Kontroverse um alte Stadthalle Falkensee - Abriss oder Sanierung? Das ist hier die Frage

Sa 29.01.22 | 10:48 Uhr | Von Claudia Baradoy
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Alte Stadthalle Falkensee, DDR-Architektur in Havelland (Quelle: rbb)
Video: Brandenburg aktuell | 29.01.2022 | Claudia Baradoy | Bild: rbb

Prägende DDR-Architektur wurde nach der Wende vielerorts abgerissen. Inzwischen wandelt sich der Blick auf die “Ostmoderne”. In Falkensee ist Streit um die alte Stadthalle entbrannt, den jetzt Brandenburgs Kulturministerin Schüle entscheiden muss. Von Claudia Baradoy

Sichtbeton, kupferfarbene Fensterfront, Glasbausteine: Gebaut wurde Falkensees alte Stadthalle in den siebziger und achtziger Jahren. Einst war sie Restaurant, Kulturhaus und Sporthalle zugleich. Heute sind die Fensterscheiben eingeschlagen, die Wände voller Graffitis. Im Rathaus war der Abriss und der Neubau eines Büro- und Geschäftshauses an dieser Stelle längst beschlossene Sache.

Die Stadtverordneten haben einen entsprechenden Beschluss gefasst, sagt Bürgermeister Heiko Müller. "Es geht nicht gegen das Gebäude, es geht um die Stadt und die Stadtentwicklung und was diese Stadt braucht, um ein Zentrum zu bekommen, das es ja bisher in dem Maße nicht gibt." Falkensee sei historisch ein Dorf und habe deshalb umso größere Probleme für die Bürgerschaft, das erwartete Zentrum überhaupt darzustellen, sagt Müller.

Auch deshalb hat Falkensee vor fünf Jahren an einem anderen Standort eine neue Stadthalle gebaut - groß, modern und besser geeignet für die wachsende Stadt. Viel Platz gibt es dort für den Schul- und Vereinssport und für Veranstaltungen.

Denkmalschutz rettete alte Stadthalle kurz vor dem Abriss

Über der alten Stadthalle schwebte fast schon die Abrissbirne. Buchstäblich im letzten Moent stellten sie Brandenburgs oberste Denkmalschützer im Herbst 2020 dann unter Schutz.

Eine Sanierung wäre sinnvoller als neu zu bauen - und identitätsstiftend, sagt die Denkmalschützerin Marie Mamerow: "In den vergangenen Jahren sind schon viele DDR-Gebäude abgerissen worden, und jetzt müssen wir eben eine Auswahl treffen von denen, die erhalten sind." Die Stadthalle Falkensee sei ein ganz wichtiger Vertreter der DDR-Kulturhäuser, sagt Mamerow: Sie sei nicht nur ein Schandfleck, sondern ein ungehobener Schatz.

Auch der Verein "Kunst- und Kulturforum Falkensee" sähe es gern, wenn die alte Stadthalle erhalten bliebe – als Raum für Kunst und Kultur in bester Lage. Die Stadthalle sei ein Stück Zeitgeschichte und obendrein auch noch von den Bürgern und Bürgerinnen der Stadt errichtet worden, sagt Vereinsmitglied Andreas Foidl. "Hier wurde wirklich Hand angelegt an diesen Ort, und das macht ihn so besonders." Mit der Abrissmentalität müsse endlich Schluss sein, so Foidl.

Kulturministerin Manja Schüle muss nun entscheiden

Ein Konzept für die Nutzung gibt es bereits: Der Verein wünscht sich ein Repair-Cafe, einen Co-Working-Space, will Künstler und Kreative ansiedeln und eine Kleinkunstbühne aufbauen. "Dann wäre es wieder ein Zentrum für die Stadt, ein Anlaufpunkt für Bürger und Künstler", so Foidl. Die Sanierungskosten für die Halle sollen nach Berechnungen des Vereins zwischen drei und vier Millionen Euro betragen. Und die Kosten für die künftigen Mieter wären dann mit rund sieben Euro durchaus erschwinglich, sagt die Vereinsvorsitzende Michaela Ibach.

Abriss- oder Erhalt? Weil die Stadt Falkensee und die Denkmalbehörde sich bisher nicht einigen konnten, wird in dem Streit nun Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle entscheiden.

Sendung: Antenne Brandneburg, 26.01.2022, 15:35 Uhr

Beitrag von Claudia Baradoy

18 Kommentare

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  1. 18.

    Dann würde ich aus der Ferne für den Erhalt und Rekonstruktion stimmen, solange es keine bessere Idee für das Grundstück gibt.
    Interessant wie die unterschiedlichen Aufgaben der Stadtentwicklung zu Problemen führen. Wir hier im äußersten Osten der Republik kämpfen seit dreißig Jahren mit Stadtumbau, was bislang praktisch nur Rückbau bedeutet. Erst seit einigen Jahren sieht man positive Veränderungen durch Neubau im Stadtbild aber auch noch viele Aufgaben. Sowas ist sehr schwer zu finanzieren und umzusetzen da es dabei kaum einen rückfliessenden Geldfluß gibt.
    Das Gegenteil im Speckgürtel, Wachstum das ja steigende Einnahmen ermöglicht und trotzdem hört man von vielen Problemen zumindest in der medialen Aufbereitung.

