Premierenkritik | Neu im ATZE Musiktheater - Modernes Sounddesign und visuelle Kraft

Mo 17.01.22 | 10:42 Uhr | Von Hans Ackermann
Atze Musiktheater mit Max-Beckmann-Saal, Luxemburger Straße, Wedding, Mitte, Berlin (Quelle: dpa/Schoening)
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Audio: Inforadio | 17.01.2022 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Schoening Download (mp3, 3 MB)

Ein elf Jahre alter Junge wird in der Schule von einer Gruppe aus Mitschülern drangsaliert. Im neuen Stück "Ich bin Vincent und ich habe keine Angst" geht es im ATZE Musiktheater um das Thema Mobbing. Von Hans Ackermann

Das tägliche Mobbing nimmt für den elf Jahre alten Vincent beinahe lebensbedrohliche Züge an, wenn ihn seine Peiniger durch den Wald hetzen. "Ich bin auf der Flucht, ich bin noch nie so schnell gerannt, mein Atem brennt mir ihm Hals, mein Herz hämmert wie der Bass der Red Hot Chili Peppers" ruft er ins Publikum. Und fragt verzweifelt seine "Survival - Kenntnisse" ab. Doch aus Büchern zu wissen, wie man in der Wildnis überlebt, hilft auf dem Schulhof wenig.

Man weiß in dieser Szene zu Beginn des Stückes nicht, ob Vincent die dramatische Verfolgungsjagd durch den Wald vielleicht nur träumt. Der Alptraum könnte aber in jedem Fall die Folge seiner realen Erlebnisse sein, gespeist aus Begegnungen, die der Junge jeden Tag in der Schule hat. "Sie stellen sich ganz dicht neben dich. Sie zupfen an deiner Kleidung, fragen, warum du keine normalen Sachen trägst. Du willst weg, aber sie drücken dich gegen die Wand."

Jugendbuch als Vorlage

Bedrückende Sätze, wie man sie auch im Buch der niederländischen Autorin Enne Koens finden kann. Mit ihrem gleichnamigen Roman "Ich bin Vincent und ich habe keine Angst" war sie 2020 für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert. Das erfolgreiche Buch soll demnächst auch für das Kino verfilmt werden.

In der gelungenen Inszenierung von Mattias Schönfeldt kommt das Mobbing, die Ausgrenzung und Demütigung einzelner Schülerinnen und Schüler, nicht nur im Text auf die Bühne, sondern wird im Verlauf des gut 90 Minuten dauernden Stückes immer wieder ganz ohne Worte dargestellt, mit Pantomime und Tanz. Und diese Choreographien von Maria Walser, die sichtbar vom Breakdance beeinflusst sind, geben dem Stück eine enorme visuelle Kraft.

Songs und Sounddesign live

Die stärkste Wirkung hat im Atze Musiktheater aber wie immer die Musik, die Songs und Chöre, die sich die Komponistin und musikalische Leiterin des Hauses, Sinem Altan und der Sänger, Schauspieler und Erzähler des Stückes, llja Pletner ausgedacht haben.

Hinzu kommt ein beeindruckendes Soundkonzept, das die Elektro-Produzentin Gülin Mansur alias "Rusnam" beisteuert. Die vielseitige Berliner Sounddesignerin liefert ihre Geräusche und Effekte nicht etwa als Konserve ab, sondern ist live am Geschehen auf der Bühne beteiligt.

Links vor dem Vorhang hat sie sich an einem eigenen Pult mit Computern und Samplern aufgebaut, steuert von dort über verschiedene Controller und Pads ihre Live-Elektronik - immer mit dem Blick auf die Schauspielerinnen und Schauspieler, deren Texte sie verhallt und verzerrt und damit die Wirkung der Texte eindrucksvoll verstärkt.

Problem zumindest visionär gelöst

Im modernen Jugendtheater muss am Ende natürlich auch noch das jugendsoziologische Problem gelöst werden. Erfreulicherweise geschieht dies mit den visionären Mitteln der Kunst: Vincent und seine neu-gefundene Freundin Jacqueline - Spitzname "Die Jacke" - schließen sich zusammen, gründen eine Schulband und zeigen den fiesen Mobbern damit, wer in der Klasse in Wirklichkeit die Starken sind.

Sendung: Inforadio, 17.01.2022, 6:55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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