Interview | Pornos mit Anspruch - "Der Sex ist immer Teil einer größeren Story"

Sa 22.01.22 | 20:51 Uhr
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"Obituary" 2020 von Noel Alejandro (Quelle: Noel Alejandro)
Bild: Noel Alejandro

Viele machen es, die wenigsten reden darüber: Pornos schauen. Das liegt auch an der oft billigen Machart. Dass erotische Filme ästhetisch ansprechend sein können, beweist dagegen der in Berlin lebende Filmemacher Noel Alejandro.

Der Regisseur Noel Alejandro greift in seinen Filmen unterschiedlichste Themen auf: Gewalt, Einsamkeit, Depressionen. Doch was sie eint, ist der Sex, den die männlichen Darsteller ausnahmslos immer miteinander haben. Und der wird nicht nur angedeutet, sondern explizit gezeigt: Alejandro dreht erotische Filme.

Was diese von den meisten Pornos à la PornHub und Co. unterscheidet, ist die Machart. Denn die Filme sind professionell gedreht; Alejandros Filmcrew besteht aus über 20 Personen mit Licht, Ton und Kamera. Auch die Sexszenen unterscheiden sich von den meisten Mainstream-Pornos. In Alejandros Filmen geht es nicht hemmungslos und brachial zu, sondern meist ganz menschlich und intim.

Die Dreharbeiten eines Films von Noel Alejandro (Quelle: Noel Alejandro)
Bild: Santiago Perez / Noel Alejandro

rbb|24: Noel Alejandro, was hat Sie dazu motiviert, erotische Filme zu drehen?

Noel Alejandro: Ich habe selten Pornos für Schwule gesehen, die schön produziert waren, die tatsächlich eine Handlung erzählen. Und wenn es mal eine Handlung gab, glich sie meistens einer Parodie. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Macher dieser Pornos ihre eigenen Werke nicht ernst nehmen. Genau das wollte ich ändern.

Sie bezeichnen Ihre Filme selbst meist als erotische Filme, nicht als Pornos. Worin liegt für Sie der Unterschied?

Die Mainstream-Pornos, die wir auf den gängigen Websites finden, sind für die meisten Zuschauer:innen nur Mittel zum Zweck. Ich hoffe, dass die Zuschauer:innen meine Filme eben nicht nur wegen der Sex-Szenen schauen, sondern auch wegen der Geschichte, die erzählt wird. Zudem haben wir eine große Crew, die alles daran setzt, dass unsere Filme einen ästhetischen Anspruch erfüllen. Es geht in meinen Filmen nicht nur darum, zwei Menschen zu zeigen, die miteinander Sex haben. Der Sex ist immer Teil einer größeren Story. Und trotzdem sind meine Filme für mich auch Pornos. Ich habe aber manchmal meine Probleme damit, sie so zu bezeichnen. Der Begriff Porno ist negativ konnotiert; die meisten verbinden damit etwas Schmuddeliges.

Zur Person

Regisseur Noel Alejandro (Quelle: Noel Alejandro)
Robert B. - CPGN Photography / Noel Alejandro

Noel Alejandro (Jahrgang 1987) wurde in Barcelona geboren und lebt in Berlin. Er ist ein unabhängiger Filmemacher und Regisseur für alternative Erwachsenenfilme.

Es geht Ihnen also auch darum, unsere Sehgewohnheiten zu ändern. In Ihren Filmen sehen wir dennoch meistens nur Männer, die einem konventionellen Schönheitsideal entsprechen.

Das sehe ich nicht so. In den Mainstream-Schwulenpornos sehen wir hypermaskuline aufgepumpte Männer. In meinen Filmen sieht man auch mal dünne und untrainierte Männer. Für mich ist es wichtiger, dass die Darsteller Charisma vor der Kamera versprühen.

Sind Mainstream-Pornos problematisch?

Ich finde sie nicht per se problematisch. Ich finde aber, dass wir Alternativen zu dem brauchen, was wir sonst so im Internet finden. Dennoch schaue ich auch selbst Mainstream-Pornos. Sie müssen aber authentisch sein. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich gekünstelten Sex zu sehen bekomme, dann mache ich den Film aus.

