Hochhaus an der Weberwiese wird 70 - Drei Zimmer, Küche, Bad, Sozialismus

Mi 19.01.22 | 10:27 Uhr | Von Stefan Ruwoldt
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Haus an der Weberwiese © rbb
Haus an der Weberwiese

Seit 70 Jahren steht das erste Ostberliner Hochhaus. Mit Absicht wird hier nicht das Wort "Wolkenkratzer" verwendet. Und Erich Honecker kommt auch nur zwei Mal vor. Ein Hoch auf das Hochhaus an der Weberwiese! Von Stefan Ruwoldt

Das erste Hochhaus von Ostberlin steht wo? Richtig, in Ostberlin, wo es ostberlinerischer nicht sein könnte: gleich hinter der Karl-Marx-Allee, in der Marchlewskistraße. Hier gibt es Häuser, die fast genau so auch in Moskau stehen könnten, hier gibt es Hinweistafeln, dass die Straße einst zu Ehren des großartigen und unerreichten Josef Stalin benannt war, und hier gibt es ein (natürlich meist geschlossenes) Café Moskau.

Stalin, Moskau und Marx waren einst Garanten dafür, dass die lichte Zukunft auch den Ostberlinern winkt. Und zu dieser lichten Zukunft gehörte auch der Bau eines Hochhauses, eines sozialistischen natürlich. Hier steht das Hochhaus an der Weberwiese.

Kein Außenklo und keine zwei Hinterhöfe

Vor 70 Jahren war die Zeit anders. Wirklich. Die Berliner Häuser hatten eine Art Regelhöhe von rund 20 Metern, sie hatten immer einen Hinterhof, oft sogar zwei oder drei, ziemlich oft gab es nur Außenklos und niemals eine Zentralheizung. Die Zukunft aber sollte heller werden, eine schicke Küche haben, hohe und viele Zimmer und verrückte Reliefs mit Arbeiterinnen und Arbeitern drauf.

Solch ein Zukunftshaus wurde konzipiert, gebaut und bei gleich mehreren Feiern immer von einem ranghohen Funktionär bejubelt: Das Hochhaus an der Weberwiese feiert am 19. Januar 2022 seinen 70. Geburtstag. Halleluja Berlin!

Das Wort Hochhaus ist in diesem Fall ebenfalls sehr historisch zu betrachten, denn kaum jemand würde heute ein Haus mit acht Etagen, einem Parterre-Geschoss und einer Art Dachgeschoss als Hochhaus bezeichnen. Aber damals waren 30 Meter eine wahrhaft lichte Gebäudehöhe in Berlin. Und ein Haus, das eben endlich mal kein Nachbarhaus hatte, bedeutete Licht und Sonne. In Verbindung mit einem Müllschlucker war dieses Haus eine Art Vorläufer des Sputnik.

Eine Promenade in die Zukunft

Das Hochhaus an der Weberwiese war Teil der Pläne für die damalige Stalinallee. Für diese neue Promenade wurde Altes abgerissen, plattgemacht und großflächig neu gebaut. Klar war dabei die Ausstattung: modern und schmuckvoll, aber kein Prunk. Ungewöhnlich und darum für die Nachwelt besser zu würdigen, ist die Bauweise, denn dieses Haus ist ein gemauertes Hochhaus.

Die Geschichte der Entstehung gehört in die Zeit. Damals galten für die Ostberliner Funktionäre die sowjetischen Bauten als Schablonen oder vorbildhafte Muster für das neue Wohnen. Mehrere Architektengruppen legten 1950 Pläne vor, die nach ersten Kritiken und reichlich Streit um die baugestalterischen Einzelheiten umgesetzt wurden: Anlehnung an Karl Friedrich Schinkel als typisches Merkmal zukunftsorientierten und gleichzeitig regionalverankerten Bauens, aber mit klaren Anlehnungen an die Moskauer Bauten im Stile des heute so bezeichneten "sozialistischen Klassizismus".

Ansichtskarten von den Modellen oder eine Ausstellung vor Ort gleich neben dem Bauplatz machten die Leute neugierig und staunen. "Bau mit!" war die Losung des Nationalen Aufbauprogramms im Osten, zu dem auch die Stalinallee gehörte. Es gab eine Lotterie, in der Wohnungen in der Stalinallee verlost wurden. Der Bau des Hochhauses wurde eine Art Denkmal, eine Statur oder Wahrzeichen: fotografiert, gezeichnet, miniaturisiert nachgebaut, geschnitzt.

