Theaterkritik | "It's Britney, Bitch" am Berliner Ensemble - Pop-Ikone als Metapher

Sa 08.01.22 | 10:43 Uhr | Von Oliver Kranz
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BERLINER ENSEMBLE: <<It's Britney, Bitch!>> von Lena Brasch und Sina Martens, Regie: Lena Brasch. (Quelle: berlinerensemble.de/S. Mertens)
Audio: Inforadio | 08.01.2022 | O. Kranz | Bild: berlinerensemble.de/S. Mertens

Erst war Britney Spears die "Princess of Pop", dann machte sie vor allem durch Skandale von sich reden. Bis 2021 stand sie unter der Vormundschaft ihres Vaters. Nun wird sie in Berlin zu einer Theaterfigur -mit gemischtem Erfolg. Von Oliver Kranz

Sina Martens trägt eine Britney-Spears-Perücke und spricht Britney-Spears-Texte, doch sie versucht nicht Britney Spears zu sein. Die Pop-Ikone ist in der Aufführung am Berliner Ensemble in erster Linie eine Metapher. Sie steht für Frauen, die in der Gesellschaft nicht als gleichwertig empfunden werden - nicht mal als drogensüchtige Popstars.

"Ich hab Janis Joplin gegoogelt", ruft die Darstellerin, "und eine Seite gefunden, die mir in acht Songs erklärt, dass Janis Joplin an Melancholie gestorben ist. Nee, die ist an Heroin gestorben." Und das sei wichtig, denn der Drogentod, so schlimm er auch sei, sei die Folge einer aktiven Handlung.

Spears als Opfer ihrer Leidenschaften?

Traditionell würden Frauen eher passiv gesehen, sagt Martens weiter. Selbst Britney Spears mit ihren frühen Exzessen habe als Opfer ihrer Leidenschaften gegolten. Als sie sich ihre Haare abschnitt, wurde sie unter Vormundschaft gestellt.

Die Inszenierung erklärt das Haareabschneiden zu einer Geste der Emanzipation: "Auch ich wäre leichter zu besetzen ohne dieses ganze Haar", sagt Sina Martens. "Ich wäre auch leichter zu besetzen, wenn ich eine tiefe Stimme und einen Penis hätte." Das alte Theaterproblem: Es gibt weniger Rollen für Frauen als für Männer. Dass das nur für klassische Stücke gilt und auch dort nur, wenn die Rollen geschlechterkonform besetzt werden, wird in der Inszenierung allerdings nicht erwähnt.

BERLINER ENSEMBLE: <<It's Britney, Bitch!>> von Lena Brasch und Sina Martens, Regie: Lena Brasch. (Quelle: berlinerensemble.de/S. Mertens)
Bild: berlinerensemble.de/S. Mertens

Die Texte haben die Regisseurin Lena Brasch und drei weitere Autorinnen geschrieben, alles Monologe, die sich im weitesten Sinn mit Emanzipation beschäftigen - im Theater und im Showgeschäft, in Deutschland und in den USA. Das Spektrum ist so breit, dass die Aussagen unscharf werden. Trotzdem macht das Zusehen Spaß.

Sina Martens ist eine Vollblutschauspielerin, die immer wieder die Sprechhaltungen und die Kostüme wechselt. Irgendwann reißt sie sich die Britney-Perücke vom Kopf und steht mit einer künstlichen Glatze da. Sie zerrupft die Dekoration, in der sie gerade noch aufgetreten ist, und wirft die Glitzervorhänge in den Staub.

Songs von Spears als düstere Balladen

Immer wieder sind Britney-Spears-Songs zu hören - doch so, dass man sie nicht wiedererkennt. Die Komponistin Friedrike Bernhard hat sie zu düsteren Balladen umgeschrieben, die von Sina Martens auf verschiedene Arten interpretiert werden - mal laut, mal leise, mal kraftvoll, mal mit brüchiger Stimme. Kurz vorm Schluss tritt sie hinter einen Scheinwerfer und spricht einen Text von Britneys Vater: "Klagen kannst du gut. Du weißt um die Kraft der Bilder und wirfst schwere Worte hinterher…"

So poetisch die Klage auch klingt - Jamie Spears hat seine Tochter als Vormund ausgebeutet. Daran lässt die Inszenierung keinen Zweifel. Er hat sie gegen ihren Willen auf Tournee geschickt und medizinische Behandlungen durchgesetzt, die sie nicht wollte. Dass das zulässig war, wirft kein gutes Licht aufs amerikanische Rechtssystem.

Doch dann dröhnt ein Original-Song von Britney Spears aus den Boxen und fegt die düstere Stimmung von der Bühne. "Oops, I Did It Again" ist zu hören. Sina Martens im roten Latex-Catsuit tanzt ein Musikvideo aus der unbeschwerten Zeit vor der Vormundschaft nach. Nach den Botschaften, die die Inszenierung davor vermittelte, wirkt das fast unverantwortlich optimistisch.

Sendung: Kulturradio, 08.01.2022, 6 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

3 Kommentare

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  1. 3.

    Vielleicht sollte nicht unbedingt ein Mann die Kritik an einem feministischen Theaterstück ausüben?

  2. 2.

    Ihre Musik war doch gut und ist auch heute noch ordentlich. Dass das Mädel irgendwann an ihr Limit kommt war klar. Sie wurde schon als kleines Mädchen auf Erfolg gedrillt und konnte ihre Kindheit und Jugend gar nicht normal erleben. Ich finde sie jedenfalls sehr sympathisch und talentiert. Zum Glück hat sie nun auch endlich ihre Freiheit zurück.

  3. 1.

    "Erst war Britney Spears die "Princess of Pop", dann machte sie vor allem durch Skandale von sich reden"

    - die neuen Tracks sind immer noch gut, 100x besser als deutsche Musik
    - Skandale "machen" immer noch die Medien

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