Wartburg, Simson, Erika - DDR-Produktdesigner Karl Clauss Dietel gestorben

Mo 03.01.22 | 21:09 Uhr
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Formgestalter Karl Clauss Dietel im Juni 2021 in Chemnitz (Bild: dpa/Hendrik Schmidt)
Bild: dpa/Hendrick Schmidt

Er schenkte der Simson-S50 die Rundungen und gab den Schreibmaschinen von Erika optisch den richtigen Schliff: Produktdesigner Karl Clauss Dietel war maßgeblich an der Formensprache der DDR beteiligt. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Vom Moped über Radios und Schreibmaschinen bis hin zum Strickautomaten: Karl Clauss Dietel hat als Designer vielen Produkten in der DDR ihr Aussehen gegeben. Mit dem Begriff Designer freilich konnte er wenig anfangen. Er sah sich vielmehr als Gestalter.

Sein Renommee hatte dabei weit über das Ende der DDR hinaus Bestand: 2014 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Keinem anderen ostdeutschen Gestalter wurde vor ihm diese Ehre zuteil.

"Ich betrachte das als Würdigung für die Arbeit vieler Kollegen im Osten", hatte er damals erklärt. Am 2. Januar ist er nach Angaben seiner Familie überraschend zu Hause gestorben. Er wurde 87 Jahre alt.

Zum Produktgestalter auf Umwegen

Dietel hat Dinge gestaltet, die jeder Ostdeutsche aus der Zeit vor 1990 kennt und von denen etliche bis heute eine treue Fangemeinde haben. So war er am Entwurf des Wartburg 353 beteiligt, konzipierte das Moped S50, Erika-Schreibmaschinen und das Motorrad ETZ 150 der Motorradwerke Zschopau. Ebenso arbeitete er an Entwürfen für ein Nachfolgemodell des Trabant 601 und ein Kleinwagenmodell DRX.

Kraftfahrzeuge hatten es ihm besonders angetan. Schon in seiner Diplomarbeit entwarf er einen Mittelklassewagen. Doch viele dieser für die damalige Zeit richtungsweisenden und ambitionierten Entwürfe gingen in der DDR-Planwirtschaft nie in Serie. Manchem galt er deswegen auch als "tragischer Held" des DDR-Automobilbaus. Zahlreiche seiner Entwürfe entstanden in Zusammenarbeit mit Lutz Rudolph (1936-2011). Beide gelten als kongeniale Partner.

Zum Produktgestalter wurde Dietel auf Umwegen. Zunächst lernte er Maschinenschlosser und ging nach der Lehre an die Ingenieurschule für Kraftfahrzeugbau in Zwickau. Später studierte er an der Kunsthochschule in Berlin. Auch als Hochschullehrer und Funktionär im Verband Bildender Künstler machte er sich einen Namen. Von 1988 bis 1990 war er dessen Präsident.

Klassiker des DDR-Designs von Karl Clauss Dietel

Geleitet von den "fünf L"

Er habe sich oft von der Natur inspirieren lassen, hatte Dietel einmal erklärt: "Jede Blüte ist eine Faszination." Charakteristisch für seine Entwürfe ist das "offene Prinzip". Dabei bilden die einzelnen Elemente klar getrennte Einheiten. Das hatte nebenbei den Vorteil, dass Nutzer mit wenig Aufwand technische Veränderungen und Reparaturen vornehmen konnten, wie es sich etwa bei den bis heute beliebten Simson-Mopeds zeigt. Gerade bei Tüftlern stehen sie deswegen noch immer hoch im Kurs. Weitere Leitlinien seiner Gestaltung hat Dietel in den "fünf L" zusammengefasst: langlebig, leicht, lütt (klein), lebensfreundlich und leise.

"Wir haben einen der großen und prägenden deutschen Formgestalter und Designer verloren", erklärte der Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz, Frédéric Bußmann. Sein Haus beherbergt einen mehr als 8.000 Positionen umfassenden Vorlass Dietels und hatte voriges Jahr in der Ausstellung "simson, diamant, erika" Einblick in sein umfangreiches Schaffen gegeben.