Die Idee der Gestaltung des Baus war natürlich ebenso wie überall Präsentation und Symbolik, und die Idee der Wohnungen war: Gleicher Standard für alle! In dem Hochhaus entstanden Wohnungen für die Familie, also nach damaligem Muster für Mutter, Vater und Kinder: drei Zimmer, Küche Bad.

Neuer Bau aus Trümmerziegeln

Beauftragt worden mit den Hochausplänen war eine Architektengruppe mit Hanns Hopp, Richard Paulick und Hermann Henselmann. Henselmann gilt dabei heute als der Schöpfer des Baus. Das Haus sollte eine Art Vorbild für die Gestaltung der Stalinallee sein: acht Geschosse mit einem zurückgebauten Dachgeschoss und einem Schauportal. Es gibt ein paar Türmchen, und Schmuckelemente.

Insgesamt entstanden in dem Bau 33 Wohnungen. Das Haus hatte Modell-Charakter und war darum auch umfassend modern ausgestattet mit Einbauschränken in den Wohnungen, Telefonanschlüssen für viele, Gasboilern für das heiße Wasser und Stein- oder Holzböden statt der sonst üblichen Dielen.

Immer wieder erwähnt wurde in Berichten die Nanotechnologie der 1950er: Müllschlucker auf den Etagen. Das Portal erhielt einen breiten Eingang und eine Treppe mit Säulen. Ein Sinnspruch des Dramatikers Bertolt Brecht adelte das Haus zum sozialistischen Wohntempel.

"Riese aus Stein an der Stalinallee"

In Texten über den Bau wurde nach Berichten aus der Zeit immer wieder ein Lied zitiert, dass bei den Feiern um Grundsteinlegung, Rohbauabschluss, Einzug und anderen Jubelanlässen dort gespielt wurde, später aber nicht mehr zu hören war: "Es wächst in Berlin, in Berlin an der Spree ein Riese aus Stein in der Stalinallee."

Die Höhe – natürlich - und die Ausstattung, die Umgebung mit Grün, die Würdigung mit eingemeißelten Worten eines Dichters und die Würdigung durch Medien und Institutionen, den späteren Nationalpreis-Auszeichnungen der Architekten, die Abbildung auf Briefmarken und Postkarten – all das waren alte und neue Instrumente der Ikonisierung des Hauses.

Verblasst, weil die Realität dem Vorbild hinterherhumpelte

Diese Ikone allerdings leuchtete nicht lange besonders hell. Schließlich blieb vieles - etwa die Ausstattung - eben nur eine Idee, die offenbar nicht für alle realisierbar war. In den 1980ern kam Honecker auch wieder bei den Bauarbeitern und Mietern vorbei, diesmal am Arkonaplatz, nun aber um bunt angestrichene Altfassaden und entkernte Hinterhöfe zu bejubeln, drei Jahrzehnte später also und immer noch kein Telefon für alle und keine Zentralheizung.

Genau in dieser Zeit fiel das Hochhaus an der Weberwiese schon nicht mehr auf - hinter den Stalinbauten der zur Karl-Marx-Allee umgenannten Magistrale und unweit der fast doppelt so hohen Neubauten am Ostbahnhof. Heute ist das Haus saniert als eine Kuriosität der Vergangenheit. Die Bewohner loben die hohen Decken, die großen Räume und die moderaten Mieten.

Propaganda-Projekt nennt der Berliner Mieterverein das Haus an der Weberwiese und ignoriert dabei vielleicht die Zeit, in der alle scharf darauf waren, dass etwas Neues kommt, das scheint und strahlt und den Leuten wohl tut. Fest steht: Sicher kann niemand sagen, welches dieser letzte Stein war, den Honecker am 19. Januar 1952 setzte. Stalin hat es nie hierher geschafft. Und ein Haus mit Müllschlucker kann kein Propaganda-Objekt sein.

Modellbau für die sozialistische Allee

Sendung:

Beitrag von Stefan Ruwoldt

20 Kommentare

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  1. 20.

