Interview | Comediean Fil über Comedy und Corona - "Es ist wirklich schwierig für mich, im Altwerden etwas Gutes zu sehen"

Sa 08.01.22 | 18:08 Uhr
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Auftritt von Philip Tägert alias "Fil" (Quelle: imago images)
Audio: Inforadio | 05.01.2022 | Hans Ackermann | Bild: imago images

Philip Tägert alias Fil steht wieder auf der Bühne. Im Mehringhof-Theater wird der gebürtige Berliner Punk und Comedy präsentieren. Im rbb-Interview betrauert er sein Älterwerden - und sagt, warum es da nichts zu beschönigen gibt.

rbb|24: Fil, das neue Programm im Mehringhof-Theater ist mit "SchmerzHerbst" überschrieben - welche Schmerzen werden auf der Bühne verarbeitet ?

Fil: Der Titel bezieht sich auf eine Aussage des ehemaligen Gesundheitsministers Jens Spahn. Der hatte gesagt "Wir haben einen schmerzhaften Herbst vor uns". Das ist jetzt zwar nicht mehr aktuell und es ist auch nicht mehr Herbst - aber das Programm heißt trotzdem so.

Witze über Covid zu machen ist bestimmt nicht ganz einfach, da gibt es jede Menge Tabus und Grauzonen - wie lösen Sie das Problem ?

Ich löse das, indem ich einfach sage, was mir spontan dazu einfällt. Aber ich habe auch jede Menge alte Songs im Programm, weil ich eigentlich keinen Bock mehr auf das Thema habe. Ich kann schon dieses Wort nicht mehr hören und habe ganz viele neue Covid-Songs einfach wieder rausgeschmissen. Ich bin froh, wenn wir irgendwann mal wieder ein neues Thema haben werden.

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In Ihrem letzten Programm vor der Pandemie haben Sie ziemlich böse Lieder gesungen, wie "Triumph des Stillens", "Nazischweine" oder "E-Rolla". Eine wichtige Rolle scheint darüberhinaus aber auch das Thema Altwerden zu spielen - warum eigentlich ?

Das Älterwerden schleicht sich in alle Bereiche meines Lebens hinein und auch auf die Bühne. Meine Freundin sagt immer: "Hör' doch endlich auf, das immer zu erwähnen". Aber ich muss das machen, weil mir das so peinlich ist, dass ich schon so alt bin.

Aber Sie sind doch gar nicht alt, Sie sind doch erst Mitte 50.

Doch, ich bin alt. Und ich bin nicht gerne alt. Denn ich hole nicht viel raus aus dem Alter, ich bin nicht entspannt und gelassen, überhaupt nicht. Ich bin eher so ein "Rasen betreten verboten"-Alter, der durchdreht vor Wut. Obwohl ich alt bin, habe ich allerdings eine total junge Freundin und ein zweijähriges Kind - man kann sagen, ich lebe das Leben eines jungen Mannes, bin aber alt. (lacht) Ich hänge mit Leuten ab, die könnten meine Söhne sein. Auf dem Spielplatz muss ich herumklettern - und ich will es auch, aber ich kann es nicht mehr.

Diese Übertreibung könnte jetzt natürlich auch ein Stilmittel des Komikers Fil sein - aber Sie meinen das ernst, oder ?

Na ja, ich will die Leute nicht runterziehen und ich denke auch nicht die ganze Zeit darüber nach, aber das Älterwerden läuft am Ende doch auf nichts Gutes hinaus. Mir ist sehr bewusst, dass ich mich auf den Tod zu bewege. Das scheint mein Ziel zu sein - und das finde ich ziemlich bescheuert. Wozu lerne ich dann, besser Gitarre zu spielen, wozu soll ich überhaupt noch irgendwas machen? Es ist wirklich schwierig für mich, im Altwerden etwas Gutes zu sehen.

Zur Person

Philip Tägert alias Fil wurde 1966 in West-Berlin geboren. Aufgewachsen ist er im Märkischen Viertel. Bereits mit 14 Jahren veröffentlichte er seine ersten Comics und Zeichnungen im Berliner Stadtmagazin "zitty". Nachdem er eine Ausbildung zum Kunstmaler abbrach, konzentrierte sich Fil auf seine Arbeit als Zeichner. Bekannt wurde Fil vor allem durch seine "Didi & Stulle"-Comics, die von 1997 bis 2015 in der "zitty" erschienen.

SIe wurden 1966 in West-Berlin geboren, sind im Märkischen Viertel aufgewachsen und waren Punk in Kreuzberg. Woran merkt man diesen Einfluss bis heute in Ihren Shows?

Mir hat die Idee des Punk geholfen: dass du auf die Bühne gehen kannst - auch wenn du gar nichts kannst. Dass du das Recht hast, dein Zeug herauszugrölen, ohne technisches Know-how. Und so habe ich auch meine ersten Shows gemacht, habe gedacht, ich mache es so gut, wie ich es kann, aber ich mache mich nicht kaputt, damit die Leute lachen.

Sie spielen doch eigentlich ganz gut Gitarre?

