ist eines von drei Duetten, die den Anfang der 31. Ausgabe der Berliner Tanztage machen und den Rahmen feststecken: Tanz, das ist bei den Berliner Tanztagen eine Art Widerstand gegen gesellschaftliche Missstände. Es geht um die Zukunft des Zusammenlebens, um Machtverhältnisse und Empowerment, den Klimawandel. Die großen Probleme dieser Zeit. Und um die heilende Kraft des Tanzes - von der aber nicht nur die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne profitieren sollen.

Festivalleiter Mateusz Szymanówka ist überzeugt davon, dass die Tanzszene bei ihrer täglichen Probenarbeit, in Workshops und Recherchen eine Art ganzheitliches Körperwissen erarbeitet hat, das allen helfen kann. "Wir leben im Spätkapitalismus", sagt der 1988 geborene Tanz- und Performancekurator der Sophiensäle. "Wir sind entfremdet von unseren Körpern. Wir haben keine Ahnung, wie wir uns fühlen, wie wir uns miteinander fühlen." Klingt gefühlig, ist aber politisch gemeint. "Wenn wir eins mit unserem Körper sind, dann können wir kritisch denken und handeln." Inwieweit sich das von der Bühne auf das Publikum überträgt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Die Pandemie hat den Tanz verändert

Bis zum 22. Januar laufen die Tanztage, mit in Berlin lebenden Tanzschaffenden aus aller Welt. Nach einer reinen Online-Ausgabe im vergangenen Jahr findet nun wieder Vieles vor Publikum statt, es gibt aber auch wieder Internet-Angebote. Einiges wird nachgeholt, was 2021 pandemie-bedingt ausfallen musste. Mateusz Szymanówka gelingt damit Kontinuität, programmlich wie inhaltlich.

Schon die vergangene, seine erste Ausgabe, widmete sich Zukunftsfragen der Gesellschaft und der möglicherweise utopischen Frage, wie ein harmonisches Miteinander gelingen kann. Die eingeladenen Produktionen sind alle in den vergangenen 18 Monaten entstanden. Corona spielt keine Rolle - wenn auch der Blick auf den Tanz durch die neuen Erfahrungen der vergangenen Zeit ein anderer geworden ist, findet der studierte Kultur-, Theater- und Tanzwissenschaftler: "Allein das Bild zweier Körper im Raum, die sich nah beieinander bewegen, ist jetzt ganz anders aufgeladen." Nur ein Pandemie-Stück findet sich im Programm: Die Video-Installation "Time of the Angel" von Enad Marouf (19. bis 22. Januar im Foyer) thematisiert allerdings nicht Covid-19, sondern den Ausbruch von Aids in den 1980er Jahren.

Tanznachwuchs lebt weiterhin prekär

Corona-Hilfen des Bundes und des Landes sind auch in die Berliner Tanzszene geflossen. Viele haben davon profitiert, aber nicht alle. Gerade der Tanznachwuchs lebe weiterhin prekär, sagt Mateusz Szymanówka. Das habe auch damit zu tun, dass es für viele Förderanträge Bedingung sei, bereits Projekte vorweisen zu können. Umso mehr freut er sich, dass das Festival in diesem Jahr nun endlich mit Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sophiensälen stattfinden, die Tanzschaffenden auf die Bühne kommen können. "Das werden wir richtig zelebrieren", freut sich der künstlerische Leiter der Tanztage.

"Im Gegensatz zur Strategie der Milliardäre des 21. Jahrhunderts, die Erde in einer Rakete zu verlassen oder sich in ein virtuelles Paralleluniversum zu flüchten, entscheidet sich das Festival stattdessen dafür, bei den Problemen zu bleiben und das gemeinsame Tanzen durch die Krise und gegen die Verzweiflung zu feiern." So heißt es in der Ankündigung auf der Internetseite der Sophiensäle. Da steckt viel Hoffnung drin.

Sendung: Inforadio, 6. Januar 2022, 15:55 Uhr

Beitrag von Anna Pataczek

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