Theaterkritik | "Mein Name sei Gantenbein" am BE - Der Dämon und sein Spiel

Sa 15.01.22 | 13:06 Uhr | Von Cora Knoblauch
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Berliner Ensemble: "Mein Name sei Gantenbein" von Max Frisch © Matthias Horn
Matthias Horn
Video: Abendschau | 14.01.2022 | Petra Gute | Bild: Matthias Horn

20 Jahre drehte Matthias Brandt vor allem Filme. Nun ist er auf der Theaterbühne zurück. Am Berliner Ensemble inszeniert Intendant Oliver Reese nach Max Frisch "Mein Name sei Gantenbein" als knapp zweistündigen Soloabend für Brandt. Von Cora Knoblauch

"Es gibt einen Dämon. Und der Dämon duldet kein Spiel, ausgenommen sein eigenes", sagt der Erzähler einmal. Es spricht dieser Mann namens Gantenbein, der vorgibt blind zu sein. Seine Frau Lila, Schauspielerin, macht bei dem Spiel bereitwillig mit. Ihr Mann gibt vor, nichts zu sehen, und Lila muss sich nicht verstellen. Für eine zeitlang ein scheinbar kommoder Deal.

Max Frischs berühmter Roman ist in gewisser Weise auch eine Geschichte über das Schauspiel. Umso passender, dass ein vielfach ausgezeichneter Schauspieler wie Matthias Brandt explizit diesen unglaublich textlastigen Abend im schauspielerischen Alleingang übernehmen wollte. Nach 20 Jahren Bühnenabstinenz. Der Intendant des Berliner Ensembles, Oliver Reese, hat den knapp zweistündigen Soloabend für Brandt inszeniert.

Polizeiruf, Babylon Berlin und nun Gantenbein

Matthias Brandt hat in mehr als 80 Filmen und Serien gespielt, ermittelte jahrelang im Münchner Polizeiruf, war zu sehen unter anderem in der Serie "Babylon Berlin" und dem Fernsehfilm "Sörensen hat Angst". Die knapp zwei Stunden Max-Frisch-Text ohne Pause meistert er mühelos.

Nach einem eher ruhigen, zurückhaltenden Anfang verschmilzt Brandt mit den verschiedenen Männertypen aus dem Roman. Gantenbein, Svoboda, Enderlin - alle drei Männer lieben eine Frau, als Ehemann oder Geliebter. Nun ja, Liebe - was sind wir bereit für sie zu ertragen, wo schauen wir lieber nicht hin und wo dient es vielleicht tatsächlich dem partnerschaftlich Frieden, mal beide Augen zuzudrücken?

Geschichten anprobieren wie Kleider

Brandt ist mal der eine, dann der andere dieser drei Männer, manchmal wechselt er die Identität in einem Satz. "Ich probiere Geschichten an wie neue Kleider", sagt der Erzähler zu Beginn des Stücks. Bei Kleidern sei es ja so, dass sie immer an denselben Stellen Falten schlügen, egal wie billig oder teuer die Kleidungsstücke seien, sagt er. Bei den Geschichten ist es am Schluss nicht viel anders: die drei Männer, so unterschiedlich ihre Leben auch verlaufen, stolpern über ihre Eifersucht, ihre Lebenslügen und ihre Unfähigkeit, über Gefühle zu sprechen. Die Falten drücken eben immer an derselben Stelle.

Schmerz, Wut und Feigheit

Für Brandts Einmann-Spiel wird die Bühne des Berliner Ensemble klugerweise etwas verkleinert. Der Schauspieler agiert in einer Art holzvertäfeltem Schaukasten, einem möbelfreien, teuren, skandinavischem Loft vielleicht. Requisiten gibt es kaum, hauptsächlich Gantenbeins Fake-Blindenbrille und ab und zu ein Whiskey-Glas. Matthias Brandt braucht fast nichts, um in diesem nüchternen Schaukasten den Schmerz, die Wut und die Feigheit dieser Männergestalten auszubreiten.

Intendant und Regisseur Oliver Reese findet den Roman von Max Frisch heute im Grunde aktueller als damals, Mitte der 1960er Jahre. Die Fragen nach Identität, danach, wer wir im Leben gerne sein möchten, seien allgegenwärtig, sagte Reese kürzlich in einem rbb-Interview. Das Premierenpublikum jedenfalls ist begeistert und beschenkt Brandt mit langanhaltendem Applaus, Fußgetrappel und unermüdlichen Bravo-Rufen.

Sendung: Inforadio, 15.01.2021, 7:55 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

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1 Kommentar

  1. 1.

    Dir Rolle Gantenbeins kann nur matthias Brandt spielen. Ich kenne keinen Schauspieler, bei welchem seine Sensibilität so in’d Gesicht geschrieben ist wie bei Brandt. Und ich kenne keinen intelligenteren.

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