Museum in Berlin-Schöneberg - Das Qi Gong der Pinguine und andere unerhörte Dinge

Mi 26.01.22 | 11:20 Uhr | Von Jakob Bauer
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Museum der Unerhörten Dinge. (Quelle: dpa/Schoening Berlin)
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Audio: rbbKultur | 25.01.2022 | Jakob Bauer | Bild: imageBROKER Download (mp3, 4 MB)

Als literarische Wunderkammer bezeichnet Roland Albrecht sein "Museum der Unerhörten Dinge" in Berlin-Schöneberg. Der Sammler ist überzeugt: Die Gegenstände kamen zu ihm, um ihre Geschichten zu erzählen. Von Jakob Bauer

Im "Museum der Unerhörten Dinge" befinden sich unter anderem: zwei Teile der Schreibmaschine, auf der Walter Benjamin "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" schrieb. Das Fernrohr des Kolumbus. Der Einschlag eines Gedankenblitzes.

All diese Dinge waren mal unerhört, keiner hat sich über sie Gedanken gemacht. Roland Albrecht schon. Er hat den Dingen eine Stimme gegeben und ihre Geschichten aufgeschrieben. "Eigentlich liegen bei mir die Dinge wie beim Psychoanalytiker auf der Couch und ich widme ihnen meine freischwebende Aufmerksamkeit", sagt er. Diese Dinge würden dann "losplappern und erzählen": "Und ich protokolliere das und fasse es zusammen, und dann kommt eine unerhörte Geschichte heraus."

Maria K. entschloss sich, ihren Traum zur "Traumabgabestelle" zu bringen

Und eine Auswahl aus diesen unerhörten Geschichten hat Albrecht jetzt zu einem Hörbuch zusammengestellt. Ole K. Svendsen von Malottki agiert als Sprecher, er rezitiert mit dem nötigen Ernst diese halb-wissenschaftlichen, halb-wilden, immer wunderschönen Geschichten, zum Beispiel die vom Geduldsfaden, da heißt es: "In dieser Schachtel sind ca. ein Meter Geduldsfäden. Je nach Gebrauch, je nach Lage, kann man einzelne Fäden, einzelne Gedulde entnehmen, abschneiden, oder den ganzen Geduldsstrick verwenden."

Sind diese Geschichten alle frei erfunden? - Jein. Es steckt ein wahrer Kern drin, wenn schon nicht faktisch, dann zumindest auf der Deutungsebene. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Maria K. Die hat sich nach monatelangem Hin- und Her, nach vielen Gesprächen mit Freundinnen und Freunden entschlossen, ihren immer wieder auftauchenden Traum bei einer professionellen "Traum-Abgabestelle" abzugeben.

Interessante Schlenker und das Dazwischen

Die Geschichte über die "Traum-Abgabestelle" ist dann eine Geschichte der Traum-Deutung, über das Bedürfnis der Menschen, dem Unsinnigen des Traums einen Sinn zu geben und die daraus folgende Überforderung im Umgang mit den ständigen Träumereien. Ganz logisch, dass dann irgendwann die Traum-Abgabestellen in Mode kamen.

Weiterdenken ist das, was Albrecht ganz großartig kann, interessante Schlenker, die man selbst in seinem Hirn wohl eher nicht machen würde. "Wie das Museum zwischen der Hausnummer 5 und 6 liegt", sagt er, "so liegen die Geschichten auch immer zwischen Fiktivem und Realem. Es ist immer von beiden Teilen."

Der sogenannte Behördenteller im Museum für Unerhörte Dinge in Berlin. (Quelle: dpa/Soeren Stache)Der sogenannte "Behördenteller"

Nicht wie es ist, sondern wie es sein könnte

Wie es sein könnte, davon erzählen die unerhörten Dinge. Fast jede der Geschichten besitzt dazu ein ausführliches, unzuverlässige Quellenverzeichnis. Da wird ein "S. Freud" zitiert genauso wie ein Buch mit dem Namen "Pinguine in ihrer Lebenswelt", angeblich von 1938, wenn es um die Grundformen des Qi Gongs bei Pinguinen geht. Denn die sich wiederholenden Bewegungen der Pinguine, die Forscher über Jahre beobachtet haben, sind mithilfe von Berliner Tai-Chi-Sachverständigen zum Gesundheitsphänomen geworden: "In vielen Qi-Gong-Schulen sind die Kurse 'Verwurzle dich im Eis – die vier Grundübungen der Pinguine' bereits die am meisten belegten Kurse."

Personalausweis im Museum der Unerhörten Dinge. (Quelle: imago images/Steinach)Ein Personalausweis im Museum der Unerhörten Dinge

Zahlen, Daten, Fakten - alles äußerst präzise belegt

Man muss nicht, aber man kann das schon auch als Parabel auf immer neue, immer schwerer zu verstehende Lifestyle-Trends verstehen. Aber man kann sich auch einfach ganz wunderbar von diesen Geschichten verunsichern lassen, denn Albrecht arbeitet äußerst präzise, nennt echte Menschen, Orte und Begebenheiten, belegt seine Geschichten mit Daten, Zahlen, Wissenschaft und eben vielen Quellen, sodass man durchaus versucht ist zu glauben, dass das "Ahoj" so in die Seefahrt kam:

"Igor Klepper aus dem böhmischen Kutna Hora ging 1634 zur See und sein böhmisches 'Ahoj' zur Begrüßung und Verabschiedung verbreitete sich rasch und ging als eigenständiges Wort zur Schiffsanrufung in die Sprache der Seefahrt ein."

Sendung: rbbKultur, 25.01.2022, 18:45 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ja, die Welt ist voller Wunder und unsere Gesellschaft ist nicht gerade erpicht darauf, sie sehen zu wollen. Weil wir vollkommen in Rationalität verstrickt sind, vom Aufwachen bis zum Zu-Bett-Gehen. Immer schon lebten Menschen auch in einer phantastischen Welt, malten sich - freilich auch abseits einer Schwarzen Pädogogik - in Märchen aus, wie es ganz anders sein könnte, auf Bauten wurden seit jeher zahllose Geschichten erzählt, die Redewendungen lassen an Tiefe nichts wünschen übrig.

    Auch beim geläufigen "OK" gibt es mehrere Deutungen. Die - hier als Brücke zum Rationalen - einleuchtendste Deutung ist für mich diejenige eines Kistenpackers in einem südamerikanischen Ausfuhrhafen, der genau wie die anderen auch seine Initialen auf die Kiste schrieb. Im US-amerik. Einfuhrhafen hatte es sich längst herumgesprochen, dass Kisten mit der Aufschrift "OK" nicht mehr nachkontrolliert zu werden brauchten. Unbesehen.

    Völlig gleich, ob das nun stimmt.

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