Ja, aber früher habe ich wirklich sehr schlecht Gitarre gespielt. Da wurde dann immer geschrieben: "Fil, das ist der Typ, der eigentlich nichts kann - aber das kann er sehr gut." Und das hat mich irgendwann geärgert, weil ich dachte, so schlecht spiele ich auch wieder nicht. Und dann habe ich angefangen, Gitarrenunterricht zu nehmen, und jetzt werde ich immer besser.

Sie können aber immerhin Gitarre spielen und gleichzeitig singen oder reden - was ja gar nicht so einfach ist. Trotzdem soll es Leute geben, die nicht über Fil lachen. Stimmt das ?

Ich würde sagen, die meisten Leute lachen nicht über mich. In Berlin freuen sie sich und auch in anderen großen Städten mit Universität. Aber ich habe auch schon mal gespielt, da haben die Leute eine ganze Stunde lang keine Miene verzogen. Es ist wie mit dem Punk: Wenn eine Punk-Band irgendwo spielt, wo man keine Punk-Band will, dann funktioniert das einfach nicht.

Wo war es denn besonders schlimm ?

Ich habe früher viel in Hamburg gespielt und da auch mal zwei Jahre lang gewohnt. In Hamburg habe ich in den ersten Jahren nicht viel gerissen, da waren die Leute relativ reserviert. Irgendwann meinte dann aber einer nach dem Auftritt zu mir: "Das war ja richtig gut - obwohl es lustig war". Da habe ich gemerkt, die Hamburger schätzen diese plumpe Lustigkeit wohl nicht so.

Überhaupt nicht plump, sondern mit feinen Strichen haben Sie ja bis vor einigen Jahren die "Didi & Stulle"-Comics gezeichnet - was ist eigentlich mit diesen beiden Ur-Berlinern passiert, kommen die vielleicht doch noch mal wieder ?

Also, ich habe nicht endlos Energie. Für die Bühnen-Shows reicht es - und für mein Privatleben, wo ich ja auch noch die Kinder erziehen muss, auch halbwegs noch. Aber jetzt auch noch zeichnen: Das packe ich nicht.

Vielen Dank für das Gespräch !

Das Interview mit Fil führte Hans Ackermann.

Sendung: rbbKultur, 06.01.2022, 09:45 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Moin,
    also alt werden ist sicher keine Vergnügen. Aber wenn man das "jung sterben" verpasst hat, bleibt nichts anderes übrig, als weiterzumachen.
    Wirklich alt wird man auch nicht unbedingt körperlich, sondern weil man gewisse "Neuerungen" evtl. nicht braucht, oder will - da muss man als alter Sack aufpassen....

    Schön gesund bleiben - am Besten Beides.

    Grüße Ralf

  2. 6.

    Ich glaube, es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen dem rein biologischen Altern, dem Aufbau und Abfall körperlichen Vermögens und einer Reife, d. h. dem gewonnenen Abstand zu Dingen und Umständen. Zweitgenanntes enthebt der innerlichen Verpflichtung, quasi überall mitmischen zu müssen. Kür statt Verpflichtung kann dies ggf.
    genannt werden, gepaart mit dem Wissen, dass das aus freien Stücken heraus Getane zehnmal wirkungsvoller ist als dasjenige, was getan wird, um ggf. eine Gruppenzugehörigkeit nicht zu verlieren.

    Insofern kann mit zunehmendem Alter ab 50 sogar von einem Glück gesprochen werden.

  3. 5.

    Nein. Von Geburt an entwickelt man sich . Die Kurve ist ansteigend. Und das begrüßt man bis etwa 30. Dann geht die Kurve flach weiter bis etwa 50. Jetzt beginnt das Altern (was biologisch schon längst geschieht) für jeden fühl- und sichtbar zu werden. Die Kurve geht wieder zum Nullpunkt zurück. In dieser Situation wird sehr deutlich, was man vorher immer gut verdrängen konnte. Dieser Lebensabschnitt ist der mit der oft geringsten Lebensfreude.

  4. 4.

    Der Mann tut mir leid. Er kommt nicht mit dem Alter klar? Ohje. Man altert schon von Geburt an.

  5. 3.

    Forever young - für manche eine Parole der Verheißung, für mich auferlegtes Diktum eines Schrecklichen.

  6. 2.

    Mitte 50 und Alt? Alter Falter - die Sorgen will ich nicht haben. Aber er scheint ja in der "Mitte der Gesellschaft" angekommen zu sein ... " "Ich bin eher so ein "Rasen betreten verboten"-Alter, der durchdreht vor Wut." .
    "Das packe ich nicht." ... weiß man nie, wenn man es nicht probiert.

  7. 1.

    Lieber Fil, rein physisch darfst Du von mir aus auch gerne noch vieeel älter werden (als du oller Sack ja nu ohnehin schon bist), solang Du das Herz auch weiterhin am rechten (bzw. linken) Fleck behältst – woran ich aber auch nich den geringsten Zweifel hab. Also, in diesem Sinne: Auf die nächsten „Mitte Fuffzich“, ALTA … Rinjehaun!

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