Dietel habe nicht nur deutsche Designgeschichte geschrieben, "sondern auch den Alltag vieler Menschen im Osten Deutschlands ästhetisch verfeinert und praktisch bereichert", betonte Bußmann. Dabei habe er sich der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen verschrieben und sei als Vorreiter einer ökologischen Formgestaltung zu verstehen.

Sendung: Inforadio, 3.1.2022, 21 Uhr

20 Kommentare

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  1. 20.

    Wo Sie den Trabant ansprechen, fällt mir dazu nur der groteske Hype um dieses Fahrzeug ein, nahezu im Nachhinein zum Kultobjekt avanciert. Dabei war es eben nur Ausdruck der Unfähigkeit, etwas Zeitgemäßeres zu bauen. Mit dabei eine Rolle gespielt haben dürfte, dass RGW-seitig versucht wurde, die Kfz-Produktion bei Tatra in Prag anzusiedeln und der Mantel der Partei weit genug gesteckt war, genau das zumindest zu blockieren.

    Damit will ich nichts über die Richtigkeit einer solchen Entscheidung aussagen und maße mir als Außenstehender dies auch garnicht an. Nur wird im Nachhinein Vieles gradliniger gemacht, was es so offenkundig nicht war. Auch der Tatra KT 4 D-Straßenbahnzug war vom Prototyp her moderner als dasjenige, was denn in Serie ging.

  2. 19.

    Ihre Antwort überrascht mich nicht nach Ihren vorherigen Einlassungen. Es wäre nur schön, wenn Sie beim Wiedergeben meines Kommentars auf verfälschendes Vokabular verzichten würden. Sicherlich hätte Herr Dietel in einem geeigneten Umfeld viel mehr verwirklichen können, aber so war es eben nicht. Stattdessen war er als SED-Mitglied und Funktionsträger Teil des staatlichen Systems der DDR, auch wenn er das vielleicht nur bedingt freiwillig war. Gleichzeitig war er Opfer dieses unbeweglichen Systems, in dem er für den hoffnungslos veralteten Trabant ein ums andere Mal machbare Entwürfe vorlegte, die alle vom Apparat verworfen wurden. Ich bestreite keinesfalls die Fähigkeiten Dietels, sehr wohl aber die Fähigkeiten der Zwangswirtschaft der DDR. Es ist wohl kein Zufall, dass die von Dietel innovativ gestalteten und technisch hochwertigen Rundfunkgeräte RK5 Sensit von einem halbprivaten Unternehmen entwickelt wurden und dass dieses Unternehmen später von einem Staatsbetrieb geschluckt wurde.

  3. 18.

    Q.e.d.: Ein höchst fähiger Gestalter wird auf das System reduziert, in dem er gearbeitet hat. Ihm wird zum Vorwurf gemacht, dass es dort systembedingt weniger Konkurrenz gab. Ihm wird zum Vorwurf gemacht, dass höherwertige Produktionsmittel durch die Bonzenklasse zur Devisenbeschaffung missbraucht wurden. - Das ist keine sachliche Betrachtung, das ist undifferenzierte Geschichtsverbiegung, die respektlos gegenüber so vielen Menschen ist. Und ein Hauptgrund, warum Deutschland noch immer gespalten ist.

  4. 17.

    Danke für die recht nüchterne Betrachtung. Die fehlt in den Zeiten aufwallender Gegensätze.

  5. 16.

    Mir wird hier langsam schwindelig. Ich habe hinreichende Erfahrung mit der DDR und Ostprodukten. Aber wenn sich hier vor lauter Ostalgie dazu verstiegen wird, Produktqualität und Design sei im Osten besser gewesen, dann erinnert mich das an die Realitätsumkehr der Verquerdenker. Sicherlich waren manche Produkte auf Robustheit ausgelegt (keineswegs alle), dabei waren sie aber technisch meist primitiv und das Design (böser Anglizismus) hausbacken. Und falls sie doch mal "Weltniveau" hatten, waren sie nicht verfügbar oder unerschwinglich. Die Qualität eines Produkts hängt von vielen Faktoren ab, und insgesamt waren die meisten Ostprodukte, die in der DDR erhältlich waren, im Westen mehr oder weniger unverkäuflich. Anders sah es bei Produkten aus, die ausschließlich für den Westen hergestellt wurden, dort das Billigsegment darstellten und für DDR-Bewohner absolut unerreichbar waren.