  2. 17.

    Falkensee soll eine gesichts- und geschichtslose Vorstadt werden! Abriss bayrischer Hof, Stutingvilla, alte Speichergebäude usw. Anderswo reißen sich Kunstinstitutionen um Gebäude im Stil des Brutalismus, hier wird das Tafel-Silber in Provinzmanier in die Tonne gekloppt. Es gibt übrigens schon ein sog. autofreies Zentrum hinter der Stadthallle, wird aber nicht angenommen!

  3. 16.

    @Matthias: Gibt dazu wohl keine realistischen Umfragen. Ich persönlich schätze, die Meinung ist gedrittelt zwischen Erhalt, Abriss und keiner Meinung.

    @Silberrücken: Nachweislich eines Sanierungsgutachtens gibt es keine Asbestbelastung. Sanierungskosten würden sich – hochgerechnet auf aktuelle Baukosten – auf ca. 3 bis 4 Mio. € belaufen, wobei die über 25 bis 30 Jahre mit den Mieteinnahmen verrechnet würden.

    @K. Kurze: Genau diese Vielfalt sieht das Konzept des Vereins vor – Ateliers, Coworking, Gastronomie, Vereinsräume, Café- und Leseräume.

  4. 15.

    So sehr ich den Erhalt der Zeitgeschichte im allgemeinen und die Nostalgie der engagierten Freunde der Halle lobenswert finde, bewerte ich den Erhalt dieses Bauwerks aus nicht planbaren Kostengründen genauso kritisch wie vor allem die aktuell angedachten Nutzungen (Büros oder Kultur). An diesem zentralsten Ort der Stadt geht aktuell aber aus meiner Sicht um Diversität, um die Belebung der Innenstadt, um innerstädtische Bedürfnisse wie Aufenthalt (gute Cafés usw.)und guter Einzelhandel. Ob in Form der sanierten alten Halle, falls bezahlbar, oder eines Neubaus, könnte und sollte dieser Ort zum einladenden Mittelpunkt der Stadt werden, der zum Verweilen und Flanieren einlädt. Weder ein Bürogebäude noch eine ausschließliche Nutzung durch die Kultur bieten ausreichend Diversität, finde ich.

  5. 14.

    Ach, Männer haben auch mitgebaut? Und warum wird das verschwiegen... von Herrn Foidl?

  6. 13.

    Diese Denkmalschutzdiskussion ist blanker Hohn. Nutzung dieser Ruine in der heutigen Zeit bedeutet erstmal grundlegende Sanierung. Auch energetisch! Da wird die ohnehin tolle Rauhputzostfassade sicherlich nicht mehr zu sehen sein und auch die Fensterfront fliegt raus! Was Vernünftiges mit ansprechender Gestaltung als Ersatz, alles Besser als diese Ruine noch 30 Jahre anzusehen.
    Aber der Platz direkt vor der Halle als Granitwüste, 500m weiter wird ein braungrauer Betonklotz neben der Bank genehmigt, die Architektur in der Bahnhofstraße ein einziger Flickenteppich und 3 km weiter soll eine Altfinkenkruger Villa abgerissen werden, für einen Parkplatz. Das wären Punkte, die man zur Stadtentwicklung mal besser angehen sollte...

  7. 12.

    Das ist erwiesen und sogar unser Bürgermeistwr hat daran mitgebaut!

  8. 11.

    Ohne über einen Westost Konflikt nachzudenken, gibt es ja offensichtlich Nutzungsmöglichkeiten für die Halle und dann sollte man sie erhalten. Es würde soviel erhaltenswerte Bausubszanz in den letzten Jahrzehnten abgebrochen dass man schon Erhaltung vor Abbruch gelten lassen sollte und zwar im.Osten wie im Westen.

  9. 10.

    "Es gibt Leute, die wollen den Konflikt Ost/West... "
    Ja - leider. Das sind aber wohl die, die vor der Zukunft Angst haben. Aber keine Sorge, die vor denen auch.

  10. 9.

    Es gibt Leute, die wollen den Konflikt Ost/West...
    In diesem Fall der Stadthalle, geht es darum vermutlich nicht so stark. Das ist diesmal ein notwendiger Streit, der ausgetragen werden muss. Und das ist richtig gut so...und die Falkenseer brauchen dafür keinen „Denkmalschiedsrichter“.

  11. 8.