    Es ist schade, dass Vieles an Gebautem fast ausschließlich mit der Lesart der heutigen Zeit betrachtet wird, kaum aber der Versuch unternommen wird, Bauten aus ihrer jeweiligen Zeit heraus zu verstehen. Selbstverständlich hat auch die zweitgenannte Perspektive ihre Grenzen, denke ich mal an wirkliche Propagandabauten u. an Ankündigungsbauten der Welthauptstadt Germania, bspw. das Reichsluftfahrtministerium.

    Die meisten Gebäude, die zu den jeweiligen Zeitperioden errichtet wurden, waren weit mehr Bauten IN der Zeit als Bauten DER jeweiligen Zeit. D. h. sie repräsentieren jeweils zeitgebundene architektonische Vorstellungen, das Maß an zusätzlicher Propaganda schwankt dabei zwischen 0 u. 100.

    Dass Bauwerke IN der jeweiligen Zeit waren, heißt allerdings nicht, sie vor jeglichem Umbau späterer Zeit zu schützen. Wäre das Autobahnkreuz der A 102 mit der A 106 auf dem Kreuzberger Oranienplatz jemals errichtet worden, wäre es berechtigterweise allererster Abrisskandidat.

  2. 19.

    Lügen Sie doch nicht so unverschämt! Herr Mattheis hat vollkommen recht - das Gegenteil ist historisch belegt.
    Auszug aus Wikipedia: "... Als die Reparationen 1953 für beendet erklärt wurden, hatte die SBZ/DDR die höchsten im 20. Jahrhundert bekanntgewordenen Reparationsleistungen erbracht. ..." Ausführlich nachzulesen hier:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Reparationen_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg#Siegerm%C3%A4chte
    Wie kann man nur glauben, mit solchen falschen Behauptungen durchzukommen?

  3. 18.

    In Ihrer Antwort haben Sie das Jahr 1953 zu grunde gelegt.
    Die BRD hat bis 1990 pauschal an Staaten, und auch an einzelne Opfer 71 Milliarden Euro gezahlt

  4. 17.

    Nur mal so nebenbei. Mit dem Ende der Reparationsleistungen in der DDR im Jahre 1953 hat der ehemalige SBZ/ DDR die höchsten Leistungen erbracht die im 20. Jahrhundert jemals als Reparationen (im Wert von99,1 Milliarden DM) geleistet wurden. Ganz im Gegensatz dazu hat die damalige BRD nur 2,1 Milliarden DM erbracht.

  5. 14.

    Alles in Ordnung? Ich denke die Bürger der DDR hatten dafür andere Laster zu tragen!

  6. 13.

    Die BRD hat Reparationen in DM in großen Höhen gezahlt, und die DDR ist mit Abbau von
    einigen Industrie-Restbeständen durch die UDSSR davongekommen, wobei vieles unbrauchbarn war.
    Ansonsten hätte sich die DDR ganz aus der Verantwortung gestohlen.

  7. 12.

    "Für diese neue Promenade wurde Altes abgerissen, plattgemacht und großflächig neu gebaut."
    Frage an den Autor des Beitrags/der Sendung Stefan Ruwoldt: Was soll diese Formulierung "... Altes abgerissen, plattgemacht ..."? Sehen Sie sich mal Archivfotos aus dem Jahr 1945 von der Frankfurter Allee an. Ruinen weit und breit, weil die Straße beim Luftangriff am 3. Februar 1945 fast komplett zerstört wurde! Da musste nichts mehr plattgemacht werden.
    https://berlingeschichte.de/bms/bmstxt01/0103prof.htm
    Und noch etwas stimmt nur zum Teil: Das Haus hätte auch in New York oder Paris stehen können, denn der Zuckerbäckerbaustil , auch Neoklassizismus genannt, wurde nicht in Moskau kreiert.
    Wikipedia: "... Anfang des 20. Jahrhunderts tritt der Neoklassizismus in vielen Ländern Europas und Amerikas zunächst unabhängig von der jeweiligen Staatsform in Erscheinung und erlangt so auch in vielen demokratisch regierten Ländern öffentliche Geltung. ..."

  8. 10.