Bei Ihren Filmen blenden Sie am Anfang ein, dass die Darsteller auf Geschlechtskrankheiten getestet werden und selbst darüber entscheiden können, ob sie Kondome benutzen oder nicht. Warum ist es Ihnen wichtig, diese Informationen mit den Zuschauer:innen zu teilen?

Wenn du einen Film produzierst und veröffentlichst, bildest du deine Zuschauer:innen in gewisser Weise. Viele Menschen nutzen Pornos als Instrument zur Sexualaufklärung. Ich habe das gleiche getan, als ich jünger war. Ich habe Sachen, die ich in Pornos gesehen habe, in mein Sexleben integriert. Deshalb tragen Filmemacher:innen meiner Meinung nach auch eine gewisse Verantwortung.

Wenn wir schon bei Ihren Zuschauer:innen sind: Wer schaut Ihre Filme eigentlich?

Vor allem Männer, die auf Männer stehen, im Alter zwischen 25 und 35 Jahren. Aber auch viele Frauen schauen meine Filme. Das hat mich, um ehrlich zu sein, überrascht.

Die Dreharbeiten eines Films von Noel Alejandro (Quelle: Noel Alejandro)
Bild: Santiago Perez / Noel Alejandro

Sie möchten den Sex in Ihren Filmen so natürlich wie möglich darstellen. Wie gelingt das, wenn die Darsteller von einer mehrköpfigen Filmcrew beobachtet werden?

Wenn die Darsteller Sex haben, versuchen wir, so wenige Menschen wie möglich am Set zu sein. Zudem gebe ich ihnen keine Anweisungen. Ich lasse die Darsteller einfach Sex haben und bin dabei ein stiller Beobachter.

Beim Sex geht auch mal was schief; man bekommt keinen hoch oder kommt zu schnell. Wie gehen Sie damit um, wenn so etwas am Set passiert?

Sollte ein Darsteller sich mal nicht konzentrieren können und keinen hoch bekommen, dann verlässt meistens die ganze Filmcrew das Set. Wie durch ein Wunder funktioniert dann alles wieder innerhalb von Minuten. Wenn jemand mal nicht kommen kann, ist das nicht so schlimm – dann kommt diese Person nicht. Wir müssen nicht zwingend eine Ejakulation im Film zeigen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Noel Alejandro führte Christopher Ferner.

17 Kommentare

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  1. 17.

    Das Kurt Wilhelm das Bild ekelhaft findet, liegt doch bestimmt nur daran, dass einer der Protagonisten die Achselhaare nicht rasiert hat. ;-))

  2. 16.

    Ich nicht! Ist das jetzt nur eine ästhetische Meinung oder heutzutage schon homophob und menschenfeindlich?:-(

  3. 15.

    Ich finde übrigens das Bild sehr schön uns ästhetisch anzusehen!

  4. 14.

    Netter Versuch, aber trennend und rückwärtsgewandt empfinde ich nur Ihren latent homophoben Versuch, die Meinung des rbb zu diskreditieren. Der Wilhelm ist kein Opfer seiner Botschaft, denn Hass und Menschenfeindlichkeit haften Tätern an.

  5. 13.

    Derr rbb24 hat „homophop“ mit Bedacht richtig gewählt, weil eine „Feindlichkeit“ nicht zu erkennen ist. Aber er wird durch die unnötige und falsche Grammatik mit eindeutiger Biologisierung zum Opfer seiner Botschaft. Zur Zeit ist der Zeitgeist eher umgedreht: die Sprache soll sich gegen jede Art von Unterscheidung nach Abstammung, Hautfarbe oder anderen unabänderlichen Eigenschaften wehren. Deshalb ist die rbb-Sprachform eher unmodern und rückwärtsgewandt, letztendlich sogar trennend. Es gibt keine, und kann keine Diskussionen darüber geben, wer im Plural eingeschlossen ist oder nicht. Sprachwissenschaftlich gibt es da einen Konsens.(das Mädchen, die Leiter usw.) und keinen Dissens. Denn Wissen ist Aufklärung und gleich Freiheit...(!) weil Alle gemeint sind... Schön nicht?

  6. 12.

    Hallo rbb24, "Homophob" würde ja bedeuten, das dieser Mensch Angst vor nicht-hetero-Menschen und -Themen hat. Ich denke, es handelt sich hier vielmehr um Homofeindlichkeit, was ein entscheidender Unterschied ist. Dennoch Danke für den Konter, der ansonsten aus Ihrer Richtung oftmals schwer vermisst wird bei all den rassistischen, rechten und sexistischen Kommentaren, die auf der Webseite so stehen gelassen werden.