    Naja, mit dem "ungehobenen Schatz" hat die Denkmalschützerin nicht ganz unrecht. Zumal ja wohl schon irgendwann mal begonnen wurde, an den Innenräumen rumzuwerkeln. Hier gibt es eine schöne Bildergalerie
    https://www.falkensee.de/fotos/2/120564/falkensee/bildergalerie/rundgang-durch-die-alte-stadthalle/
    Da geht was.

    @pmv
    Farbgebung - nunja - kann man ändern und sogar "postkommunistische" Gemälde sind vorhanden und Westtechnik ist auf den Fotos auch erkennbar.

    Wann hört dieses schwachsinnige Ost-/West endlich auf und warum ist es ausgerechnet hier so ausgeprägt?

  12. 7.

    Oh, Sie haben „die Lüge“ nicht verstanden? Weil Sie zu den „Sprachverschandler*innen“ gehören? Das was Herr Foidl ausschließend sagt, kann unmöglich stimmen... Merken Sie warum...und wie es richtig und geschlechtsneutral heißen muss?

  13. 6.

    Das gesamte Stadtzentrum muss neu gemacht werden. Vorschlag: von der alten Stadthalle bis zum neuen Kreisverkehr wird eine Fußgängerzone angelegt, die von beiden Seiten aus eine Zufahrt zur ebenfalls neu gebauten Tiefgarage hat. So entsteht eine große Flächen, die neu gestaltet werden können.
    Die Erhaltung der Stadthalle wird nicht billig. Wie sieht's mit Asbest aus? Wie hoch wären die Kosten? Wir leisten uns (glücklicherweise) gerade ein Schwimmbad. In solchen Projekten sehe ich das Geld besser angelegt. Nicht, dass ich etwas gegen Kunstprojekte oder Räume für Verein hätte. Diese Wünsche sind mehr als berechtigt.

  14. 5.

    Es wird ja nichts "ohne Weiteres" zum Denkmal erklärt. Dem Obersten Denkmalschützer kommt in der Tat eine schwierige Entscheid. zu. Hilfreich für alle scheint mir aber auch,den wirklich kritischen Blick der Ausstellungsmacher zur Architektur in Ost und West einschließlich städtebaulicher Lösungen aufzunehmen.Diese Ausstellung wurde lange im Haus der Statistik, einem besonderen Ort nah am Alex gezeigt. Das läuft m.E. auf eine Einzelfallentscheidung hinaus, den die Befürworter zum Erhalt und die Abrissbefürworter sehr sorgsam begleitenmüssen. Denn allen diesen sehr unterschiedl. gestalteten Häusern ist gemeinsam, dass sie als großer Baukörper in meistens histor. Gebäudeumgebung mit einem großen freien Platz davor errichtet wurden. "Bauklotz" umgangsspr. Man müsste herausfinden, was die die Stadt städtebaulich wirklich will. Vor dies. Hintergrund ist die o.g. Ausstellung sehr interessant gewesen: Wege zur "Heilung" u. da hat sich doch einiges gewandelt,die Deutsche Oper blieb auch erhalt

  15. 4.

    Was sagen denn die Falkenseer Bürger zu der Diskussion? Alle nicht nur der genannte Verein.
    Das geht mir beim Thema Denkmalschutz an vielen Stellen durch den Kopf.
    Als ob ein paar Beamte oder Verwaltungen sich ihr Arbeitsfeld selbst zusammenstellen zu Lasten der Allgemeinheit die in Gänze nicht beteiligt ist.
    In Eisenhüttenstadt hat man Probleme den Gehweg zu erneuern, weil die 8eckigen Betonlichtmasten unter Denkmalschutz stehen. Ein paar Exemplare davon einlagern fürs Museum, dann müsste es aber auch mal gut sein. Sind ja nicht wirklich Meisterwerke der Technik. Wenn sie aus dem ersten Stahl aus der Hütte wären ok, dann wäre es was.

  16. 3.

    @Wossi: Freilich wurde die Alte Stadthalle von Falkenseer Bürger*innen errichtet – als sogenannter Initiativbau in der DDR. Wenn Sie in Falkensee mit den Menschen sprechen, werden Sie viele finden, die als Zeitzeug*innen davon erzählen können, wie sie selbst als Schüler*innen im Werkunterricht für die Halle Ziegel brannten. Ihre falschen Unterstellungen sind somit fehl am Platz.

  17. 2.

    "Bürgerinnen der Stadt errichtet worden, sagt Vereinsmitglied Andreas Foidl" - das ist nicht wahr!! Herr Foidl, Sie lügen?
    P.S. Der Streit um den Abriss ist wichtig und notwendig. Aber Denkmal als "Notbremse"?

  18. 1.

    Wie könnte man auch fie unvergleichliche und geschmackvolle DDR-Architektur der Abrissbirne überantworten? Allein die Farbgebung! Und vermutlich ziert ein lebensnaher Mosaikfries das Gebäude, das die Einheit der Werktätigen sinnhaft verdeutlicht. Und dann noch das überzeugende Nachnutzungskonzept - dem Gebäude in jeder Hinsicht ebenbürtig.

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