  6. 15.

    Berufsbezeichnungen werden idR von Leuten verändert, die mehr "Schein als Sein" bevorzugen und mehr suggerieren als dahintersteckt. Gute Leute erlangen oft nach dem Tod so hohe Bedeutung, dass es schade ist, dies nicht selbst erlebt zu haben. Aber eine Geldanlage in Objekte mit zunehmenden Kultstatus, ist ja auch eine Form der Würdigung ;-)...

  7. 14.

    An "Avengers" Aussage ist lediglich zu erkennen, dass dieser jemand nicht mal ansatzweise Ahnung hat, von was er da plappert, geschweige denn überhaupt mal Produkte aus der DDR benutzt hat. Wollte wahrscheinlich nur etwas Ossi-Gebashe unters Volk mischen.

  8. 13.

    Das es gesagt wurde, das war richtig, weil dieser Mann vieles Entworfen hat, aber die Umsetzung hing alleinig von den Willen der Regierung ab,
    In einem freien Land, können Produkt - Entwürfe beliebig umgesetzt werden, natürlich muss man sich um die Finanzierung selbst kümmern.

  9. 12.

    Gestern Abend gesehen. Da war er wieder der Wink mit dem Zaunpfahl. Natürlich musste es gesagt werden, dass er in der DDR nicht alle seine Projekte verwirklichen konnte. Das trifft auf alle Designer zu oder meinen Sie die konnten all ihre Projekte umsetzen?

  10. 11.

    Die ungleiche Bezeichnung: Botschaft / Ständige Vertretung, DDR / Deutschland, Made in GDR, Made in Germany, Auslandsreisen von Magedeburg nach Köln, aber Inlandsreisen von Bremen nach Leipzig, war Legende. Die DDR, die in den 1970er Jahren bei der Deutschen Bundesbahn am Auslandsschalter buchbar war, wurde in diesem Sinne mit eigenem Signet versehen, um sie vom (übrigen) Ausland zu trennen.

    Die Vergangenheit war in diesem Sinne fast schon schizophren und erscheint bis heute ungelöst - in den Köpfen auf beiden Seiten.



  11. 10.

    "DDR" ist nun mal kein Qualitätsmerkmal. Kommen Sie mal langsam drüber hinweg, Zeit wird es.

    Also produktiver und langlebiger haben wir unsere Produkte im Osten schon gehabt.
    Es war definitiv mehr Qualität als im Westen.

  12. 9.

    Er ist von uns gegangen und es wird mit Sicherheit eine Weile dauern bis Made in BRD wieder einen solchen Produktdesigner hervorbringt, egal ob Ost-, Nord-, Süd- oder Westdeutschland.

  13. 8.

    Es mag ja daran liegen, dass die Produktvielfalt und damit auch die gestalterische Vielfalt im Arbeiter- und Bauernstaat nicht besonders ausgeprägt war. Damit assoziiert man jedes der hier gezeigten Produkte sofort mit der ehemaligen DDR, und meinem westlich geprägten Geschmack sagt keines besonders zu. Was zugegeben vielleicht einfach auch an meinen gespeicherten Bildern vom Mauerstaat DDR liegt, in denen diese Produkte allgegenwärtig waren und sozusagen zur Bühnenausstattung gehörten, genau wie der Braunkohlegeruch. Der von Herrn Dietel gestaltete Wartburg wirkte zur Zeit seines Erscheinens durchaus moderner als viele westliche Konkurrenten. Aber traf er auch den Zeitgeist? Das DDR-Design musste sich jedenfalls keiner Abstimmung durch die Kundschaft stellen, weil die ja ohnehin kaufen musste, was da war. Und wenn die Lieferung des bestellten Autos eine Generation später erfolgt, erübrigen sich wohl alle Fragen nach der Bedeutung des Designs für die Kaufentscheidung.

  14. 7.