  7. 11.

    Volle Zustimmung, rbb24. Gut gesagt.
    Und Kurt: Einfach mal leben und lieben und leben und lieben lassen. Vielleicht fände es ja auch nicht jeder ästhetisch, Sie in so einer Pose am Frühstücksstisch zu sehen...

  8. 10.

    Es interessiert niemanden, wen Sie lieben wollen, können, sollen. Liebe ist frei und immer richtig. Es schaut nicht jeder erotische Filme und nicht jeder geht zu Prostituierten und Sex verbindet nicht jeder mit Liebe, aber Liebe ist ein Geschenk, denn Liebe ist immer richtig und entspringt der Selbstliebe. Nur wer sich selbst liebt, kann auch andere akzeptieren und lieben. Selbstliebe bedeutet eben auch Toleranz und Großzügigkeit anderen gegenüber. Vielleicht klappt es dann auch bei Ihnen.

  9. 9.

    Ein sehr schönes Foto mit schönen und ästhetischen Körpern. Nun gut, Sie wären nicht so schön anzusehen, sicher würde mir bei Ihrem Anblick der Kaffee auch nicht schmecken, aber was soll es, der Kurt Wilhelm hat Angst vor Menschen, Angst vor der Liebe und Angst vor Emotionen. Er hat nur keine Angst, andere Menschen beleidigen zu wollen. Aber eines wissen wir nun, Kurt Wilhelm lebt im Gestern, ist unfrei, verklemmt und schreibt homophobe Kommentare. Vielen Dank, Ihr Outing war deutlich.

  10. 8.

    Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Ihre falsche Grammatik in der Kombination mit der Bildauswahl als „Umerziehung“ und damit ablehnend bewertet werden könnte? Normal und Gleichberechtigung ist etwas anderes, nämlich wenn man natürlicher damit umgeht.

  11. 7.

    Was ist daran genau ekelhaft???
    Weil es zwei Männer sind, die sich lieben??
    Weil der eine dunkelhäutig ist??

    Homophobie und Rassismus!
    Ich bin auch während meines Kaffees am Morgen von Ihnen angeekelt!

  12. 6.

    Nicht soviel mit sich selbst beschäftigen und das „Beuteschema“ (Ansprüche) wechseln?

  13. 5.

    Lieber RBB, danke für diese prompte Klarstellung! Sie könnte so im O- Ton von mir kommen.
    Ich bin entsetzt über diesen gehässigen, homophoben Kommentar und dachte, wir wären längst weiter.

  14. 4.

    Ich weiß zwar nicht was an dem Foto ekelhaft ist aber lassen Sie sich ihr Frühstücksei schmecken. Ich finds angenehm auch endlich mal einen Artikel zu lesen der sich nicht um den täglichen Coronamist dreht. Gerade in Zeiten von Isolation ist das Thema Porno relevanter als Sie vielleicht glauben mögen.

  15. 3.

    Hallo Kurt, Ästhetik liegt immer auch im Auge der Betrachter:in, aber "ekelhaft" ist an unserer Bildwahl nun wirklich nichts. Ekelhaft ist höchstens die homophobe Einstellung hinter solchen Kommentaren.

  16. 2.

    Eigentlich wollte ich zu Sonntag schön frühstücken, aber das wurde mir durch das ekelhafte Foto zu Anfangs in diesem Beitrag, regelrecht verdorben! Einen schönen Dank dafür, lieber rbb24!

  17. 1.

    Mal eine ganz blöde Frage: Wozu dienen eigentlich solche Filme? Jetzt mal abgesehen davon, dass ich mich nicht für Männer interessiere, sondern nur für Frauen, diese sich aber leider nicht für mich interessieren. Aber ich habe mir auch noch keinen Porno angesehen, wo Männer und Frauen was miteinander machen, weil für mich nicht relevant ist, was andere miteinander machen. Mir wäre viel mehr an Informationen darüber gelegen, wie sich überhaupt Leute kennenlernen, die dann vielleicht auch mal Sex haben. Ich beschäftige mich jetzt seit mehr als 20 Jahren mit diesem Thema, und komme zu keinem Ergebnis.

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