    Wenn man ehrlich ist muss man zugeben, dass dieses Haus zwar irgendwie ein Hochhaus ist, vom Wolkenkratzer ist es allerdings meilenweit entfernt.

  9. 9.

    Sie haben recht, das Haus steht nicht direkt an der Karl-Marx-Allee, sondern in der ersten Häuserreihe dahinter, wie im Text beschrieben "hinter den beschriebenen Stalinbauten der zur Karl-Marx-Allee umgebauten Magistrale", in der Marchlewskistraße. Wir haben das im Text jetzt kenntlich gemacht, danke für den Hinweis!

  10. 8.

    Aus heutiger Sicht liegt das Haus angenehm unaufdringlich inmitten seines Umfelds. Ich mag es gerne und kann mir gut vorstellen, dass es sich dort im Milieuschutzgebiet angenehm wohnen lässt. Eine schöne Vorstellung, aus dem Haus heraus direkt auf die Weberwiese zu fallen, auf der es sich so angenehm in der Sonne aalen lässt.

    Bei dem erwähnten Lied scheint es sich wohl um "Die Spatzen vom Alex" zu handeln:
    https://lieder-aus-der-ddr.de/die-spatzen-vom-alex/
    (4. Strophe)

    Ein weiterer Liedtitel war mir bezüglich des Hauses noch in Erinnerung: "Was ist denn an der Weberwiese los?".
    Das gibt es hier zu hören, garniert mit schönen Bildern aus der Zeit des "Nationalen Aufbauprogramms Berlin 1952":
    https://www.youtube.com/watch?v=sHxD28mmoDg

  11. 7.

    Wenn ich solche Artikel lese , kann ich verstehen , warum viele die Zwangsgebühren nicht zahlen wollen .

  12. 6.

    Das Haus ist nicht an der Karl-Marx-Allee, sondern in der Marchlewskistraße.

  13. 5.

    Und im Westen gab es das "Hochhaus" am Insbrucker Platz!

  14. 4.

    als hätten die Alt - bundies nicht so etwas auch, wie Bauruinen gebaut Was war wohl 1950 wichtiger ein Dach über den Kopf und wenn man weiter resümiert, wer hat den wohl nach dem 2 Weltkrieg am meisten federn lassen müssen(Kriegsschulden), von wem wurde die Maschinen aus den Betrieben geholt. Und wer hat aber Mill. US Dollar, englische Pfund ( Marschall Plan ) abgegriffen und hat nie sich an den Kriegsschulden beteiligt. Richtig die alt BRD.

  15. 3.

    Das Ende des Artikels wirkt tatsächlich sehr verunglückt. Lang und breit erklärt der Autor zunächst, dass das Haus zum Zeitpunkt seiner Entstehung einem modernen Wohnstandard entsprach und dass der Bau damals medial ausgeschlachtet wurde.

    Aber am Ende war es dann doch kein Propagandaobjekt, nur weil es Stalin keinen Besuch wert war? Und der Mieterverein "ignoriert" mit dieser Bezeichnung die Umstände der damaligen "Zeit, in der alle scharf darauf waren, dass etwas Neues kommt, das scheint und strahlt und den Leuten wohl tut"? Es ist wohl eher der Autor, der die Zeitumstände ignoriert, wenn er (erst am Ende des Artikels) plötzlich die Ausstattung des Hauses doch nur aus der Gegenwartsperspektive betrachtet und als unmodern abqualifiziert.

  16. 2.

    „nicht für alle realisierbar war“ - was zwar Schade ist, aber gerade unter heutigen Bedingungen bestätigt wird: Es muss sich nicht jeder das Gleiche leisten können... Wäre auch ungerecht, angesichts äußerst unterschiedlicher Anstrengungen.
    Trotzdem, eine Würdigung ist mehr als angemessen und denjenigen, die meinen dies ist Propaganda, sei zugerufen: Bitte noch viel mehr Propaganda...davon, ...wenn die Menschen sich dort wohlfühlen, denn dafür macht man das doch...

  17. 1.

    Selbstverständlich kann ein Haus mit Müllschlucker ein Propagandaobjekt sein. Zumindest dann, wenn es als Symbol einer angeblich fortschrittlichen Gesellschaftsordnung herhalten muß. Wie geschehen.

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