    Es mag ja daran liegen, dass die Produktvielfalt und damit auch die gestalterische Vielfalt im Arbeiter- und Bauernstaat nicht besonders ausgeprägt war. Damit assoziiert man jedes der hier gezeigten Produkte sofort mit der ehemaligen DDR, und meinem westlich geprägten Geschmack sagt keines besonders zu. Was zugegeben vielleicht einfach auch an meinen gespeicherten Bildern vom Mauerstaat DDR liegt, in denen diese Produkte allgegenwärtig waren und sozusagen zur Bühnenausstattung gehörten, genau wie der Braunkohlegeruch. Der von Herrn Dietel gestaltete Wartburg wirkte zur Zeit seines Erscheinens durchaus moderner als viele westliche Konkurrenten. Aber traf er auch den Zeitgeist? Das DDR-Design musste sich jedenfalls keiner Abstimmung durch die Kundschaft stellen, weil die ja ohnehin kaufen musste, was da war. Und wenn die Lieferung des bestellten Autos eine Generation später erfolgt, erübrigen sich wohl alle Fragen nach der Bedeutung des Designs für die Kaufentscheidung.

  15. 6.

    Äh, worüber soll ich jetzt hinwegkommen?? Dass Dietel offenbar ein exzellenter Designer war? Dass er, wie viele andere Menschen in der DDR, Großes geleistet hat? Warum sollte ich das ignorieren? Weil Differenzieren vielen zu kompliziert ist? Und sie deshalb auch nicht Integrieren können? Leider nicht nur in der Mathematik ein Problem... - "Made in GDR" war bekanntermaßen manchen BRD-Handelshäusern durchaus ausreichendes Qualitätsmerkmal, um jahrzehntelang uns Wessis mit DDR-Exportware zu versorgen - passender Weise z.B. unter dem Label 'Privileg'.

  16. 5.

    Stimmt: Made in China ist natürlich viel besser…
    Merken Sie selber, oder???

  17. 4.

    "DDR" ist nun mal kein Qualitätsmerkmal. Kommen Sie mal langsam drüber hinweg, Zeit wird es.

  18. 3.

    Leider ist eine Clauss Diettel gewidmete Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz, zum 3. Oktober, 2021, beendet worden.
    Da er seinen schöpferischen Nachlass noch rechtzeitig dem Museum vermachte, sind zukünftig hoffentlich einige weitere kuratierte Einblicke in sein kreatives Schaffen zu erwarten.

    https://www.mz.de/kultur/museum-gibt-einblick-ins-oeuvre-von-clauss-dietel-3194412

  19. 2.

    Was genau, liebe* Redakteur*, hat Sie eigentlich dazu motiviert, bereits in der Überschrift so zu betonen, dass Herr Dietel ein "DDR-Designer" war? Wurde z.B. beim Tod von Luigi Colani 2019 auch vermerkt, dass er "BRD-Gestalter" war? Dietels Arbeiten sind extrem gelungen: Der Wartburg etwa wirkt bis heute nicht veraltet, und die Schönheit der Schwalbe beweist sich u.a. darin, dass ihre Form vor wenigen Jahren für einen erfolgreichen Elektroroller exakt (!) kopiert wurde. - Warum also scheint es im Jahre 2022 so wichtig, einen großen Künstlers zuallererst der DDR zuzuordnen? Man soll das ja nicht verschweigen; ganz im Gegenteil: Ist er doch ein weiteres Beispiel für die exzellenten und absolut ebenbürtigen Leistungen so vieler Menschen damals in der DDR. Aber diese Überbetonung seiner Staatsangehörigkeit fühlt sich für mich wiederum auch falsch an: Weil damit die objektiv große schöpferische Leistung in den Hintergrund zu treten droht -so als könne sie globalem Maßstäben nicht genügen.

  20. 1.

    Karl Clauss Dietel hätte sich sicherlich als Produktgestalter denn als Produktdesigner bezeichnet.
    Design klingt nach Überhelfen einer Form quasi von außen her, oft auch nach abstrakten Prinzipien; Gestaltung weiß eher um die Entwicklung von innen heraus.

    (Anm: Ich empfinde es zumindest als irritierend, wenn einem Teil von Bürgern (zu denen ich mich garnicht mal rechne) das Englische quasi übergeholfen wird. Der Pendelbus in Potsdam zwischen Wohngebiet Am Stern und Stern-Center in den 1990ern wurde als Shuttle bezeichnet, was dann genauso als Schuttel mit "u" gesprochen wurde, wie bei meinen Großeltern das neu eingeführte Baby mit "a" ausgesprochen daherkam.)

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